Eine weitere Anhebung der Altersgrenzen ohne flankierende Maßnahmen würde ich sehr kritisch sehen: Interview

DIW Wochenbericht 16/17 / 2019, S. 284

Johannes Geyer, Erich Wittenberg

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Herr Geyer, mit der sogenannten „Rente mit 67“ sollen die Kosten des demografischen Wandels besser bewältigt werden. Sie haben untersucht, wie sich der Rentenzugang in den kommenden Jahren entwickelt. Wie sind Sie dabei vorgegangen? Wir haben dafür ein empirisches Modell entwickelt, das den Rentenzugang in der Zukunft simulieren soll und haben dafür zwei unterschiedliche Szenarien definiert: einmal mit einem weiteren Anstieg der Beschäftigung und ein nicht ganz so optimistisches Szenario, in dem die Beschäftigung auf dem heutigen Stand verharrt und sich die Erwerbsquoten der Älteren trotz steigender Altersgrenzen nicht mehr anpassen.

Wie hoch ist derzeit das tatsächliche Rentenzugangsalter im Durchschnitt? Im Durchschnitt liegt das Rentenzugangsalter für Männer und Frauen ungefähr gleich bei 64 Jahren bei den Altersrenten. Bei den Erwerbsminderungsrenten ist es etwas niedriger, da liegt es bei Anfang 50.

Wie weit wird das Renteneintrittsalter in den nächsten Jahren ansteigen? Nach unseren Berechnungen hängt das von der Entwicklung des Arbeitsmarktes ab. Wenn der Arbeitsmarkt sich nicht so stark entwickelt, sondern ungefähr auf dem heutigen Stand verharrt, dann rechnen wir mit einem Anstieg von 1,2 Jahren. Wenn der Arbeitsmarkt stärker anzieht, schätzen wir den weiteren Anstieg auf 1,6 Jahre.

Welche sozialen Folgen hat die Anhebung der Altersgrenzen für den Rentenzugang? Je nachdem wie gut sich die Menschen an die Anhebung der Altersgrenzen anpassen können, hat das unterschiedliche Konsequenzen. Menschen mit guten Arbeitsmarktrisiken, die hochgebildet sind und in stabilen Beschäftigungsverhältnissen stehen, können meistens ohne größere Probleme ihre Erwerbszeit ausdehnen. Ganz anders sieht es bei Menschen mit geringer Bildung, in manuellen Berufen oder Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen aus. Die haben Probleme, bis zu dieser höheren Altersgrenze weiter am Arbeitsmarkt aktiv zu sein und nicht in einem prekären Übergang zu landen.

Wie unterscheiden sich die Erwerbsquoten und die Qualität der Jobs bei Personen im Alter zwischen 60 und 67 je nach Bildungsstand und Geschlecht? Wir sehen bei den bei den über 60-jährigen Männern eine Erwerbsquote von ungefähr 80 Prozent, bei den Frauen dieser Altersgruppe liegt sie ungefähr bei 65 Prozent. Das differenziert sich innerhalb der Gruppen noch einmal stark. Die Geringqualifizierten haben eine ganz niedrige Erwerbsquote, die höher Qualifizierten eine höhere Erwerbsquote. Ungefähr so differenziert sich auch noch einmal die Qualität der Jobs.

Wie groß ist der Anteil der Personen, die aus der Erwerbslosigkeit in Rente gehen? Erstaunlicherweise finden wir auch heute bei den hohen Erwerbsquoten, dass rund 40 Prozent aller Rentenzugänge aus der Erwerbslosigkeit stattfindet. Das unterscheidet sich noch einmal nach Arbeitslosigkeit und sonstiger Erwerbslosigkeit, insbesondere bei Frauen. Die haben sich größtenteils schon vorher aus dem Arbeitsmarkt herausgezogen und gehen dann in Rente.

Ist die Grenze mittlerweile erreicht oder müsste die Lebensarbeitszeit weiter ausgedehnt werden, um die Kosten des demografischen Wandels zu bewältigen? Wenn man die Altersgrenzen weiter anheben will, dann muss man sich darüber im Klaren sein, dass das den Druck auf Menschen, die mit schlechten Arbeitsmarktcharakteristika an diese Grenzen kommen, immer stärker erhöht. Wir werden dann eine noch stärkere Polarisierung beim Rentenzugang sehen. Menschen müssen dann erwerbstätig bleiben, aber können es eigentlich nicht. Umgekehrt würde es bei den besseren Jobs wahrscheinlich gehen. Eine einfache weitere Anhebung der Altersgrenzen ohne flankierende Maßnahmen würde ich sehr kritisch sehen.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

Johannes Geyer

Stellvertretender Abteilungsleiter in der Abteilung Staat