Kitas können eine doppelte Integrationsrendite erzielen: Interview

DIW Wochenbericht 44 / 2019, S. 813

C. Katharina Spieß, Erich Wittenberg

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Frau Spieß, was bedeutet der Kita-Besuch von Kindern mit Fluchthintergrund für die Integration ihrer Eltern in die deutsche Gesellschaft? Wir konnten in unserer Studie feststellen, dass insbesondere für die Integration der Mütter der Kita-Besuch ihrer Kinder sehr relevant ist. Die Gründe dafür können ganz unterschiedlich sein. Es ist sicher so, dass Eltern, wenn das Kind in der Kita ist, mit anderen Eltern sowie den pädagogischen Fachkräften in Kontakt kommen. Es kann aber auch sein, dass die Kinder, die in der Kita die deutsche Sprache lernen, ihre Sprachkenntnisse zuhause in die Familie einbringen und so auch die Eltern mehr über die Aufnahmegesellschaft erfahren und sich dadurch besser integrieren. Ein ganz wichtiger dritter Punkt ist, dass durch den Kita-Besuch gerade auch Mütter die Zeit nutzen können, um an Sprachkursen oder auch anderen Aktivitäten teilzunehmen, die ihnen wiederum die Integration in Deutschland erleichtern können.

Unterscheidet sich der Effekt zwischen Vätern und Müttern? Ja. Die Integration der Eltern steigt insgesamt, aber wir sehen in unseren detaillierten Analysen, dass es insbesondere die Mütter sind, die von dieser Integration über die Kita profitieren. Mütter, deren Kinder in eine Kita gehen, sind signifikant besser integriert als die Mütter, die kein Kind in einer Kindertageseinrichtung haben.

Wie lässt sich der Grad der Integration messen? Den Grad der Integration haben wir über viele verschiedene Aspekte gemessen. Beispielsweise über Sprachkenntnisse, aber auch darüber, ob man sich sozial isoliert fühlt, ob man das Herkunftsland vermisst oder wie erwerbsorientiert man ist. Wir haben geprüft, ob der Kita-Besuch auf diese einzelnen Aspekte eine Auswirkung hat und konnten mehrheitlich feststellen, dass er zum Beispiel auf die Sprache und die Erwerbsneigung einen positiven Effekt hat. Aber wir haben in unserer Studie auch einen Gesamtintegrationsindex gebildet, der sich aus diesen vielen Einzelitems zusammensetzt – so erhalten wir ein Gesamtbild: Wir können feststellen, dass der Kita-Besuch auch diesen Gesamtindex für Eltern signifikant erhöht.

Inwieweit sind Familien mit Fluchthintergrund überhaupt ausreichend darüber informiert, dass es in Deutschland Kitas gibt und welche Chancen diese für sie und ihre Kinder bieten? Es gibt sicher Familien mit Fluchthintergrund, denen die Bedeutung einer Kindertageseinrichtung klar ist. Aber es ist zu vermuten, dass einem Großteil der Familien mit Fluchthintergrund die Bedeutung von Kitas nicht bewusst ist, weil sie aus anderen kulturellen Kontexten kommen, in denen Kindertageseinrichtungen nicht diese Bedeutung haben wie in Deutschland. Deshalb ist es ganz wichtig, dass man sie darüber informiert, welche Bedeutung die Kita als erste Stufe des deutschen Bildungssystems auch für ihre Kinder hat.

Was kann getan werden, um Familien mit Fluchthintergrund in dieser Hinsicht zu unterstützen? Es muss eigentlich auch darum gehen, dass die Kindertageseinrichtungen sich nicht nur auf die Kinder von Familien mit Fluchthintergrund einstellen, sondern auch die Eltern mitnehmen. Eine Debatte, die in Deutschland geführt wird, ist, dass Kitas zu Zentren für Familien ausgebaut werden sollten. Das ist gerade unter dem Aspekt der Integration sehr wichtig. Wenn Kindertageseinrichtungen sich zu Zentren für Familien entwickeln, können sie ein noch besseres Instrument werden, um die Integration von Familien mit Fluchthintergrund in Deutschland zu gewährleisten.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

Audio-Interview (MP3)

C. Katharina Spieß

Abteilungsleiterin in der Abteilung Bildung und Familie