Obergrenze für CO2-Ausstoß in europäischem Emissionshandelssystem muss schneller sinken

Pressemitteilung vom 1. Juli 2020

Potential für schnelleren Reduktionspfad ist vorhanden – Bliebe man auf bisherigem Weg, drohen ab 2030 drastische Einschnitte, wenn Pariser Klimaziel noch erreicht werden soll – Nur durch kurzfristige Anpassung des europäischen Emissionshandelssystems kann plausibler Minderungspfad erreicht werden

Das europäische Emissionshandelssystem muss dringend angepasst werden, wenn die Pariser Klimaziele nicht in Gefahr geraten sollen. Gleichzeitig ist das Potential dafür aber vorhanden, ohne Wirtschaft und Gesellschaft über Gebühr zu belasten. Das geht aus einem aktuellen Wochenbericht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) hervor, den eine Gruppe um die DIW-EnergieökonomInnen Claudia Kemfert und Aleksandar Zaklan verfasst hat. Der Artikel, an dem auch Jakob Wachsmuth und Vicki Duscha vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI sowie Claudia Gibis und Jan Weiß vom Umweltbundesamt beteiligt waren, basiert auf einer bereits veröffentlichten Studie im Rahmen eines Forschungsvorhabens für das Umweltbundesamt. „Die Energiepolitik ist auf europäischer Ebene und auch auf nationaler Ebene in Deutschland und anderen Ländern in den vergangenen Jahren einige Schritte in die richtige Richtung gegangen“, so Aleksandar Zaklan, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am DIW Berlin. „Nun muss der Emissionshandel entsprechend angepasst werden, damit er zum Pariser 1,5-Grad-Ziel und dem Wandel zu einer klimaneutralen Wirtschaft im Jahr 2050 effektiv beitragen kann.“


© DIW Berlin

Aktueller Reduktionspfad würde ab 2030 unrealistische Einschnitte verlangen

Das europäische Emissionshandelssystem (EU Emissions Trading System, EU-ETS) legt für jedes Jahr eine Obergrenze für den Ausstoß von Treibhausgasen fest. Unter das EU-ETS fallende Unternehmen – beispielsweise Energieproduzenten, energieintensive Industriekonzerne wie Zement- und Stahlhersteller, aber auch der europäische Luftverkehr – müssen Verschmutzungsrechte im Umfang ihrer Treibhausgasemissionen kaufen. Dadurch entsteht ein Preis für den Ausstoß von CO2 und damit ein Anreiz, diesen zu reduzieren, beispielsweise über Investitionen in klimafreundliche Technologien und Herstellungsprozesse.

„Die Energiepolitik ist auf europäischer Ebene und auch auf nationaler Ebene in Deutschland und anderen Ländern in den vergangenen Jahren einige Schritte in die richtige Richtung gegangen. Nun muss der Emissionshandel entsprechend angepasst werden, damit er zum Pariser 1,5-Grad-Ziel und dem Wandel zu einer klimaneutralen Wirtschaft im Jahr 2050 effektiv beitragen kann.“ Aleksandar Zaklan

Den Berechnungen in der Studie zufolge liegt das mit dem Ziel, den globalen Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, kompatible Emissionsbudget für die Jahre 2016 bis 2050 bei maximal 30 Gigatonnen CO2-Äquivalenten. Anhand dieser Zahl lassen sich verschiedene Reduktionspfade für den Treibhausgasausstoß berechnen. Aktuell ist für die Jahre 2021 bis 2030 geplant, die Obergrenze des Emissionshandelssystems jedes Jahr um 2,2 Prozent eines entsprechenden Basiswerts zu reduzieren, dies entspricht einer Emissionsreduktion um jährlich etwa 48 Millionen Tonnen. Behielte man diesen Weg bis zum Jahr 2030 bei, wären ab dann deutlich drastischere und unrealistisch erscheinende Emissionssenkungen von fast zehn Prozent jährlich erforderlich, um das Gesamtbudget nicht zu sprengen. Selbst dann wäre dieses jedoch bereits 2040 aufgebraucht, das Ziel einer klimaneutralen Wirtschaft müsste also deutlich früher erreicht werden.

„Eine derart drastische Emissionsminderung nach 2030 erscheint aus wirtschaftlicher, technischer und auch politischer Sicht unplausibel“, sagt Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am DIW Berlin. „Der aktuell gültige lineare Kürzungsfaktor ist also zu niedrig, um einen kosteneffizienten Pfad zur Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu erreichen.“

Obergrenze im Emissionshandelssystem könnte ohne große Kosten schneller sinken

Sinnvoller wäre es den AutorInnen des Artikels zufolge daher, die Reduktion der CO2-Emissionen deutlich gleichmäßiger über die Jahre zu verteilen. Unter der Annahme einer in globaler Sicht kosteneffizienten Reduktion müsste die Emissionsobergrenze um jährlich rund vier Prozent und damit in etwa doppelt so stark gesenkt werden wie derzeit – und das schon ab dem kommenden Jahr. Die gute Nachricht ist jedoch: Die auf europäischer Ebene in den vergangenen Jahren bereits festgelegten Ziele zum Anteil erneuerbarer Energien, einer höheren Energieeffizienz und den – beispielsweise in Deutschland – beschlossenen Kohleausstiegsplänen erlauben bereits einen Kürzungsfaktor von 3,6 Prozent. Die optimalen vier Prozent sind also schon in Reichweite.

„Das Potential für eine stärkere Verknappung der Verschmutzungsrechte im europäischen Emissionshandelssystem ist also eindeutig da und sollte nicht verschenkt werden“, bilanziert Kemfert. „Das ist auch eine Frage der Glaubwürdigkeit, denn wenn die Emissionsobergrenze zu langsam abgesenkt wird, droht das Handelssystem seine Steuerungsfähigkeit zu verlieren und wird wirkungslos. Das darf die Politik nicht zulassen, denn dann wird es in Zukunft erst wirklich teuer und schmerzhaft, wenn man die Klimaziele noch erreichen will.“

Links

  • Studie im DIW Wochenbericht 27/2020
  • Infografik in hoher Auflösung (JPG, 0.71 MB)
  • Interview mit Aleksandar Zaklan
  • O-Ton von Aleksandar Zaklan
    EU-Ziele und nationale Kohleausstiege ermöglichen stringentere Ausgestaltung des Emissionshandels - Interview mit Aleksandar Zaklan
Aleksandar Zaklan

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt

Claudia Kemfert

Abteilungsleiterin in der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt