Nichtmonetäre Effekte von Bildung sind mindestens so wichtig wie monetäre: Interview

DIW Wochenbericht 12 / 2019, S. 211

Daniel D. Schnitzlein, Erich Wittenberg

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Herr Schnitzlein, das DIW Berlin hat untersucht, inwieweit die Lebenserwartung und auch die psychische Gesundheit mit der Bildung der Eltern zusammenhängen. Häufig stehen beim Thema Bildung eher monetäre Effekte im Fokus. Was hat Sie an dieser speziellen Fragestellung interessiert? Zumindest in der Volkswirtschaftslehre ist der Zusammenhang zwischen Bildung und späterem Einkommen einer der am intensivsten untersuchten Zusammenhänge überhaupt. Die Frage, welche zusätzlichen Effekte Bildung haben könnte, stand in der Vergangenheit weniger im Fokus. Die OECD hat in ihren letzten Berichten begonnen, sich das näher anzusehen. Wir haben nun in einem Forschungsprojekt den Fokus ganz speziell auf solche nichtmonetären Effekte von Bildung gelegt. Genauer gesagt haben wir uns angesehen, wie die elterliche Bildung langfristig mit der Lebenserwartung ihrer erwachsenen Kinder zusammenhängt und welchen Effekt die Bildung der Eltern auf die psychische Gesundheit ihrer erwachsenen Kinder hat.

Wie wichtig sind nichtmonetäre Effekte von Bildung? Ich denke, es ist genauso wichtig, ob man später ein höheres Einkommen hat oder ob man eine bessere Gesundheit und eine längere Lebenserwartung hat. Man kann sich beispielsweise auch Effekte auf Eheschließungen oder die Stabilität von Ehen vorstellen. Da gibt es ein sehr breites Feld an möglichen nichtmonetären Effekten und ich würde sagen, die sind mindestens genauso wichtig wie die monetären Effekte.

Inwieweit gibt es einen Zusammenhang zwischen der Bildung von Müttern und der psychischen Gesundheit ihrer Kinder? In der Studie, die sich mit der psychischen Gesundheit beschäftigt, haben wir uns angeschaut, welche Auswirkungen die Ausweitung der Pflichtschulzeit in den 1940er bis 1960er Jahren in Westdeutschland auf die psychische Gesundheit der Kinder im Erwachsenenalter hatte. Es geht hier also um die Kohorten der Kinder, die heute bereits erwachsen sind. Und da stellen wir fest, dass mehr Schulbildung für die Mütter, ausgelöst durch diese Pflichtschulzeiterweiterung, keine positiven Effekte auf die Gesundheit der Kinder hat. Auf die Töchter hat sie sogar einen leicht negativen Effekt.

Wie ist das zu erklären? Bildung hat doch normalerweise positive Effekte. Ja, wir sehen auch eine ganze Reihe positiver Effekte auf die Mütter, auf die Haushaltsumgebung und auch auf ihren Arbeitsmarktstatus. Wir sehen, dass sie ein höheres Einkommen haben. Auch das Bildungsniveau des Partners ist höher. Das sollte sich eigentlich auch positiv auf die psychische Gesundheit der Kinder auswirken. Es scheint jedoch andere Mechanismen zu geben, die wir mit unserem Studiendesign nicht rekonstruieren konnten.

Wie wirkt sich der Bildungsabschluss der Mütter auf die Lebenserwartung der Kinder aus? In dieser Studie haben die beiden Kollegen den Bildungsgrad der Mütter in zwei Kategorien eingeteilt: Mütter, die entweder einen Volksschul- oder gar keinen Schulabschluss hatten und Mütter, die einen Real- oder Gymnasialschulabschluss hatten. Im Ergebnis zeigt sich, dass Kinder von Müttern mit höherem Bildungsabschluss ab dem 65. Lebensjahr eine um durchschnittlich zwei Jahre höhere Lebenserwartung hatten.

Was können diese Ergebnisse für die Bildungspolitik bedeuten? Wenn wir wollen, dass die Gesundheit der Kinder unabhängiger vom Bildungsgrad der Eltern wird, müssten die externen Betreuungsmöglichkeiten sowohl in der Quantität als auch in der Qualität ausgebaut werden, um Nachteile, die sich aus dem Familienhintergrund ergeben, auszugleichen.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

Daniel D. Schnitzlein

Juniorprofessor in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel