Wachsendes ehrenamtliches Engagement: Generation der 68er häufiger auch nach dem Renteneintritt aktiv

DIW Wochenbericht 42 / 2019, S. 765-773

Luise Burkhardt, Jürgen Schupp

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  • Empirische Studie untersucht die Entwicklung des ehrenamtlichen Engagements seit den 1990er Jahren für verschiedene Generationen in Deutschland
  • In den letzten 30 Jahren ist der Anteil der ehrenamtlich Engagierten gestiegen
  • Sowohl die Generation der 68er als auch die „Generation Y“ (1983 bis 1999 Geborene) engagiert sich stärker als vorangegangene Generationen im gleichen Alter
  • Aktivere, gesündere und zufriedenere Menschen gehen häufiger auch im Rentenalter einer ehrenamtlichen Tätigkeit nach
  • Flexible und niedrigschwellige Einsatzmöglichkeiten und eine hohe Wertschätzung zivilen Engagements sind weiterhin geboten

„Der Ruhestand dürfte für künftige Generationen zunehmend eine attraktive Phase für die Ausübung ehrenamtlicher Tätigkeiten sein. Für die Gesellschaft liegt darin ein besonderes Potenzial, denn ältere Menschen engagieren sich vor allem im sozialen Bereich.“ Jürgen Schupp, Studienautor

Das ehrenamtliche Engagement ist in Deutschland in den letzten 30 Jahren laut repräsentativen Befragungsergebnissen des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) kontinuierlich gestiegen. Dazu trug sowohl die wachsende Bereitschaft junger Erwachsener bei, sich freiwillig ehrenamtlich zu engagieren, als auch das gestiegene Engagement Älterer, die zunehmend auch nach dem Renteneintritt ehrenamtlich aktiv sind. Der Generationenvergleich zeigt, dass sich die 68er-Generation der 1941 bis 1954 Geborenen beim Übergang in den Ruhestand besonders häufig engagiert. 29 Prozent der Angehörigen dieser Generation setzten ihr ehrenamtliches Engagement fort, 13 Prozent nahmen nach der Verrentung ein Ehrenamt auf. Damit zeigt sich diese Generation beim Übergang in den Ruhestand ehrenamtlich aktiver als ältere Geburtskohorten. Die Politik sollte dieses Potenzial künftig durch flexible und niedrigschwellige ehrenamtliche Einsatzmöglichkeiten fördern.

Zivilgesellschaftliches Engagement erfährt aktuell hohe öffentliche Aufmerksamkeit. So hat die Kommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse“ in ihrem Anfang Juli 2019 vorgelegten Bericht diesem Feld große Bedeutung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt attestiert und deshalb auch die „Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt“ ins Leben gerufen.infoKommissionsbericht (2019): Unser Plan für Deutschland – Gleichwertige ­Lebensverhältnisse. Berlin (online verfügbar). Abgerufen am 24. September 2019. Dies gilt auch für alle anderen Online-Quellen dieses Berichts, sofern nicht anders vermerkt. Sie soll Serviceangebote für die Organisation bürgerschaftlichen Engagements bereitstellen, ehrenamtlich Tätige unterstützen und das zivilgesellschaftliche Engagement fördern. Unter ehrenamtlicher Tätigkeit wird eine freiwillige, nicht auf Entgelt ausgerichtete Tätigkeit im Rahmen von Institutionen und Vereinigungen verstanden (Kasten 1).infoHarald Künemund und Jürgen Schupp (2008): Konjunkturen des Ehrenamts – Diskurse und Empirie. In: Marcel Erlinghagen and Karsten Hank (Hrsg.): Produktives Altern und Informelle Arbeit in Modernen Gesellschaften. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 145–163. Ohne das ehrenamtliche Engagement wären nicht nur viele Organisationen und Vereine nicht überlebensfähig, auch eine ganze Reihe an kulturellen, sportlichen aber vor allem sozialen Angeboten könnte nicht erbracht werden. Vor diesem Hintergrund wird im Folgenden auf Basis der Langzeitstudie Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) die Frage behandelt, wie es um die ehrenamtliche Betätigung der älteren Bevölkerungsgruppen beim Übergang von der Erwerbstätigkeit in den Ruhestand bestellt ist. Außerdem wird untersucht, inwieweit es in den letzten 30 Jahren gelungen ist, die jüngeren Generationen für ehrenamtliches Engagement zu gewinnen.infoVgl. zu Analysemöglichkeiten zu dieser Forschungsfrage auf Basis des SOEP: Harald Künemund und Jürgen Schupp (2008), a. a. O.

Der vorliegende Bericht untersucht die Entwicklung des formellen Ehrenamts. Hierbei handelt es sich um eine freiwillige, nicht auf Entgelt ausgerichtete Tätigkeit im Rahmen von Vereinen, Verbänden oder sozialen Diensten. Nicht gemeint sind somit Tätigkeiten der privaten Pflege von Angehörigen oder Tätigkeiten, die unter den Begriff der Nachbarschaftshilfe fallen.

Das SOEP erhebt seit 1985 Daten zum gegenwärtigen ehrenamtlichen Engagement der in Deutschland lebenden Bevölkerung ab 17 Jahren anhand der Fragen:

Welche der folgenden Tätigkeiten üben Sie in Ihrer freien Zeit aus? Geben Sie bitte zu jeder Tätigkeit an, wie oft Sie das machen: jede Woche, jeden Monat, seltener oder nie?

Die Abfrage erfolgt im Personenfragebogen des SOEP für sieben bis zwölf verschiedenen Freizeitaktivitäten. Hierbei ist es den Befragten möglich, mehrere Tätigkeiten anzugeben.

Für die empirische Analyse wurde das ehrenamtliche Engagement in drei Kategorien eingeteilt. Personen, die angegeben, mindestens einmal im Monat ein Ehrenamt auszuüben, werden als regelmäßig Engagierte zusammengefasst. Personen, die seltener ehrenamtlich tätig sind, werden der Kategorie geringfügig Engagierter zugeordnet. Personen, die nie einer ehrenamtlichen Tätigkeit nachgehen werden als nie Engagierte kategorisiert.

Stetiger Zuwachs ehrenamtlichen Engagements

Die ehrenamtliche Betätigung der Bevölkerung ist in Deutschland über die vergangenen 30 Jahre hinweg gestiegen (Abbildung 1). Waren im Jahr 1990 noch rund 27 Prozent der Personen ab 17 Jahren in Deutschland ehrenamtlich tätig, so lag der Anteil der Engagierten im Jahr 2017 bereits bei 32 Prozent. Das entspricht hochgerechnet einer Gesamtzahl engagierter Menschen von 22 Millionen.infoDer „Deutsche Freiwilligensurvey (FWS)“, der seit 1999 freiwillige Tätigkeiten und die Bereitschaft zum Engagement von Personen ab 14 Jahren erfasst, geht hochgerechnet von rund 31 Mil­lionen Personen aus (online verfügbar). Dazu passt, dass die Politik in den letzten Jahren die Rahmenbedingungen für Ehrenamtliche verbessert hat, um mögliche Einschränkungen und Benachteiligungen durch ehrenamtliches Engagement auszugleichen und die gesellschaftliche Wertschätzung für das freiwillige Engagement zu erhöhen.infoSo erfolgte im Jahr 2007 die Einführung einer Ehrenamtspauschale im Einkommenssteuergesetz. Im Jahr 2011 folgte die Einführung des Übungsleiterfreibetrages im Rahmen des Jahressteuergesetz 2010 (§§ 3 Nr. 26b, EStG, UStG) und im Jahr 2013 wurde das Gesetz zur Stärkung des Ehrenamtes verabschiedet, welches eine Anhebung der Ehrenamtspauschale auf 720 Euro be­inhaltet. Schließlich konnte im Jahr 2012 mit dem Europäischen Jahr für aktives Altern und Solidarität zwischen den Generationen die öffentliche Aufmerksamkeit für ehrenamtliches Engagement insbesondere im höheren Alter gesteigert werden. Regelmäßige ehrenamtliche Tätigkeiten verzeichnen dabei einen stärkeren und kontinuierlicheren Zuwachs als das gelegentliche Engagement.

Anstieg des Engagements besonders bei Jüngeren, Rentnerinnen und Rentnern sowie in kleineren Städten

Die Engagementquoten sind seit 1999 sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland gestiegen (Tabelle). Während der Anteil der Ehrenamtlichen im Jahr 2017 in Ostdeutschland 28 Prozent betrug, was einer Personenzahl von rund 4 Millionen Menschen entspricht, engagierten sich in Westdeutschland 33 Prozent, also rund 18 Millionen Menschen.infoDer starke Rückgang des Engagements in Ostdeutschland zwischen 1990 und 1999 war vermutlich nicht nur eine Folge der Transformation des politischen Systems der ehemaligen DDR, sondern vor allem des damit verbundenen Wandels der Organisations- und Vereinslandschaft im Zuge der Wiedervereinigung. Vgl. hierzu: Eckhard Priller und Gunnar Winkler (2002): Struktur und Entwicklung des Bürgerschaftlichen Engagements in Ostdeutschland. In: Enquete-Kommission “Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements”, Deutscher Bundestag (Hrsg.): Partizipation und Engagement in Ostdeutschland, 17–144.

Tabelle: Charakteristika der ehrenamtlich Engagierten im Zeitvergleich

In Prozent, Bevölkerung ab 17 Jahren

1990 1999 2009 2017
Insgesamt 27,3 28,9 29,7 31,8
Region
West 27,5 30,2 30,4 32,6
Ost 26,6 23,1 26,6 27,9
Geschlecht
Männer 33,7 33,8 32,3 33,3
Frauen 21,5 24,2 27,2 30,4
Bildungsniveau
kein Abschluss / Hauptschulabschluss 23,8 25,0 24,5 24,7
Realschulabschluss / Fachhochschulreife 30,9 31,4 32,4 33,9
Abitur 39,1 40,5 40,3 42,4
noch in Schule 27,0 31,7 34,9 46,4
Erwerbsstatus
Erwerbstätig 32,0 32,9 33,7 34,7
Nicht erwerbstätig 24,0 28,0 24,8 24,0
Ausbildung / Lehre 27,5 29,5 34,9 32,9
Rente 17,0 22,0 24,0 28,8
Kirchgang
Regelmäßig 39,7 45,4 48,3 52,9
Gemeindegröße
unter 20 000 Einwohner 32,4 33,7 34,5 37,0
mehr als 20 000 und 100 000 24,1 28,2 27,9 32,3
100 000 und mehr 23,6 23,3 25,3 25,9
Alter
17–29 Jahre 25,7 29,3 31,7 33,1
30–39 Jahre 31,0 29,0 30,0 28,0
40–49 Jahre 38,0 35,0 34,0 35,0
50–59 Jahre 30,0 33,0 32,0 34,0
60–76 Jahre 22,0 27,0 28,0 33,0
ab 77 Jahren 9,0 12,0 16,0 23,0
Anzahl der Beobachtungen 13 808 13 985 20 632 26 728

Quelle: SOEP v.34, gewichtete Angaben.

Der Anteil der ehrenamtlich Engagierten ist besonders bei regelmäßigen Kirchgängern, Schülerinnen und Schülern sowie bei Personen mit Abitur hoch.

Die Geschlechterunterschiede in den Engagementquoten haben sich in den vergangenen 30 Jahren weiter angenähert. So hat sich der Anteil der ehrenamtlich tätigen Frauen von 21 auf 30 Prozent erhöht und liegt somit nur noch geringfügig niedriger als bei den Männern (33 Prozent). Eine mögliche Ursache ist die gestiegene Erwerbsbeteiligung von Frauen, die häufig in Teilzeit ausgeübt wird und potenziell Gelegenheitsstrukturen zur Ausübung eines Ehrenamts mit sich bringt.infoEbenso wie die gestiegenen Erwerbsquoten geht jedoch auch das gestiegene ehrenamtliche Engagement von Frauen nicht mit einer Geschlechtergleichstellung im ehrenamtlichen Engagement einher. Vgl. Julia Simonson et al. (Hrsg.) (2017): Freiwilliges Engagement in Deutschland, Empirische Studien zum bürgerschaftlichen Engagement (online verfügbar).

Höhere Bildung geht mit stärkerem ehrenamtlichen Engagement einher. Während der Anteil der Ehrenamtlichen in der Gruppe ohne Abschluss oder mit einem Hauptschulabschluss bei einem Viertel verharrt, weisen die Personen mit Abitur eine deutlich höhere Engagementquote von 42 Prozent auf. Besonders zugenommen hat der Anteil der ehrenamtlich tätigen Schülerinnen und Schüler (ab 17 Jahre) – von 27 Prozent im Jahr 1990 auf 46 Prozent im Jahr 2017.infoGleichwohl führte die Verkürzung der Schulzeit und gleichzeitige Erhöhung der Schulwochenstunden im Zuge von G8 zu einer Verringerung des Engagements bei den von der Bildungs­reform betroffenen Jugendlichen. Vgl. Christian Krekel (2017): Can Raising Instructional Time Crowd Out Student Pro-Social Behavior? Unintended Consequences of a German High School Reform. CEP-Discussion Paper 1495 (online verfügbar).

