Libra: Geld für die Welt? Kommentar

DIW Wochenbericht 27 / 2019, S. 480

Dorothea Schäfer

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Facebook will im nächsten Jahr eine Kryptowährung namens Libra einführen. Libra soll auch Menschen ohne Bankkonto Überweisungen ermöglichen. Das soll die finanzielle Inklusion auf der ganzen Welt fördern und den Zahlungsverkehr erleichtern und billiger machen. Obendrein soll der Wert des Libra frei von Turbulenzen sein – im Gegensatz zur bekanntesten Kryptowährung Bitcoin, bei der sich extreme Kurseinbrüche und verblüffende Aufschwünge abwechseln.

Neue Libras werden geschöpft durch Einzahlungen in die Libra Reserve. Im Gegensatz zum Bitcoin sind also keine stromfressenden und klimakillenden Rechenoperationen notwendig. Trotz gewisser Vorteile gegenüber Bitcoins sei aber dahingestellt, ob die Facebook-Fans Gefallen an der neuen Währung finden. Theoretisch ist der Markt riesig. Allein hierzulande sind 32 Millionen Nutzerinnen und Nutzer bei Facebook registriert und knapp 30 Prozent der Bevölkerung tummeln sich täglich auf der Plattform.

Für die meisten sind Facebook und Co. bislang vor allem Instrumente der Freizeitgestaltung und weniger Orte, in denen sie sich mit ernsten Dingen befassen wie Geld, Wertschwankungen und Tauschkurse. Auch das technologische Risiko könnte womöglich so manchen Facebook-Fan abschrecken. Von den deutschen Internutzern greifen etwa ein Drittel auf Fintechs zurück. Legt man diese Rate zugrunde, dann schrumpft die potentielle Nutzergemeinde von Libra schon erheblich zusammen. Anders liegen die Verhältnisse in den Schwellenländern: In China nutzen gut zwei Drittel der digital aktiven Bevölkerung auch die Dienste von Fintech-Anbietern. Fintech-Nutzer dürften zwar in hohem Maße Facebook-affin sein. Ob das umgekehrt aber auch stimmt?

Facebook argumentiert, Nutzerinnen und Nutzer des Libra benötigten dann kein Bankkonto mehr. Das käme insbesondere Menschen in den Entwicklungs- und Schwellenländern zugute. Wirklich? Zumindest für den ersten Schritt, den Erwerb von Libras, stimmt es schon mal nicht. Wie sollen denn die Euros, Dollars, Yens etc, die gegen Libras eingetauscht werden, bei Facebook eingezahlt werden, wenn nicht über herkömmliche Überweisungen von einem Bankkonto aus? Sicherlich werden auch Bitcoins in Libra umtauschbar sein. Aber auch um Bitcoins zu kaufen, braucht man erstmal ein Bankkonto, von dem Geld auf sogenannte Wallets transferiert werden kann. Werden Kunden in bestimmten Ländern womöglich einfach Bargeld bei Facebook einzahlen können? Das ist schwer vorstellbar.

Wirklich ohne Bankkonto wird nur derjenige leben könne, der sein Leben vollständig auf Libra umgestellt hat. Das würde aber heißen, dass Löhne und Gehälter in Libra ausgezahlt werden. Wer wird akzeptieren, dass sein Arbeitslohn in einer Kunstwährung ausbezahlt wird, deren Wert nicht durch eine Zentralbank (und damit letztlich durch die Gemeinschaft des Währungsgebietes) garantiert wird? Und wie würden Menschen, die in Libra ihren Lohn erhalten und ihren gesamten Lebensunterhalt bestreiten, ihre Steuern zahlen – auch in Libra? Auch das ist schwer vorstellbar.

Besitzen die Menschen einmal Libra, werden sie diese wieder in normales Geld umtauschen können. Die Umtauschkurse dafür müssen festgelegt werden. Wird Facebook das alleine tun (wollen)? Wir hätten es mit einem typischen unregulierten Monopol zu tun – immer ein Anlass zur Sorge. Facebook wird nicht garantieren können, dass die Nutzerinnen und Nutzer für die angekauften Libras den ursprünglichen Ankaufbetrag in Euros oder Dollars zurückerhalten. Wer Libra besitzt, wird also nicht nur der Inflation ausgesetzt, sondern auch dem Risiko eines unvorteilhaften Wechselkurses. Alles in allem: Sollte Libra das versprochene „Geld für die Welt“ werden, dürfte die ökonomische und technologische Unsicherheit nicht weniger werden, eher im Gegenteil. Vielleicht aber wollen Facebook-, Instagram- und WhatsApp-User ohnehin lieber weiter chatten und sich Bilder schicken, ohne allzu viel über Geld nachdenken zu müssen, und die angekündigte Revolution bleibt aus.

Dorothea Schäfer

Forschungsdirektorin in der Abteilung Makroökonomie