Im Handelsstreit hilft nur der Druck über die Finanzmärkte: Kommentar

DIW Wochenbericht 26 / 2019, S. 464

Malte Rieth

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Für viele überraschend hat US-Präsident Donald Trump die Entscheidung über Strafzölle auf europäische Autos um sechs Monate verschoben. Auch wenn dies der europäischen Wirtschaft etwas Luft verschafft, aufgehoben ist der Handelsstreit damit noch lange nicht. Der immer wieder aufflackernde Handelsstreit mit China stellt es unter Beweis: Obwohl die Zeichen zwischen den beiden Wirtschaftsmächten schon auf Einigung standen, hat Trump Anfang Mai die US-Zölle für chinesische Importe doch noch mehr als verdoppelt. Seit seinem Amtsantritt hat der US-Präsident keine Gelegenheit ausgelassen, weltwirtschaftlich immer wieder für ziemlichen Wirbel zu sorgen, indem er – angeblich zum Schutz und Wohl der heimischen Wirtschaft – zunächst gegen Stahl- und Aluminiumporteure, später gegen chinesische Hersteller hohe Zölle androhte und verhängte. Seine Angriffe in Richtung Europa richten sich gegen die europäische Automobilindustrie, die angeblich die nationale Sicherheit der USA gefährde. Höhere Zölle, sollte es wirklich so weit kommen, dürften vor allem die deutsche Exportindustrie empfindlich treffen.

Doch nützt Trumps Gebaren der amerikanischen Wirtschaft überhaupt? Und wie sollen sich Europa, China und alle anderen Betroffenen angesichts dieser Streitigkeiten verhalten? Hierfür lohnt ein Blick auf die jeweiligen unmittelbaren Reaktionen der Aktienmärkte, die als tagesaktuelles Barometer für die Profiteure und die Verlierer dieser Aktionen gelten. Die Erhöhung des Stahl- und Aluminiumzölle richtete sich gegen eine Vielzahl von Handelsakteuren und beflügelte kurzfristig die US-Aktienindizes, insbesondere den breiten Index Russell 2000, aber auch den Dow Jones, wie Berechnungen am DIW Berlin zeigen. Außerhalb der USA, beispielsweise in Europa, fielen stattdessen die Tagesrenditen der Aktienkurse. Ganz anders war der Effekt durch den Handelsstreit zwischen den USA und China. Nicht nur sorgte er für Kursrückgänge bei den Aktien chinesischer und europäischer Firmen, diesmal gaben auch die US-Indizes nach.

Offenbar wird die Auseinandersetzung mit China ganz anders eingeschätzt als der Stahlkonflikt. Das mag zum einen an der Größe des Konflikts liegen. Doch auch die andere Dramaturgie dürfte ein Grund dafür sein. Dass der Stahlkonflikt in der Wahrnehmung der Aktienmärkte für die USA vorteilhaft war, liegt auch daran, dass dort ein dominanter Akteur auf eine Vielzahl kleinerer Akteure traf, die wenn überhaupt nur geringfügig und schon gar nicht konzertiert auf die Schutzzölle reagierten. Im China-Konflikt hingegen messen sich in den Augen der Investoren zwei nahezu gleichstarke Gegner, die auf die Aktionen des anderen unmittelbar mit Gegenmaßnahmen reagieren. Die Auswirkungen werden daher als negativ für alle Märkte eingeschätzt.

Dies hat sich auch bei dem Handelsstreit mit China im Mai bestätigt: Die Aktienkurse purzelten kräftig, und zwar nicht nur in China, sondern auch in den USA. Für die EU bedeutet dieser Befund vor allem zwei Dinge: Zum einen sollten wir Europäer nicht davon ausgehen, im Streit um die Autozölle vom US-Präsidenten verschont zu werden, wenn wir einfach stillhalten. Zum anderen zeigen die Finanzmarkteffekte aber vor allem eins: Nur entschlossenes und geschlossenes Auftreten verbunden mit sofortigen Gegenmaßnahmen beeindrucken die US-Aktienmärkte. Auch wenn US-Finanzminister Steven Mnuchin dies zuletzt bestritten hat – oder gerade weil er es so betont hat: Die Reaktion der Finanzmärkte könnte sogar die Meinung eines US-Präsidenten ändern, der die Höhe der US-Leitindizes zum Barometer seines Erfolgs erklärt hat. Die EU hat nun sechs Monate Zeit, sich entsprechend aufzustellen. Hoffen wir, dass sie den Aufschub sinnvoll nutzt.

Der Beitrag ist am 5. Juni 2019 in der „Börsenzeitung“ erschienen

Malte Rieth

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Makroökonomie

Themen: Europa