Vergleicht man den Anteil ehrenamtlich Engagierter hinsichtlich der Einwohnerzahl des Wohnorts, so zeigen sich markante Unterschiede zwischen Stadt und Land. Während der Anteil ehrenamtlich Engagierter in kleineren Kommunen zwischen 1990 und 2017 von 32 auf 37 Prozent zulegte, engagierten sich in diesem Zeitraum lediglich 24 bis 26 Prozent der Großstädter.infoDer jüngst vorgestellte Kommissionsbericht (2019, a. a. O.) zeigte gerade für den ländlichen Raum eine Unterversorgung wichtiger Infrastrukturen auf, so dass dem höheren ehrenamtlichen Engagement im ländlichen Raum offensichtlich vielfach auch eine kompensatorische Rolle zufällt.

Menschen engagieren sich nicht in jeder Lebensspanne gleichmäßig stark. Im mittleren Lebensalter von 30 bis 59 Jahren zeigen sich insgesamt die höchsten Engagementquoten. Auffallend ist zum einen der steigende Trend bei den jungen Erwachsenen. Unter den 17–29-Jährigen erhöhte sich der Anteil der Engagierten von 26 Prozent im Jahr 1990 auf nunmehr ein Drittel. Die wesentlichen Steigerungen in dieser Altersgruppe erfolgten dabei bereits im Jahr 2009 – also deutlich vor dem Aussetzen der Wehrpflicht im Jahr 2011.

Zum zweiten fallen die Steigerungen der ältesten Altersgruppen ins Auge. Die Engagementquote der 60–76-Jährigen, also jenen Personen, die unmittelbar vor dem Ruhestand stehen oder gerade das Alter der gesetzlichen Regelaltersgrenze überschritten haben, erhöhte sich im Beobachtungszeitraum um über zehn Prozentpunkte auf 33 Prozent.infoDie Regelungen zur gesetzlichen Regelaltersrente finden sich in Paragraph 35 und 235 des Sechsten Sozialgesetzbuches (§ 35 SGB VI; § 235 SGB VI). Selbst für die – aufgrund steigender Lebenserwartung – wachsende Gruppe von Personen, die 77 Jahre oder älter und bereits lange im Ruhestandsalter angekommen ist, erhöhte sich der Anteil seit 2009 um 14 Prozentpunkte auf nunmehr 23 Prozent.

Insgesamt zeigt sich, dass sich insbesondere die Personen über 65 Jahre heute stärker engagieren als noch vor 20 bis 30 Jahren. Dies schlägt sich in einem Anstieg von drei Millionen Engagierten im Jahr 1990 auf sieben Millionen Engagierte im Jahr 2017 nieder. Auch der Anteil dieser Altersgruppe an allen Engagierten ist größer geworden.

Ältere Generationen sind um den Renteneintritt unterschiedlich stark engagiert

Als Gründe für das wachsende Engagement bis weit über den Renteneintritt hinaus sind der bessere Gesundheitszustand im höheren Alter, das gestiegene Bildungsniveau der Bevölkerung sowie der positive gesellschaftliche und politische Diskurs zum Thema Altern und Produktivität im Alter zu nennen. Eine weitere Erklärung liegt in der jeweiligen Generationszugehörigkeit. Die Angehörigen der geburtenstarken Babyboomer-Generation, die zwischen 1955 und 1969 in Deutschland geboren wurden, erreichen in den kommenden Jahren sukzessive das Ruhestandsalter und treten aus dem Erwerbsleben aus. Für die Zivilgesellschaft ist diese zahlenmäßig große Gruppe von besonderem Interesse, da sie eine potenzielle Ressource an freiwillig Engagierten darstellt, die ihre neu gewonnene Zeit in das Gemeinwohl investieren könnten.infoGertrud M. Backes und Jacqueline Höltge (2008): Überlegungen zur Bedeutung Ehrenamt­lichen Engagements Im Alter. In: Marcel Erlinghagen und Karsten Hank (Hrsg.): Produktives Altern und Informelle Arbeit in Modernen Gesellschaften. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 277–299.

