Ohne mehr Energieeffizienz sind die Ziele im Gebäudebereich nicht zu erreichen: Interview

DIW Wochenbericht 36 / 2019, S. 630

Jan Stede, Erich Wittenberg

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Herr Stede, der Wärmemonitor des DIW Berlin erfasst den Energiebedarf in Zwei- und Mehrfamilienhäusern über die Heizenergieabrechnungen. Wie hat sich der Heizenergiebedarf in den letzten Jahren entwickelt? Der Heizenergiebedarf ist zuletzt angestiegen. Wir hatten zwar einen langen Abwärtstrend, also einen Rückgang des temperatur- und witterungsbereinigten Heizenergieverbrauchs pro Quadratmeter. Dieser ist aber in den letzten Jahren wieder angestiegen. Im letzten Jahr hatten wir einen Anstieg um zwei Prozent des Heizenergiebedarfs deutschlandweit. Es zeichnet sich also eine Umkehr des Trends ab.

Wie ist der Anstieg beim Heizenergiebedarf zu erklären? Die Frage lässt sich nicht einfach beantworten. Was wir messen, sind die abgerechneten Verbräuche, die ein Indikator für die technische Energieeffizienz sind, die wir selbst nicht direkt messen können. Die Frage ist, wie sich die Energieeffizienz der Gebäude entwickelt und wie sich das Nutzerverhalten angepasst hat. Die Nutzer reagieren natürlich auf Preise. Diese sind in den letzten Jahren lange sehr stark gefallen und deswegen kann es gut sein, dass die Haushalte darauf reagiert haben und weniger zurückhaltend mit dem Heizen waren.

Zuletzt aber sind die Energiepreise wieder gestiegen. Genau, vor allem die Verbraucherpreise sind angestiegen, insbesondere für Heizöl. Im letzten Jahr gab es einen Anstieg von über 20 Prozent. Nun ist es aber eine zweite Sache, wie sich die abgerechneten Kosten in den Häusern entwickeln, und die sind noch nicht so stark angestiegen. Hier liegen wir im Mittel bei stagnierenden Energiekosten. Die Preise für Öl sind aber schon leicht angestiegen.

Wie hat sich die energetische Sanierungsrate in Deutschland entwickelt? Wir haben in diesem Wärmemonitor erstmals über einen sehr langen Zeitraum eine energetische Sanierungsrate berechnet. Das ist keine repräsentative Rate für ganz Deutschland, sondern für einen Teil der Gebäude, die wir betrachten. In den Neunzigern waren in Ostdeutschland sehr hohe Sanierungsraten von bis zu vier Prozent zu beobachten. In den letzten 15 Jahren hingegen liegen wir bei unter einem Prozent. Diese Sanierungsrate gibt den Anteil der gesamten Gebäudehülle an, die in einem Jahr gedämmt wurde.

Was bedeutet das für das Ziel, den Energiebedarf im Gebäudebereich zu reduzieren? Das ist natürlich eine alarmierende Entwicklung. Wir sehen ja, dass der Heizenergiebedarf pro Quadratmeter wieder steigt. Es geht also genau in die falsche Richtung. Wir haben so hohe Energiemengen, die für Wärme benötigt werden, dass es ohne mehr technische Energieeffizienz nicht gehen wird. Man kann das jetzt nicht alles einfach durch Strom ersetzen und diesen durch Erneuerbare erzeugen.

Wie bewerten Sie die Entwicklung und was bedeuten Ihre Ergebnisse für künftige politische Weichenstellungen? Die energetische Sanierungsrate zeigt, dass wir weit davon weg sind, unsere Ziele zu erreichen. Es gibt zwar schon sehr viele Maßnahmen in Deutschland, aber die greifen offenbar noch nicht genug. Es wird eines politischen Maßnahmenkatalogs bedürfen, um da nachzuschärfen und die Klimaziele zu erreichen.

Und wie müsste dieser politische Maßnahmenkatalog aussehen? Es bräuchte eine Mischung aus Förderung von technischer Energieeffizienz, also energetische Sanierung, und Anreizen zur Verhaltensänderung, beispielsweise durch die Einführung einer CO2-Steuer auf Heizenergie, die zu steigenden Preisen und damit zu Anreizen für sparsames Heizen führen würde. Hierbei müsste natürlich auf eine sozial verträgliche Ausgestaltung geachtet werden, zum Beispiel durch eine Pro-Kopf-Rückerstattung der Einnahmen nach dem Schweizer Modell, die besonders Niedrigverdienern mit geringerem Heizenergieverbrauch zugute kommen würde.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

Audio-Interview (MP3)

Jan Stede

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Klimapolitik