Deutsche Unternehmen müssen viel mehr in Wissenskapital investieren, um den Anschluss nicht zu verlieren

Pressemitteilung vom 31. Juli 2019

Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung vergleicht Einsatz und Modernität von Wissenskapital in Deutschland mit anderen westeuropäischen Ländern und den USA – Deutsche Unternehmen setzen im Vergleich zu den Spitzenreitern weniger Wissenskapital ein und dieses ist auch weniger modern – Überträgt man die Ziele der Bundesregierung bei Forschung und Entwicklung auf das gesamte Wissenskapital, müssten die Unternehmen schon heute etwa 35 Milliarden Euro mehr im Jahr investieren – Dazu braucht es bessere Rahmenbedingungen für Investitionen in Wissen, der Fokus der Politik nur auf FuE ist zu eng

Deutsche Unternehmen investieren vergleichsweise wenig in Wissenskapital und das gefährdet ihre Wettbewerbsfähigkeit. Sie müssten mehr in Forschung und Entwicklung (FuE) und viel mehr noch in andere immaterielle Güter wie Software, Organisation oder Weiterbildungen ihrer Belegschaft investieren – dazu braucht es aber bessere Rahmenbedingungen.

In einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) im Rahmen des Schwerpunkts „Produktivität für inklusives Wachstum“ der Bertelsmann Stiftung wurde der Einsatz von Wissenskapital in der Industrie und im Dienstleistungsbereich in Deutschland, dem Vereinigten Königreich, Frankreich, den USA und drei kleineren EU-Ländern (Österreich, Finnland und den Niederlanden) verglichen. Unter Wissenskapital versteht man alles, was dazu dient, das Wissen zu generieren, was und wie produziert wird. Nur ein Teil dieses immateriellen Kapitals, nämlich FuE, Software und Lizenzen, ist von der amtlichen Statistik erfasst. Studienautorin Heike Belitz und -autor Martin Gornig haben in ihrer Untersuchung für das Jahr 2017 auch andere Komponenten des Wissenskapitals berücksichtigt, also zum Beispiel Marktforschung, Werbung, Weiterbildungen, Design- und Organisationskompetenzen. Um die Länder zu vergleichen, nutzen sie als Indikator den Kapitalkoeffizienten. Dieser gibt an, wie groß der Wissenskapitalstock im Relation zur Bruttowertschöpfung ist, jeweils für die Industrie und den Dienstleistungsbereich.   

„Deutschland hat seine Spitzenposition in der Industrie längst eingebüßt, bei den Dienstleistungen ist es Schlusslicht.“ Heike Belitz

Düsteres Bild für Deutschland

„Schon wenn man Deutschland mit anderen Ländern auf Basis der amtlichen Definition von Wissenskapital vergleicht, ist das Bild nicht besonders schmeichelhaft: Deutschland hat seine Spitzenposition in der Industrie längst eingebüßt, bei den Dienstleistungen ist es Schlusslicht“, erläutert Belitz. „Das Bild verschlechtert sich noch, wenn man alle Komponenten von Wissenskapital einbezieht.“


Grafik: DIW Berlin

„Offenbar haben es gerade die in den vergangenen Jahren so erfolgreichen deutschen Industrieunternehmen versäumt, ausreichend Erträge in neues Wissen zu investieren,“ so Martin Gornig. „Man denke zum Beispiel an die Autoindustrie, die nur zögerlich in die Entwicklung neuer Antriebssysteme und Mobilitätskonzepte investiert.“

Entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen ist nicht nur, wie viel Wissenskapital vorhanden ist, sondern auch die Modernität und Qualität des eingesetzten Kapitals. Um die deutschen Unternehmen in diesem Punkt mit ihren ausländischen Wettbewerbern zu vergleichen, haben Belitz und Gornig untersucht, in welchem Zeitraum sich der Wissenskapitalstock in den jeweiligen Ländern erneuert. In Deutschland ist das nach drei bis vier Jahren der Fall, in den USA, dem Vereinigten Königreich und Frankreich sind es um die drei Jahre, in Finnland, Österreich und den Niederlanden sogar weniger als drei Jahre. Dort ist also der Wissenskapitalstock am modernsten.

„Bei allen Indikatoren, die wir uns angeschaut haben, sieht es für die deutschen Unternehmen im Vergleich nicht besonders gut aus,“ fasst Gornig zusammen, „es braucht hierzulande eine Investitionsoffensive in Wissen, in der Industrie und bei Dienstleistern.“

Fokus der Politik auf FuE ist zu eng

Laut Ziel der Bundesregierung sollen die FuE-Aufwendungen bis zum Jahr 2025 im Land 3,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) ausmachen – aktuell sind es etwa drei Prozent. Berücksichtigt man nur den Anteil der privaten Unternehmen und die Tatsache, dass FuE nur ein Teil der Investitionen in Wissenskapital darstellen, entspricht dieses Ziel zusätzlichen jährlichen Investitionen von 35 Milliarden Euro, die von deutschen Unternehmen in Wissen getätigt werden müssen, so Belitz und Gornig.

„Diese Mehrausgaben zu stemmen wird nur gehen, wenn die Rahmenbedingungen für Investitionen in alle Arten des Wissenskapitals verbessert werden,“ mahnt Belitz. „Zur Zeit liegt der Fokus der Politik vor allem auf FuE und noch zu wenig auf die anderen Komponenten wie Organisationslösungen oder Weiterbildungen.“ Ein Ansatz könnte sein, besonders solche Kooperations-und Netzwerkprojekte öffentlich zu fördern, die verschiedene Arten von Wissenskapital gleichzeitig umfassen.  

Links

  • Studie im DIW Wochenbericht 31/2019
  • DIW Weekly Report 31/2019 (Studie in englischer Sprache)
  • Interview mit Martin Gornig
  • O-Ton von Martin Gornig
    Vielleicht hat der Erfolg die deutschen Unternehmen müde gemacht - Interview mit Martin Gornig
Martin Gornig

Stellvertretender Abteilungsleiter in der Abteilung Unternehmen und Märkte

Heike Belitz

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Unternehmen und Märkte