Die große Verunsicherung lastet auf Exportnachfrage und Konjunktur: Interview

DIW Wochenbericht 37 / 2019, S. 684

Claus Michelsen, Erich Wittenberg

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Herr Michelsen, im Laufe dieses Jahres ist das Wirtschaftswachstum in Deutschland abgeflaut. Ist damit zu rechnen, dass das so weitergeht? Wir erleben im Augenblick eine ausgeprägte Schwäche der deutschen Konjunktur. Das wird sich auch auf kurze Sicht kaum ändern. Das hängt auch damit zusammen, dass die Verunsicherung über bestimmte Entscheidungen groß ist. Das betrifft einerseits den Brexit und andererseits die internationalen Handelskonflikte. All das lastet auf der Konjunktur und der Exportnachfrage.

Mit welchen Wachstumszahlen rechnen Sie? Wir rechnen in diesem Jahr mit einem Wachstum von noch gut 0,5 Prozent. Das ist deutlich weniger als wir noch im Sommer prognostiziert haben. Für die kommenden Jahre 2020 und 2021 erwarten wir jeweils ein Wachstum von 1,4 Prozent. Das entspricht ungefähr dem langjährigen Durchschnitt.

Wo sehen Sie positive Impulse? Die deutsche Finanzpolitik hat expansive Impulse gegeben. Der Konsum wird durch diese Anregung deutlich stärker ausfallen, als wir das bislang erwartet haben. Wir gehen davon aus, dass die Beschlüsse der Großen Koalition im kommenden Jahr ungefähr 0,3 Prozentpunkte Wachstum zusätzlich bringen und im Jahr darauf 0,4 Prozentpunkte. Vor allem die Abschaffung des Soli macht sich in höheren Konsumraten bemerkbar. Die US-Zentralbank hat zudem die Zinsen gesenkt und auch die EZB hat angekündigt, wieder expansivere Geldpolitik zu betreiben. Das dürfte die Konjunktur anregen und nicht zuletzt kommen wieder positivere Signale aus China.

Wie ist die Entwicklung in Deutschland bei der Beschäftigung und den Löhnen? In Deutschland ist der Arbeitsmarkt nach wie vor in guter Verfassung. Wir sehen zwar nicht mehr die starken Beschäftigungszuwächse wie in den Jahren zuvor, das ist aber in einer konjunkturellen Schwächephase relativ normal. Die Lohnzuwächse hingegen sind weiterhin kräftig. Wir erwarten im kommenden Jahr ein Lohnplus von real mehr als 1,5 Prozent. Das dürfte den Haushalten deutlich mehr Geld in die Kassen spülen und entsprechend größeren Konsumspielraum geben.

Wie sieht es bei den Verbraucherpreisen und der Inflation aus? Die Inflation bleibt weiterhin moderat und wird in einer Größenordnung von ungefähr 1,6 Prozent liegen, also noch deutlich unter dem, was man sich als Zielmarke gesetzt hat. Die EZB wird also weiterhin expansive Geldpolitik betreiben müssen, damit sie ihr Stabilitätsziel erreichen kann.

Inwieweit leidet der deutsche Außenhandel unter der schwierigen weltwirtschaftlichen Situation? Es ist die Investitionsgüternachfrage, die momentan schwach ist, und darauf ist die deutsche Wirtschaft spezialisiert. Wenn also die Investitionskonjunktur weltweit ins Stocken gerät, dann sind wir davon besonders stark betroffen. Die Investitionen werden vor allen Dingen durch Unsicherheitsfaktoren gebremst. Weltweit sind die Unternehmen vorsichtig, disponieren eher zurückhaltend und bauen ihre Kapazitäten angesichts dieser unklaren Geschäftslage nicht weiter aus.

Welches konjunkturelle Risiko geht vom bevorstehenden Brexit aus? Der Brexit ist ein erhebliches konjunkturelles Risiko. Es kommt sehr darauf an, wie die zukünftigen Beziehungen ausgestaltet werden und wie letztlich der Brexit vollzogen wird. Wir haben gemeinsam mit dem NIESR-Institut aus London ein Szenario gerechnet, und erwarten, dass uns ein harter Brexit Wachstum in einer Größenordnung von mindestens 0,2 Prozentpunkten im kommenden Jahr kosten würde. Das ist spürbar, und das ist etwas, das für die deutsche Wirtschaft durchaus ein Abwärtsrisiko darstellt.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

Audio-Interview (MP3)

Claus Michelsen

Abteilungsleiter in der Abteilung Konjunkturpolitik

Themen: Konjunktur