Wachstumsdynamik wird vielerorts zunehmend vom Konsum statt von Investitionen getragen: Interview

DIW Wochenbericht 11 / 2019, S. 184

Claus Michelsen, Erich Wittenberg

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Herr Michelsen, die Zeiten der Hochkonjunktur sind in Deutschland vorbei. Wird sich die Dynamik der deutschen Wirtschaft weiterhin abkühlen? Nach dem starken Wachstum der Jahre 2017 und 2018 kam es zu einer merklichen Abkühlung im zweiten Halbjahr. Das setzt sich unserer Einschätzung nach fort. Die Wachstumsraten werden deutlich geringer ausfallen als noch im Vorjahr. Wir gehen momentan davon aus, dass wir in diesem Jahr noch ein solides Wachstum der Wirtschaftsleistung in einer Größenordnung von einem Prozent erleben werden. Allerdings ist das alles andere als in Stein gemeißelt, denn das hängt davon ab, in welche Richtung bestimmte Entwicklungen gehen.

Was macht es so schwierig, die derzeitige Situation exakt einzuschätzen? Die Indikatorenlage ist alles andere als eindeutig. Auf der einen Seite wissen wir, dass es in der Automobilindustrie und auch in der chemischen Industrie zu Sondereffekten gekommen ist, die mit Abgaszertifizierungen zusammenhingen oder auch mit dem Niedrigwasser des Rheins im Herbst. Daher müsste es im ersten Quartal eigentlich Rückprall- und Aufholeffekte geben. Dafür gibt es auch klare Hinweise, beispielsweise die wieder steigenden Umsätze in der Automobilindustrie. Auf der anderen Seite ist die inländische Produktion noch nicht so stark angesprungen, dass wir von einem ordentlichen Aufholprozess sprechen können. Nun ist die Frage, ob es diese Aufholeffekte also gibt oder nicht – und falls ja, wann sie eintreten. Bleiben sie aus, wird das Wirtschaftswachstum in Deutschland deutlich geringer ausfallen, als wir es jetzt prognostizieren.

Inwieweit sind diese Aufholeffekte durch den Dieselskandal und auch durch die Umbrüche der Automobilindustrie in Richtung Elektromobilität gefährdet? Das spielt sicherlich eine Rolle. Bisher haben wir das eher als ein Zulassungsproblem und weniger als ein Nachfrageproblem interpretiert. Dafür spricht auch, dass die Sparquote der privaten Haushalte genau in dem Moment hochgeschnellt ist, als die Produktion und der Absatz von Automobilen einbrach. Das lässt darauf schließen, dass Haushalte Autos kaufen wollten, aber nicht konnten und den Kauf daraufhin in die Zukunft verschoben. Inwiefern es gerade strukturelle Veränderungen in der Automobilindustrie gibt, können wir nur relativ vage einschätzen. Der Absatz von Dieselfahrzeugen ist stark gesunken. Der Trend zum Benziner wiederum hat zur Folge, dass die Automobilhersteller ihre Flotten nicht mehr so CO2-günstig darstellen können wie vorher. Das gibt der Elektromobilität einen Schub, für die die Infrastruktur in Deutschland allerdings nicht besonders gut ausgebaut ist.

Nicht nur die Automobilindustrie, sondern auch die Investitionsgüterindustrie hat eine große Bedeutung für den Export. Inwieweit leidet die Investitionsgüterindustrie in Deutschland unter der aktuellen Lage auf dem Weltmarkt? Uns bereitet vor allem die Entwicklung in China Sorge, aber auch in Teilen des Euroraums. Dort ist die Nachfrage, gerade nach Investitionsgütern aus Deutschland, eingebrochen oder zurückgegangen. Das schlägt sich auch in einer schwächeren Entwicklung der deutschen Exportindustrie nieder. Insgesamt ist der Ausblick für die Weltwirtschaft zwar relativ solide, allerdings wird die Wachstumsdynamik vielerorts zunehmend vom Konsum statt von Investitionen getragen. Das wiederum ist schlecht für die deutsche Industrie, denn sie exportiert in erster Linie Investitionsgüter.

Wie sieht es beim privaten Konsum in Deutschland aus? Die privaten Haushalte sind eigentlich ganz gut aufgestellt, denn die Einkommen steigen nach wie vor kräftig. Der Arbeitsmarkt läuft gut, wir haben einen Rekordbeschäftigungsaufbau, der trotz aller Unkenrufe ungebrochen weitergeht. Dazu hat die GroKo für Entlastungen gesorgt, vor allem weil zu Jahresbeginn die paritätische Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung wieder eingeführt wurde. Im Grunde genommen haben die privaten Haushalte genug Geld, sie müssen es nur ausgeben. Hier liegt dann der Hase im Pfeffer.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

Claus Michelsen

Abteilungsleiter in der Abteilung Konjunkturpolitik

Themen: Konjunktur