Eine Frauenquote für Vorstände ist notwendig

Blog Marcel Fratzscher vom 16. März 2020

Der Anteil von Frauen in den Vorständen der großen Unternehmen steigt – aber zu langsam. Gut, dass die Familienministerin jetzt eine gesetzliche Quote vorschlägt.

Immer rund um den Weltfrauentag am 8. März überschlagen sich Medien, Politik und Wirtschaft mit Betrachtungen über die Gleichstellung von Frauen. Tatsächlich lässt sich konstatieren: Wir machen Fortschritte in der Gleichstellung von Frauen in Führungspositionen. Das jährlich erscheinende Managerinnen-Barometer des DIW Berlin zeigt, dass im vergangenen Jahr der Anteil von Frauen in Aufsichtsräten und in Vorständen der umsatzstärksten deutschen Unternehmen leicht gestiegen ist. Doch ein Grund zum selbstzufriedenen Zurücklehnen ist das noch lange nicht: Es geht immer noch zu langsam und zu ungleichmäßig voran. Dass Bundesfrauenministerin Franziska Giffey nun eine Frauenquote für Vorstände auf den Weg gebracht hat, könnte einen wichtigen Impuls setzen, um die Chancengleichheit zwischen Frauen und Männern und die Gleichstellung zu beschleunigen.

Dieser Beitrag ist am 13. März 2020 in der ZEIT ONLINE–Kolumne Fratzschers Verteilungsfragen erschienen. Hier finden Sie alle Beiträge von Marcel Fratzscher.


Die Zahlen für 2019 sind ermutigend: Im Durchschnitt sind mehr als 30 Prozent der Posten in Aufsichtsräten bei den größten deutschen Unternehmen von Frauen besetzt. Auch dass der Frauenanteil in Aufsichtsräten und Vorständen gestiegen ist, ist eine gute Nachricht.

Nur jeder zehnte Vorstandsposten

Kommen wir zu den weniger guten Nachrichten. Einer der kritischen Aspekte ist der nach wie vor riesige Unterschied in der Gleichstellung zwischen Aufsichtsräten und Vorständen. Mit einem Anteil von knapp einem Drittel haben Frauen in Aufsichtsräten mittlerweile einen gewichtigen Einfluss. Aber in den Vorständen der 200 umsatzstärksten deutschen Unternehmen – ohne Berücksichtigung des Finanzsektors – ist nicht einmal jeder zehnte Posten mit einer Frau besetzt. Auch zwischen Unternehmenstypen und Sektoren zeigen sich starke Unterschiede. Unternehmen in öffentlicher Hand erzielen deutlich schnellere Fortschritte als Privatunternehmen.

Insbesondere Unternehmen der Finanzbranche sind in den vergangenen Jahren in der Gleichstellung kaum vorangekommen; vor allem in den Vorständen schwächt sich die Dynamik ab. Lange Zeit lag der Frauenanteil in den Vorständen und Aufsichtsräten der 100 umsatzstärksten Banken im Schnitt höher als in Firmen anderer Branchen – bis ungefähr 2015. Seitdem aber der Druck zur Konsolidierung und zu Strukturreformen nach der Finanz- und Schuldenkrise bei den Banken nachgelassen hat, so scheint es, hat die Branche ihre Bemühung auch in Bezug auf die Gleichstellung von Frauen eingeschränkt. Gleichzeitig haben die anderen Unternehmen das Thema viel entschiedener vorangetrieben und den Finanzsektor inzwischen sowohl bei den Vorständen als auch bei den Aufsichtsräten überholt.  

Fortschritt ja, aber nicht freiwillig

Bei all dem sollte aber nicht übersehen werden, dass die Unternehmen in Deutschland die Fortschritte in Aufsichtsräten nicht freiwillig gemacht haben. Für die Aufsichtsräte vieler börsennotierter Unternehmen gilt seit dem Jahr 2016 eine bindende Quote von 30 Prozent, die offensichtlich wirkt. Viele wissenschaftliche Studien belegen außerdem, dass sich diese Quote nicht negativ auf die Unternehmen ausgewirkt hat, sondern dass viele Firmen davon profitieren, indem sie Diversität und andere Perspektiven gefördert haben.

Dass die Quote für Aufsichtsräte sehr effektiv gewesen ist, belegt leider auch die Tatsache, dass der Frauenanteil in Vorständen, wo es noch keine gesetzlichen Vorgaben gibt, nicht gleichermaßen gestiegen ist. Die Studie des DIW zeigt immerhin, dass der steigende Frauenanteil in Aufsichtsräten auch etwas auf die Vorstände ausstrahlt. So ist vor allem im vergangenen Jahr der Frauenanteil in Vorständen derjenigen Unternehmen besonders stark gestiegen, die auch einen höheren Frauenanteil in Aufsichtsräten hatten. Aufsichtsgremien, die das Thema Gleichstellung ernst nehmen, können also sehr wohl Einfluss auf die Personalpolitik ihrer Unternehmen ausüben und tun dies immer häufiger.

Aber wie lange wird es dauern, bis wir das Ziel Gleichstellung in Führungspositionen erreichen, wenn wir das bestehende Tempo beibehalten? Viele Jahrzehnte definitiv. Die von Ministerin Giffey ins Spiel gebrachte verbindliche Vorstandsquote könnte den Druck auf die Unternehmen deutlich erhöhen. Die gute Erfahrung mit der Frauenquote für Aufsichtsräte sollte dabei helfen, Widerstände dagegen zu überwinden.

Themen: Gender , Unternehmen