Infoangebote zum Studium sollten Persönlichkeitseigenschaften berücksichtigen: Interview

DIW Wochenbericht 39 / 2019, S. 723

Frauke Peter, Erich Wittenberg

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Frau Peter, Sie haben den Zusammenhang zwischen Persönlichkeitseigenschaften und Studienfachwahl untersucht. Warum ist Ihnen dieser Aspekt wichtig? Die Entscheidung für oder gegen ein Studium ist in Deutschland nach wie vor von sozioökonomischen Merkmalen abhängig, unter anderem der Bildung der Eltern. Wir wissen aus der Forschung, dass finanzielle Kosten und fehlende Informationen ebenfalls eine Rolle spielen, aber ein Teil der Studienentscheidungen bleibt weiterhin unerklärt. Deshalb haben wir nun die Persönlichkeitseigenschaften unter die Lupe genommen und uns angeschaut, ob diese mit der Wahl des Studienfachs zusammenhängen.

Welche Persönlichkeitseigenschaften haben Sie berücksichtigt und zu welchen Studienfächern haben Sie diese in Bezug gesetzt? Wir nutzen das sogenannte Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeitseigenschaften, in dem es fünf Dimensionen gibt: Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus. Diese setzen wir in Bezug zu einer Studienfachgruppierung, in der wir Geisteswissenschaften, Sozialwissenschaften, Rechtswissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, Medizin und in einer anderen Gruppe Mathematik, Naturwissenschaften und Ingenieurwissenschaften untersuchen.

Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen? Wie hängen die verschiedenen Persönlichkeitseigenschaften mit der Wahl des Studienfachs zusammen? In unserer Studie zeigen wir, dass zum Beispiel die Persönlichkeitseigenschaften Extraversion, also ob jemand eher kommunikativ ist, positiv mit der Entscheidung für ein sozial- und wirtschaftswissenschaftliches Studium zusammenhängt. Offenere Menschen hingegen entscheiden sich eher für ein geisteswissenschaftliches Studium. Wenn jemand eher organisiert ist, studiert er beziehungsweise sie eher Medizin.

Beeinflussen die Persönlichkeitseigenschaften die Studienfachwahl von Männern und Frauen in gleicher Weise? Wir sehen in unseren Analysen, dass auch unter Berücksichtigung der Persönlichkeitseigenschaften Frauen seltener studieren und wenn doch, dann eher nicht Naturwissenschaften oder ein anderes MINT-Fach. Man könnte also vermuten, dass für Frauen und Männer unterschiedliche Persönlichkeitseigenschaften relevant sind, wenn es um die Studienfachwahl geht. Dabei hängt bei Männern die Persönlichkeitseigenschaft Gewissenhaftigkeit stärker mit der Entscheidung für ein Medizinstudium zusammen als bei Frauen. Hingegen studieren Frauen, die zurückhaltend sind, eher eine sozialwissenschaftliche Fachrichtung.

Welche Bedeutung haben Ihre Ergebnisse für künftige bildungspolitische Entscheidungen? Andere Studien haben gezeigt, dass Informationen wichtig für Studienentscheidungen sind und auch dazu führen, dass Personen die für sie passende Bildungsentscheidung treffen, was dann wiederum auch für die Volkswirtschaft optimal ist. So gesehen würden wir sagen, dass die Bereitstellung von Informationen auch berücksichtigen sollte, wie die Persönlichkeitseigenschaften mit der Wahl des Studienfachs zusammenhängen. Beispielsweise ist es vorstellbar, dass sich eher zurückhaltende Menschen von einem Tag der offenen Tür an der Uni oder anderen Beratungsangeboten und Mentoringprogrammen nicht wirklich angesprochen fühlen. Wenn Informationsangebote auch die Ausprägung der Persönlichkeitsmerkmale berücksichtigen und nutzen würden, könnte dadurch eine größere Unterstützung gewährleistet werden.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

Audio-Interview (MP3)

Frauke Peter

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Bildung und Familie