Ungleiche Lebensverhältnisse in Deutschland spiegeln sich im Europawahlergebnis wider: Interview

DIW Wochenbericht 34 / 2019, S. 603

Christian Franz, Erich Wittenberg

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Herr Franz, Sie haben das regionale Wahlverhalten bei der diesjährigen Europawahl auf Kreisebene untersucht. Welche Verschiebungen haben sich im Wahlergebnis im Vergleich zur letzten Bundestagswahl ergeben? Ausgangspunkt für uns war die Europawahl 2019. Dort interessierten uns insbesondere die Veränderung zweier Oppositionsparteien: Zum einen haben die Grünen gegenüber dem Stimmanteil bei der Bundestagswahl 2017 in jedem einzelnen Kreis Deutschlands erheblich dazugewonnen. Auf der anderen Seite hat die AfD ihr Ergebnis konsolidieren können. Das Ergebnis, das sie bei der Bundestagswahl erzielte, hat sie in weiten Teilen in die Europawahl mitgenommen.

Worin unterscheiden sich die Kreise, in denen die Grünen und in denen die AfD stark abgeschnitten haben? Die Zustimmung für die Grünen war tendenziell dort stark, wo die wirtschaftsstrukturelle Verwundbarkeit geringer ist, also weniger Arbeitsplätze durch Trends wie Automatisierung bedroht sind, wo mehr Menschen zu- als abgewandert sind und die Bevölkerung tendenziell jünger ist. Zudem waren die Grünen in Kreisen erfolgreich, in denen die verfügbaren Einkommen höher und die Arbeitslosigkeit niedriger war. Bei der AfD ist das diametral entgegengesetzt. Sie war dort stärker, wo der Altersdurchschnitt höher ist, die Abwanderung in der Vergangenheit höher war und die wirtschaftliche Struktur anfällig ist. Aber auch dort, wo die ökonomische Lage durchschnittlich schlechter war, hat die AfD tendenziell bessere Wahlergebnisse erzielt.

Inwieweit sind unterschiedliche Lebensverhältnisse in Deutschland für diese Polarisierung verantwortlich? Die Lebensverhältnisse in Deutschland sind aus dieser wirtschaftlich-demografischen Sicht sehr unterschiedlich. Dass wir auch in Bezug auf das Wahlergebnis eine Spaltung Deutschlands sehen, das war auch für uns das Erstaunliche.

Die AfD ist vornehmlich in Kreisen mit einem hohen Durchschnittsalter stark. Bedeutet das, dass die AfD vornehmlich von älteren Menschen gewählt wird? Bei den Grünen ist die Wählerschaft auf individueller Ebene tendenziell eher jünger. Bei der AfD ist die Situation eine andere. Die Wählerschaft der AfD ist auf Personen bezogen tendenziell im mittleren Alter. Auf Kreisebene ist die AfD aber vor allem in jenen Kreisen stärker, die einen wesentlich höheren Anteil von Menschen im Alter von 60 Jahren und älter haben. Dieser vermeintliche Widerspruch lässt sich unter der Annahme auflösen, dass der Zuspruch zur AfD auch ein Signal der Enttäuschung sein kann, wenn Menschen, die mitten im Leben stehen, in einer Region leben, in der viel Abwanderung stattgefunden hat, in der sich die ökonomische Situation nicht wesentlich verbessert hat und in der gleichzeitig etablierte Arbeitsplätze durch grundsätzliche Veränderungen wie Automatisierung bedroht sind.

Wie sieht es bei der regionalen Verteilung aus? Sind die Grünen eine Westpartei und die AfD eine Ostpartei? Die Ergebnisse der AfD sind in den ostdeutschen Bundesländern mit Ausnahme von Berlin deutlich höher als in den westdeutschen Bundesländern. Bei den Grünen ist das umgekehrt. Allerdings haben die Grünen auch in ostdeutschen Kreisen zugelegt.

Gibt es auch Kreise in Deutschland, in denen das Wahlergebnis ganz anders ausgefallen ist, als es Ihre Analyse nahelegen würde? Auf Grundlage unseres Modells würden wir eigentlich für die AfD in allen sächsischen Kreisen ein weniger hohes Ergebnis erwarten. Dort unterschätzen wir das Wahlergebnis der AfD teilweise ganz erheblich. Ähnlich ist es für die Grünen in einigen Kreisen Schleswig-Holsteins. Dort hätte unser Modell für die Grünen wesentlich geringere Werte erwarten lassen. Offenbar gibt es da noch andere politische und lokale Gründe für den Stimmanteil von Grünen und AfD. Insgesamt werden die Ergebnisse der Europawahl durch unser Schätzmodell aber gut erfasst.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

Audio-Interview (MP3)

Themen: Konjunktur