Im Folgenden werden die gestiegenen Engagementquoten der höheren Altersgruppen genauer betrachtet. In der Literatur findet sich bislang kein signifikanter Zusammenhang zwischen Renteneintritt und gestiegenen Engagementquoten.infoFür einen Überblick über die Forschungsergebnisse internationaler Studien zum Zusammenhang von Erwerbstätigkeit und Ehrenamt im Ruhestand, vgl. Susanne Maurer (2018): Der Einfluss Der Früheren Erwerbstätigkeit Auf Freiwilliges Engagement Im Ruhestand. In: Simone Scherger und Claudia Vogel (Hrsg.): Arbeit im Alter. Altern & Gesellschaft. Springer VS, Wiesbaden, 195–215. Außerdem liegen zur Aufnahme ehrenamtlicher Aktivitäten beim Renteneintritt bislang noch keine Forschungsergebnisse vor, die auch die Generationenspezifik in den Blick nehmen.infoJedoch hat Saka (2018) den Einfluss der Kohortenzugehörigkeit auf das ehrenamtliche Engagement im Alter ab 50 Jahren auf Basis von SOEP-Daten untersucht und gezeigt, dass das Engagement der ab 50-Jährigen kontinuierlich gestiegen ist und es offensichtlich einem komplexen Zusammenspiel aus Kohortenzugehörigkeit, Perioden- und Kompositionseffekt geschuldet ist, dass bei Kontrolle von Kompositionseffekten nur für die Vorkriegsgeneration, Kriegs- und Nachkriegsgeneration im Vergleich zur Adenauer-Generation ein höheres Engagement identifiziert ­wurde. Belit Şaka (2018): Einfluss der Kohortenzugehörigkeit auf das ehrenamtliche Engagement im Alter Ab 50 Jahren. Arbeit Im Alter, 269–293. In den vergangenen Jahren sind vermutlich Generationen in den Ruhestand gegangen, die bereits früh in ihrem Leben eine Prägung erhielten, sich im Alter zu engagieren – zum Beispiel die sogenannte 68er-Generation, deren Angehörige zu großen Teilen von den zivilgesellschaftlichen Protesten dieser Epoche geprägt wurden.infoIn den USA wäre das beispielsweise die Long Civic Generation. Vgl. Thomas Rotolo und John Wilson (2004): What Happened to the ‘Long Civic Generation’? Explaining Cohort Differences in Volunteerism. Social Forces 82 (3), 1091–1121 (online verfügbar). Diese Generation dürfte daher ein vermehrtes Engagement bis ins hohe Alter zeigen.

Auf Basis der Daten des SOEP werden sieben Generationen unterschieden (Kasten 2).infoMit seinem Generationenansatz liefert Karl Mannheim den theoretischen Rahmen für diese Vermutung (siehe Kasten 2). Karl Mannheim (1928): Das Problem der Generationen. Kölner Vierteljahrshefte für Soziologie Jahrgang 7, Heft 2/3, 157–330 (online verfügbar). Das Aktivierungspotenzial für die Übernahme eines Ehrenamtes nach Austritt aus der Erwerbstätigkeit dürfte sich für einzelne Generationen also aufgrund ihrer Sozialisation, der engagementpolitischen Rahmenbedingungen sowie des gesellschaftlichen Diskurses zum produktiven Altern unterscheiden.

Der hier verwendete Generationenbegriff ist an die Schriften Karl Mannheims angelehnt.infoKarl Mannheim (1928), a. a. O. Menschen, die im gleichen Jahr oder zu einem ähnlichen Zeitpunkt geboren wurden und daher unter ähnlichen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Umständen aufgewachsen sind, teilen ähnliche Prägungen, Erlebnisse und Erfahrungen und weisen somit ähnliche Einstellungs- und Handlungsmuster auf.

Im SOEP lassen sich in den mehr als 30 Befragungsjahren (1984–2017) sieben Generationen unterscheiden:

Geburtsjahr Generationsbezeichnung Beobachtungen Erreichen der Regelaltersgrenze
1908–1930 Kriegsgeneration 4 451 1973–1995
1931–1940 Nachkriegsgeneration 7 202 1996–2005
1941–1954 68er-Generation 13 557 2006–2019
1955–1962 Frühe Babyboomer 11 028 2022–2029
1963–1969 Späte Babyboomer 12 657 2030–2036
1970–1982 Wiedervereinigungsgeneration 19 212
1983–1999 Generation Y 14 420

