Es geht den Menschen darum, was andere Leute über sie denken: Interview

DIW Wochenbericht 26 / 2019, S. 462

Jana Friedrichsen, Erich Wittenberg

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Frau Friedrichsen, in Deutschland beantragen viele Menschen keine Sozialleistungen, obwohl sie einen Anspruch hätten. Wie groß ist das Problem überhaupt? Das Problem variiert je nach Sozialleistung. Es wird aber geschätzt, dass bei Hartz IV die Rate der Nicht- Inanspruchnahme zwischen 40 und 60 Prozent liegt. Bei der Alterssicherung ist das Problem eher größer.

Sie haben jetzt untersucht, inwieweit Scham dabei eine Rolle spielen könnte. Wie sind Sie dabei vorgegangen? Wir haben uns in einem Experiment auf diesen Effekt konzentriert, indem wir variiert haben, ob die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei einer Transferaufnahme von anderen beobachtet werden konnten oder nicht. Wir haben außerdem variiert, was man über diejenigen, die einen Transfer abgerufen haben, schlussfolgern konnte.

Das heißt, sie haben überprüft, ob es den Personen etwas ausmacht, wie andere über sie denken oder ob es ihnen etwas ausmacht, dass sie anderen sozusagen auf der Tasche liegen? Genau. In beiden Fällen geht es darum, was die anderen Leute über sie denken. Es geht einmal darum, ob die anderen denken, dass ich weniger intelligent bin und einmal darum, ob die anderen denken, dass ich ihnen auf der Tasche liegen möchte. Im Experiment finden wir tatsächlich einen sehr großen Effekt dieser Scham. Die Aufnahme des Transfers geht um 30 Prozentpunkte zurück. Das ist für ein Experiment ein starker Effekt.

Welcher Effekt ist größer? Dass sich Menschen sozial schlecht angesehen fühlen oder dass sie moralische Bedenken haben? In unserem Experiment sind beide Effekte ungefähr gleich groß.

Unter welchen Bedingungen überwinden die Versuchspersonen ihre Hemmungen Geld anzunehmen? Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ist es vor allem wichtig, dass man nichts über sie lernen kann, wenn sie den Transfer abrufen. Fast jeder möchte den Transfer haben, wenn es nicht beobachtbar ist.

Was bedeutet das in der Praxis für unser bestehendes Sozialsystem? Wir glauben, dass es in unserem Sozialsystem eine große Rolle spielt, was das soziale Umfeld über Menschen in Erfahrung bringen kann, wenn diese eine Sozialleistung beantragen. Das heißt, allein schon, dass man einen Brief vom Amt bekommt oder dass man irgendwo in der Schlange stehen muss, um eine Leistung abzurufen, könnte dazu führen, dass Leute diese Leistungen nicht abrufen, weil sie Angst haben, dass andere schlecht über sie denken.

Könnte die viel diskutierte Grundrente ohne Bedürftigkeitsprüfung das Problem lösen? Das ist schwer zu sagen. Wir glauben schon, dass das die Stigmatisierung derjenigen, die diese Grundsicherung erhalten, reduzieren würde. Es ist allerdings zu bedenken, dass nicht jeder dazu berechtigt wäre, denn die Grundrente ist ja gekoppelt an eine bestimmte Anzahl von Beitragsjahren. Für diejenigen, die nicht dazu berechtigt wären, würde die Stigmatisierung sicherlich noch zunehmen.

Was könnte denn getan werden, damit mehr bezugsberechtigte Menschen Sozialleistungen in Anspruch nehmen? Eine Möglichkeit könnte ein automatischer Datenabgleich unterschiedlicher Ämter sein, sodass in dem Amt, das eine Leistung auszahlt, besser bekannt ist, wer überhaupt eine Leistung erhalten soll. In Österreich gibt es dazu eine Ausgleichszulage für die Grundsicherung im Alter. Diese wird automatisch an die Rentner ausbezahlt, deren Rente ein gewisses Niveau unterschreitet. Dadurch erhalten sehr viel mehr alte Menschen diese Leistung, als in Deutschland.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

Jana Friedrichsen

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Wettbewerb und Verbraucher