Die Menschen brauchen Lösungen, um sinkende Rentenniveaus zu kompensieren: Interview

DIW Wochenbericht 21/22 / 2019, S. 384

Johannes Geyer, Erich Wittenberg

get_appBeitrag (PDF  140 KB)

Herr Geyer, Sie haben untersucht, wie sich eine Absenkung, beziehungsweise eine Erhöhung des Rentenniveaus auf das Armutsrisiko der älteren Bevölkerung auswirkt. Das Rentenniveau ist in den letzten Jahren gesunken. Wie sähe es denn heute aus, wenn das Rentenniveau in den vergangenen Jahren nicht gesunken wäre? Das Rentenniveau ist seit Anfang der 2000er Jahre um rund zehn Prozent gesunken und wenn es dieses Absenken nicht gegeben hätte, dann schätzen wir, dass die Armut der älteren Bevölkerung deutlich geringer ausfallen würde. Unsere Schätzungen liegen da bei 13 Prozent. Auch die Grundsicherungsquote würde niedriger liegen.

Was passiert, wenn das Rentenniveau in Zukunft weiter sinkt? Das Rentenniveau, beziehungsweise die sogenannte Standardrente, ist eine Größe, die kompliziert definiert ist. Die Frage ist, welche Rente bekommt ein Mensch, der 45 Jahre lang durchschnittlich verdient hat, im Verhältnis zum durchschnittlichen Lohn der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten nach Abzug der Sozialbeiträge, vor Steuern. Dieses Verhältnis misst also die Höhe der Rente im Verhältnis zu den Löhnen. Wenn wir dieses Verhältnis senken, dann senken wir relativ zu den Löhnen das Einkommen der RentnerInnen, denn die beziehen zu rund zwei Dritteln ihr Einkommen aus der gesetzlichen Rente. Wenn wir die herunterfahren, dann brauchen wir Lösungen, wie diese Menschen das Niveau kompensieren können, um ihre Wohlfahrtsposition weiterhin aufrecht erhalten zu können, sonst sacken die ab.

Wie könnten diese Lösungen aussehen? Wenn die Menschen am Ende des Erwerbslebens in Rente gehen und das Rentenniveau sinkt ab, kann man kurzfristig im Prinzip nur noch umverteilen. Dann sind Systeme wie die Grundsicherung oder auch die gesetzliche Rentenversicherung Möglichkeiten, diesen Menschen über Umverteilung Einkommen zukommen zu lassen. Langfristig ist es günstiger, früher anzusetzen, also Menschen zu befähigen, diese Niveauabsenkung zu kompensieren. Da gibt es dann aber nicht den einen Königsweg, sondern ganz viele Lösungen. Ansetzen müssen wir bei besseren Erwerbschancen, besseren Löhnen, aber auch bei Unterstützung von alternativen Altersvorsorgewegen, wie der betrieblichen oder der privaten Altersvorsorge.

Wie schätzen Sie die zukünftige Entwicklung ein? Wir haben keine Prognose gemacht, sondern eine Szenarienrechnung. Wir erwarten aber das starke Zurückbleiben der Renten hinter den Löhnen ab Mitte bis Ende der zwanziger Jahre und dann bis 2040. Dann wird sich das Niveau im Vergleich zu heute nach heutigen Schätzungen wahrscheinlich irgendwo bei zehn Prozent niedriger stabilisieren. Das heißt, das starke Absenken wird demnächst passieren. Wir wissen das ja schon länger. Es wird einfach immer problematischer, je länger wir damit warten, ein gutes Konzept zu entwickeln, um das auszugleichen.

Ist das Anheben des Rentenniveaus ein probates Mittel, um das Armutsrisiko im Alter zu bekämpfen? Ich denke, da muss man differenzieren. Wenn wir das Niveau um ein Prozent senken, steigt die Armutsrisikoquote um mehr als ein Prozent. Das ist schon ein starker Effekt. Wir finden also einen sehr starken Zusammenhang zwischen Rentenniveau und Armutsrisiko. Aber man muss sich klarmachen: Wenn wir das Rentenniveau anheben, dann heben wir auch die Renten von Menschen an, die weit weg von der Armutsschwelle und relativ gut situiert sind. Das heißt, so eine Maßnahme ist relativ kostenintensiv. Wenn man sich jetzt auf die Armut fokussieren möchte, würde man vielleicht nicht unbedingt das Niveau anheben. Umgekehrt muss man sagen, Vorschläge, die das Niveau adressieren, drehen sich meistens nicht nur um die Altersarmut, sondern haben auch noch das Ziel, die gesetzliche Rente an sich zu stärken.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

Johannes Geyer

Stellvertretender Abteilungsleiter in der Abteilung Staat