Drei der betrachteten sieben Generationen haben bereits die hier interessierende Regelaltersgrenze von 65 Jahren zum Eintritt in den Ruhestand erreicht.infoEin Renteneintritt wird für Personen registriert, wenn sie das gesetzliche Rentenalter von 65 Jahren und älter erreicht haben, keiner Erwerbstätigkeit nachgehen, eine tatsächliche Arbeitszeit von „null“ Stunden angeben sowie eine Pension oder Altersrente empfangen. Selbständige wurden von den Analysen ausgeschlossen. Für alle in den Analysen betrachteten Generationen gilt noch die Regelaltersgrenze von 65 Jahren. So können für die sogenannte Kriegsgeneration, die Nachkriegsgeneration sowie die 68er-Generation Informationen für die Altersspanne von 60 bis 76 Jahren genutzt werden. Für sie wird geprüft, ob im höheren Alter das Engagement anstieg. Der Blick auf die generationsspezifischen Veränderungen des ehrenamtlichen Engagements um den Renteneintritt – gemessen drei Jahre vor Renteneintritt bis drei Jahre danach – bestätigt für alle betrachteten Generationen das bekannte Ergebnis, dass das Engagement beim Übergang in den Ruhestand tendenziell stabil ist (Abbildung 2).infoKarsten Hank und Marcel Erlinghagen (2010): Dynamics of Volunteering in Older ­Europeans. Gerontologist 50 (2), 170–78 (online verfügbar); John Wilson (2012): Volunteerism Research: A Review Essay. Nonprofit and Voluntary Sector Quarterly 41/2012, 176–212 (online verfügbar). So engagiert sich durchschnittlich ein Viertel derer, die in die Rente eintreten, gleichbleibend, während sich etwas weniger als die Hälfte weiterhin nicht engagiert. In den ersten Jahren nach dem Renteneintritt beginnt oder beendet nur etwa ein Viertel der Personen ein ehrenamtliches Engagement. Hinsichtlich des Aktivierungspotentials des Renteneintrittes zeigt sich für die älteste Kohorte, die Kriegsgeneration, im Saldo eher eine abnehmende ehrenamtliche Beteiligung, da im Vergleich zu den Neuaufnahmen einer ehrenamtlichen Tätigkeit (9 Prozent) ein größerer Anteil an Personen sein Engagement beendet (22 Prozent). Etwas weniger als ein Viertel dieser Generation übte im Beobachtungszeitraum um den Renteneintritt gleichbleibend ein Ehrenamt aus. Dagegen nahm das ehrenamtliche Engagement sowohl in der Nachkriegs- als auch in der 68er-Generation zu. In beiden Kohorten überstieg die Zahl der Personen, die beim Übergang in die Rente ein Ehrenamt aufnahmen, die Zahl derjenigen, die ihr Ehrenamt einstellten. Außerdem lag in beiden Generationen der Anteil derjenigen, die ein Ehrenamt sowohl vor als auch nach der Verrentung ausübten, mit knapp 30 Prozent deutlich höher als noch in der Kriegsgeneration.

Aktivere, gesündere und zufriedenere Menschen nehmen auch im Rentenalter häufiger ein Ehrenamt auf

Die Entscheidung, sich im Ruhestand ehrenamtlich zu betätigen, kann viele Ursachen haben. Mithilfe eines panel-ökonometrischen Modells wird im Folgenden für die drei oben diskutierten Generationen überprüft, ob der Austritt aus der Erwerbstätigkeit mit dem ehrenamtlichen Engagement einer Person zusammenhängt. Vor dem Hintergrund der gestiegenen Engagementquoten für Personen ab 65 Jahren sowie der politischen Förderung und höheren Anerkennung für freiwilliges Engagement ist davon auszugehen, dass die Generationen, die in den nächsten Jahren sukzessive aus der Erwerbstätigkeit in den Ruhestand übergehen, vermehrt in der Rente ein Ehrenamt aufnehmen werden.

