Die Politik sollte allen Menschen ermöglichen, sich zu engagieren: Interview

DIW Wochenbericht 42 / 2019, S. 774

Luise Burkhardt, Erich Wittenberg

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Frau Burkhardt, wie viele Menschen in Deutschland widmen sich einer ehrenamtlichen Tätigkeit und wie hat sich ihre Zahl in den letzten Jahren entwickelt? Wir haben uns in unserer Studie auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels die Entwicklung der Engagementquoten von 1990 bis 2017 angeschaut. Aktuell engagieren sich 32 Prozent, also rund ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland ehrenamtlich. Das entspricht in absoluten Zahlen 22 Millionen Engagierten in Deutschland. Im Jahr 1990 waren es 27 Prozent, wir verzeichnen also einen Anstieg von fünf Prozentpunkten in diesem 30-Jahres-Intervall.

Gibt es Unterschiede im Engagement zwischen West- und Ostdeutschland? Wir sehen, dass insbesondere nach der Wiedervereinigung Deutschlands die Engagementquoten in Ostdeutschland stark zurückgegangen sind und sich auch heute noch auf einem geringeren Niveau befinden als in Westdeutschland. Wir haben uns auch die Unterschiede zwischen Stadt und Land angeschaut. Dabei sieht man, dass insbesondere in ländlichen Regionen ein größerer Anteil der Menschen ehrenamtlich engagiert ist als in den Städten.

Welches Bild zeigt sich, wenn man nach Geschlecht oder Alter differenziert? Im traditionellen Ehrenamt sind vorrangig Männer engagiert. Die Engagementquoten von Männern und Frauen haben sich zwar über den Zeitverlauf, den wir betrachtet haben, ziemlich angenähert, sind aber immer noch nicht auf dem gleichen Niveau. Wenn man das Alter anschaut, kann man sehen, dass insbesondere die Gruppe derer besonders engagiert ist, die sich in der Mitte des Lebens befinden, also im Alter von 30 bis 59 Jahren. Da spielt wahrscheinlich auch das Engagement in Kindergarten und Schule eine Rolle. Die höchsten Engagementquoten zeigen zudem jene Menschen, die mindestens ein Abitur als Bildungsabschluss haben.

In welcher Gruppe hat die Zahl der Ehrenamtlichen am meisten zugenommen? Der Anteil der Ehrenamtlichen hat sowohl in der Gruppe der Älteren als auch bei den Jüngeren große Zuwächse zu verzeichnen. So engagieren sich Personen rund um das Rentenalter und im Ruhestand sowie Schülerinnen und Schüler viel stärker als noch vor 30 Jahren.

Warum engagiert sich die heutige Rentnergeneration stärker als frühere? Mit unserer Studie konnten wir zeigen, dass den gestiegenen Engagementquoten im höheren Alter ein Generationeneffekt zu Grunde liegt. Die 68er-Generation, also jene Personen, die in ihrer Jugend die damaligen Studentenproteste miterlebt haben, neigen eher dazu, im Ruhestand ein Ehrenamt auszuüben oder neu aufzunehmen als Generationen, die vorher in Rente gegangen sind. Hinzu kommt aber auch, dass dem Engagement und dem Prozess des Alterns an sich mehr Anerkennung entgegengebracht wird. So wird die Phase des Ruhestands zu einer Zeit, in der es den Menschen möglich ist, sich neu zu auszuprobieren, neue soziale Kontakte zu knüpfen und vieles mehr, und das ehrenamtliche Engagement bietet den Raum das zu realisieren.

Was könnte die Politik tun, um ehrenamtliches Engagement weiter zu fördern? Auf Grundlage unserer Ergebnisse können wir davon ausgehen, dass es immer mehr Menschen geben wird, die bereit sind, ihre freie Zeit in ein ehrenamtliches Engagement zu investieren. Hier wäre es wichtig, dass die Politik Rahmenbedingungen schafft, die es allen Menschen, unabhängig von Alter, Geschlecht, Bildung, Einkommen oder Herkunft ermöglicht, sich zu engagieren, wenn sie es denn möchten. Weiterhin sollte dieses Engagement auch finanziell unterstützt werden, besonders in finanzschwachen Regionen besteht ein außerordentlicher Bedarf. Hierbei ist es wichtig, dass das Ehrenamt keine Lückenbüßerfunktion übernimmt, wo eigentlich der Sozialstaat handeln sollte.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

Audio-Interview (MP3)

Luise Burkhardt

Doktorandin in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel