Die fallenden Mortalitätsraten stehen im Gegensatz zu den Ergebnissen in den USA: Interview

DIW Wochenbericht 7/8 / 2019, S. 106

Julia Schmieder, Erich Wittenberg

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Frau Schmieder, Sie haben die Mortalitätsrate für Männer und Frauen mittleren Alters in Deutschland untersucht und sie in Bezug zu einer ähnlichen Studie in den USA gesetzt. Was hat Sie an diesem Vergleich interessiert? In den USA ist die allgemeine Mortalitätsrate seit Ende der 90er Jahre für eine ganz bestimmte Bevölkerungsgruppe gestiegen. Das ist die Gruppe von weißen nichthispanischen Männern und Frauen mit geringer Bildung. Dieser Anstieg wird damit erklärt, dass die Lebensumstände für diese Gruppe sich zunehmend verschlechtert haben. Uns hat interessiert, ob es in Deutschland eine ähnliche Bevölkerungsgruppe gibt, für die wir auch solch ein Phänomen beobachten können. Deutschland ist ein besonders interessantes Beispiel, da die Männer und Frauen in Ostdeutschland durch die Wiedervereinigung sehr starke Veränderungen in ihren Lebensumständen erfahren haben.

Was sind die wichtigsten Ergebnisse Ihrer Studie? Ein zentrales Ergebnis unserer Studie sind die fallenden allgemeinen und ursachenspezifischen Mortalitätsraten für Männer und Frauen in Ost und Westdeutschland. Das ist etwas sehr Erfreuliches und steht im Gegensatz zu den Ergebnissen in den USA. Ein weiteres wichtiges Ergebnis ist ein persistenter Unterschied der Sterblichkeit zwischen Männern in Ost-und Westdeutschland.

Inwieweit unterscheidet sich die Entwicklung der Mortalität zwischen West- und Ostdeutschland? Die Mortalitätsrate für Männer war in Ostdeutschland 1990 deutlich höher als in Westdeutschland. In den 90er Jahren gab es dann eine Annäherung, seit den 2000ern ist jedoch ein stagnierender Unterschied zu beobachten mit einer höheren Sterblichkeit von ostdeutschen Männern im Vergleich zu westdeutschen Männern. Bei Frauen war der Unterschied in den 90er Jahren relativ gering, aber nach der Wiedervereinigung hat eine sehr schnelle Angleichung der Mortalitätsraten stattgefunden.

Welche Rolle spielen Suizide und Todesfälle, die auf Alkohol oder Drogen zurückzuführen sind? Tode durch Suizide oder solche, die mit Alkohol und Drogen zusammenhängen, werden von uns als sogenannte Deaths of Despair, zu Deutsch Tode aus Verzweiflung, zusammengefasst. Auch für diese Todesursachen können wir feststellen, dass die Mortalitätsraten seit 1991 für Männer und Frauen in Ost- und Westdeutschland sinken. Die Muster sind sehr ähnlich, und auch hier beobachten wir einen stagnierenden Unterschied zwischen ost-und westdeutschen Männern.

Warum haben Männer in Ost- und Westdeutschland noch immer eine unterschiedliche Sterblichkeitsrate? Allgemein spielen dabei drei Gruppen von Todesursachen eine Rolle. Das sind zum einen Krankheiten des Kreislaufsystems und Tumorerkrankungen. Deren Zahl ist in Ostdeutschland höher als in Westdeutschland. Die dritte Gruppe sind die Deaths of Despair. Hier finden wir, dass in Ostdeutschland deutlich mehr Männer im mittleren Alter durch alkoholbedingte Lebererkrankungen sterben als in Westdeutschland. Das Alkoholkonsumverhalten ist zwar in West- und Ostdeutschland im Durchschnitt relativ ähnlich, bedeutend ist aber, dass in Ostdeutschland der Anteil an Männern mit einem riskanten Alkoholkonsum deutlich höher ist als in Westdeutschland.

Wie ist der Unterschied zu der Entwicklung in den USA zu erklären? Eine wichtige Rolle spielen vermutlich die unterschiedlichen Wohlfahrtssysteme. In Deutschland sind soziale, wirtschaftliche und gesundheitliche Risiken deutlich besser abgesichert als in den USA.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg

Julia Schmieder

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Staat