Die abhängige Variable des Modells gibt an, ob eine Person ein Ehrenamt beginnt (Wert 1) oder beendet (Wert 0). Um die Veränderungen des Engagements durch verschiedene Charakteristika zu erklären, wird eine logistische Regression mit personenspezifischen fixen Effekten geschätzt.infoDiese Modelle sind ein geeignetes Mittel in der empirischen Sozialforschung, um kausale Zusammenhänge zwischen zeitveränderlichen Variablen zu modellieren, wenngleich bei einem nicht experimentellen Design gewisse Annahmen hinsichtlich einer möglichen Endogenität getroffen werden müssen. Das heißt konkret, dass davon ausgegangen wird, die Entscheidung der Auf­nahme einer ehrenamtlichen Tätigkeit bis zu drei Jahre vor der Rentenphase nicht als ursächlich für eine (freiwillig frühzeitigere oder freiwillig spätere) Verrentung erachtet wird. Vgl. Marco ­Giesselmann und Michael Windzio (2012): Regressionsmodelle zur Analyse von Paneldaten. Wiesbaden: Springer VS. Dieses Vorgehen ermöglicht, Veränderungen des ehrenamtlichen Engagements bei Renteneintritt zu identifizieren und gleichzeitig für nicht beobachtbare, zeitunveränderliche individuelle Unterschiede zu kontrollieren, wie zum Beispiel die intrinsische Motivation. Die zentrale erklärende Variable gibt an, ob eine Person in die Altersrente wechselt. Da im Folgenden der Fokus auf der Aufnahme beziehungsweise Beendigung einer ehrenamtlichen Tätigkeit liegt, sind all jene Personen von der Analyse ausgeschlossen, die entweder gleichbleibend ehrenamtlich engagiert sind oder in der Beobachtungsperiode nie ehrenamtlich tätig waren. Um generationsspezifische Effekte zu identifizieren, wurde die Generationenzugehörigkeit mit einer binären Variable interagiert, die für Rentnerinnen und Rentner den Wert 1 annimmt, für Erwerbstätige den Wert 0. Die zugrundeliegende Annahme ist, dass die Generationszugehörigkeit den Effekt des Renteneintritts auf das Engagement verstärkt oder vermindert.

Die Regressionsergebnisse zeigen, dass der Übergang aus der Erwerbstätigkeit in den Ruhestand isoliert betrachtet in keinem signifikanten Zusammenhang mit der Wahrscheinlichkeit steht, ein Ehrenamt aufzunehmen oder eines aufzugeben (Abbildung 3).

Allerdings zeigt sich ein signifikanter Interaktionseffekt für die 68er-Generation, der das deskriptive Ergebnis der erhöhten Aufnahme eines Ehrenamts in dieser Generation untermauert. Das konkrete Lebensalter scheint hingegen für alle drei Generationen keine Rolle für Veränderungen des Engagements zu spielen.

Das Regressionsmodell berücksichtigt darüber hinaus verschiedene zeitveränderliche Charakteristika. So werden alternative Freizeittätigkeiten der befragten Personen als Kontrollvariablen integriert. Dazu zählen der regelmäßige Besuch religiöser Veranstaltungen, regelmäßige sportliche Tätigkeiten, die regelmäßige Ausübung geselliger Freizeitaktivitäten, die informelle Hilfe und Unterstützung bei Freunden und Verwandten sowie Aktivitäten in der Kommunalpolitik. Die Schätzungen zeigen, dass diese neu oder erneut aufgenommenen regelmäßig ausgeführten Freizeitaktivitäten in einem signifikant positiven Zusammenhang mit der Aufnahme einer ehrenamtlichen Tätigkeit im Alter von 60 bis 76 Jahren stehen. Personen, die auch in anderen Lebensbereichen aktiv werden, nehmen mit größerer Wahrscheinlichkeit auch eine ehrenamtliche Tätigkeit auf. Auch 60–76-Jährige, die mit ihrer Gesundheit und ihrem Leben zufriedener sind als zum letzten Befragungszeitpunkt, werden mit höherer Wahrscheinlichkeit im Alter ehrenamtlich aktiv.

Wie verhalten sich jüngere Generationen?

Um auf Basis der generationsspezifischen Analysen Schlussfolgerungen für die Entwicklung des ehrenamtlichen Engagements jüngerer Geburtsjahrgänge zu formulieren, lohnt ein Blick auf die ehrenamtliche Beteiligung der Generationen in den vier ausgewählten Befragungsjahren (Abbildung 4).

Während im Jahr 1990 die 68er-Generation die Gruppe mit der höchsten Engagementquote darstellt, wird sie 1999 von den Frühen Babyboomern (1955 bis 1962 Geborene) abgelöst. Zehn Jahre später nimmt diesen Platz dann die nächst jüngere Generation der Späten Babyboomer (1963 bis 1969 Geborene) ein, mit einer Engagiertenquote von 35 Prozent. Auch im letzten Beobachtungsjahr 2017 verbleiben die Späten Babyboomer die Gruppe mit dem höchsten Engagement.

