Energiewende und Klimaschutz erfordern Innovationen in der Energie-, Wasser- und Entsorgungswirtschaft: Interview

DIW Wochenbericht 33 / 2019, S. 573

Caroline Stiel, Erich Wittenberg

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Frau Stiel, Sie haben die Innovationsfähigkeit von Energie-, Wasser- und Entsorgungsunternehmen untersucht. Wie wichtig sind Innovationen für diese Unternehmen vor allem im Hinblick auf die Energiewende? Die Energiewende erfordert die Entwicklung von effizienten und wirtschaftlichen Technologien, um aus erneuerbaren Quellen Energie zu produzieren. Die Koordinierung dieser Anlagen erfordert sowohl in zeitlicher als auch räumlicher Dimension innovative Dienstleistungen und Technologien, weil Angebot und Nachfrage der erneuerbaren Energien immer stärker voneinander abweichen, und in den verschiedenen Bereichen verstärkt dezentrale Anlagen zum Einsatz kommen, etwa im Bereich Photovoltaik oder auch Nahwärme.

Wie begegnen die Versorgungsunternehmen dem steigenden Innovationsdruck? Die eigenen Aufwendungen für Forschung und Entwicklung in der Energie-, Wasser-, und Entsorgungswirtschaft gehen seit 2009 zurück. Wir sehen aber, dass 40 Prozent der Unternehmen, die in diesem Bereich forschen, aus dem verarbeitenden Gewerbe stammen. Es lässt sich beobachten, dass die Energie-, Wasser-, und Entsorgungsunternehmen diese Technologien einkaufen, und die Investitionen in innovative Technologien im Bereich Klimaschutz, aber auch im Bereich Digitalisierung zwischen 2006 und 2014 stark angestiegen sind.

Wie lässt sich diese Entwicklung erklären? Zum einen ist die Energiewirtschaft, aber vor allen Dingen die Wasser- und Entsorgungswirtschaft stark von Kleinunternehmen geprägt. Es wäre unwirtschaftlich, wenn jedes Stadtwerk anfangen würde, seine eigene Windturbine zu entwickeln. Zum anderen ist es aber auch so, dass die Technologien und Dienstleistungen, die zur Umsetzung der Energiewende erforderlich sind, gerade im Bereich Digitalisierung, immer komplexer werden. Deswegen ist es von Vorteil, wenn ein Unternehmen, sagen wir ein Softwareunternehmen, das sich in diesem Bereich spezialisiert hat und über Expertise und Kompetenz verfügt, eine Software entwickelt, als wenn jedes Energieunternehmen anfängt, selbst eine Software zur Steuerung der Anlagen zu entwickeln.

Wie können Versorgungsunternehmen dennoch einen Beitrag zu Forschung und Entwicklung leisten? Ich denke, der Beitrag dieser Unternehmen kann darin liegen, die Technologien, die in anderen Sektoren entwickelt werden, zu erproben und vermehrt Pilotprojekte zu starten und darüber ihre Innovationsfähigkeit unter Beweis zu stellen.

In welchen Bereichen herrscht der größte Innovationsdruck? Am meisten Innovationsdruck herrscht aufgrund der Energiewende und der Klimaschutzziele im Energiesektor, speziell in der Strom- und Wärmeversorgung. In der Stromversorgung ist schon relativ viel passiert. Die Herausforderungen der Zukunft werden in der Wärmeversorgung liegen, um auch dort die Wärmewende zu schaffen. Ein verstärktes Augenmerk wird aber auch auf der Sektorkopplung liegen, indem man zum Beispiel versucht, aus Abwasser Wärme zu gewinnen, um diese Sektoren stärker zu integrieren.

Was kann der Staat tun, um Forschung und Entwicklung in diesen Bereichen zu fördern? In Bezug auf die Energie-, Wasser- und Entsorgungsunternehmen ist es sicherlich hilfreich, aktiv Förderprojekte auszuschreiben, an denen sich die Unternehmen beteiligen können. Ein Beispiel ist das Förderprogramm SINTEG, in dessen Rahmen Unternehmen neue Technologien, die auch in anderen Sektoren entwickelt wurden, erproben und auf ihre Alltagstauglichkeit hin untersuchen können.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg

Audio-Interview (MP3)

Caroline Stiel

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Unternehmen und Märkte