Das Engagement der Späten Babyboomer sowie das der Wiedervereinigungsgeneration (1970 bis 1982 Geborene) hat im Beobachtungszeitraum stetig zugenommen. Auch die jüngste betrachtete Generation, die Generation Y, steigt 2009 mit einem hohen Anteil an Engagierten von rund einem Drittel ein. Bei den Angehörigen der Kriegs- und Nachkriegsgeneration sinkt das Engagement mit steigendem Alter erwartungsgemäß.

Anteilig an allen ehrenamtlich Tätigen stellt die 68er-Generation in drei von vier Jahren den größten Anteil. Erst im Jahr 2017 wird sie von der sogenannten Generation Y abgelöst, die mit 24 Prozent nunmehr anteilig die größte Gruppe der Engagierten bildet (Abbildung 5).

Die Frühen und Späten Babyboomer stehen in den folgenden Jahren vor ihrem Renteneintritt. Sie werden angesichts ihres vergleichsweise hohen Anteils in der Gesamtbevölkerung und aufgrund ihres bereits überdurchschnittlichen Engagements vermutlich noch für viele Jahre einen Großteil der ehrenamtlich Engagierten ausmachen.

Fazit und Ausblick

Die steigende Bereitschaft in der Bevölkerung sich ehrenamtlich zu engagieren, ist seit mehr als 20 Jahren ungebrochen. Diese Entwicklung wird sowohl durch das zunehmende Engagement junger Erwachsener getrieben, als auch durch die gestiegene Bereitschaft Älterer, sich auch nach dem Renteneintritt ehrenamtlich einzubringen. Die 68er-Generation zeigt sich im Ruhestand besonders engagiert. Die Zeit des Ruhestands dürfte auch für künftige Generationen eine attraktive Lebensphase für die Ausübung freiwilligen Engagements sein. Für die Gesellschaft liegt darin ein besonderes Potenzial, da sich ältere Menschen vor allem im sozialen Bereich engagieren.infoClaudia Vogel, Corinna Kausmann, und Chistine Hagen (2009): Freiwilliges Engagement ­Älterer Menschen. Sonderauswertungen Des Vierten Deutschen Freiwilligensurveys. In: ­Freiwilliges Engagement in Deutschland. Freiwilligensurvey 1999, 209–301 (online verfügbar).

Das in den letzten Jahren gewachsene zivilgesellschaftliche Engagement, zum Beispiel bei der Bewältigung der gesellschaftlichen Herausforderungen infolge der Fluchtzuwanderung, hat dazu beigetragen, dass die Wertschätzung ehrenamtlichen Engagements seitens der Politik zu einem Ausbau möglicher Förderungen führte.infoVgl. Jannes Jacobsen, Philipp Eisenecker und Jürgen Schupp (2017): Rund ein Drittel der Menschen in Deutschland spendete 2016 für Geflüchtete, zehn Prozent halfen vor Ort – Immer mehr äußern aber auch Sorgen. DIW Wochenbericht Nr. 17, 347–358 (online verfügbar). Auch die seit August 2018 anhaltenden „Fridays for Future“ Proteste deuten auf das Heranwachsen einer zunehmend engagierteren Generation hin. Vor diesem Hintergrund erscheinen Überlegungen über eine Pflicht zum Engagement für junge Erwachsene, die wiederholt von der Politik ins Spiel gebracht werden, wenig zielführend.infoEine Alternative zu einer Dienstpflicht, die sich besser mit Erwerbstätigkeit oder Studium vereinbaren lässt, erscheint vielmehr die am 6. Mai 2019 in Kraft getretene Einführung einer Teilzeitmöglichkeit in den Jugendfreiwilligendiensten für junge Erwachsene unter 27 Jahre. Um die ehrenamtliche Betätigung aller Generationen und Gesellschaftsschichten zu ermöglichen, ist es empfehlenswert, Angebote zum ehrenamtlichen Engagement möglichst flexibel und niedrigschwellig zu gestalten und erfolgreichen Initiativen keine Kürzungen ihrer Projektzuwendungen zuzumuten. Außerdem sollten gesellschaftlich sinnvolle Einsatzfelder für Ehrenamtliche ausgebaut und unterstützende Strukturen und Informationsangebote für Ehrenamtliche geschaffen werden. Hierbei sollten auch neue Formen des Engagements, beispielsweise digitales Zivilengagement, unterstützt werden.

Luise Burkhardt

Doktorandin in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel

Jürgen Schupp

Vize-Direktor SOEP & Bereichsleitung Wissenstransfer in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel



JEL-Classification: C23;D64;J26
Keywords: Volunteering, Survey, Birth Cohort, Retirement
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2019-42-1