Wenn Geld lockt, werden die Impfbedenken klein

Blog Marcel Fratzscher vom 11. Juni 2021

Wie treibt Deutschland die Impfquote in die Höhe? Für eine Lotterie nur für Geimpfte sind wir wohl zu dogmatisch. Aber die Politik muss sich dringend Lösungen überlegen.

Dieser Text erschien am 11. Juni 2021 in der Zeit Online-Kolumne Fratzschers Verteilungsfragen.

Stellen Sie sich das Folgende vor: Der Staat verlost eine Million Euro in einer Lotterie unter den Menschen, die sich gegen das Coronavirus haben impfen lassen. Die Reaktionen der Leserinnen und Leser dürften von Empörung bis Unterstützung variieren. Auch wenn dies für uns in Deutschland bisher nicht mehr als ein Gedankenexperiment ist, werden wir sehr bald die Frage beantworten müssen, wie möglichst viele Menschen geimpft werden können, um die Pandemie nachhaltig zu stoppen und die verletzlichsten Mitglieder unserer Gesellschaft zu schützen. Das erfordert schwierige Abwägungen, auf die sich Politik und Gesellschaft jetzt vorbereiten müssen.

In den USA gibt es tatsächlich solche Lotterien, die teilweise auch der Staat ausrichtet, um Impfgegnerinnen und -gegner umzustimmen. Im US-Bundesstaat Ohio beträgt die Gewinnsumme eine Million US-Dollar. Vier Wochen lang wird diese Summe jeden Mittwoch unter jenen Einwohnern des Bundesstaates verlost, die sich haben impfen lassen. Bei Impfgegnerinnen scheint das äußerst populär zu sein, denn die Teilnahme an der Impfung hat stark zugenommen: Die Anzahl der Erstimpfungen ist nach der Bekanntgabe der Lotterie um 33 Prozent gestiegen.

Die kleine Chance vs. alle Bedenken

Dies ist ein wunderbares Beispiel für die Rationalität von uns Menschen: Angesichts der vielen Tausend Teilnehmer sind die Chancen auf einen Gewinn recht gering. Der Erwartungswert – also die Wahrscheinlichkeit des Gewinns multipliziert mit der Gewinnsumme – beträgt wenige US-Dollar (in Ohio nahmen 2,7 Millionen Geimpfte an der ersten Verlosung teil).

Das Erstaunliche am Erfolg der Lotterie ist, was die Entscheidung für eine Teilnahme über die eigene Einschätzung vieler Impfgegnerinnen und -gegner zum Wert des eigenen Lebens und ihrer Gesundheit aussagt. Die meisten lehnen die Impfung nicht ab, weil sie glauben, diese sei nicht effektiv. Sondern sie machen sich Sorgen um die gesundheitlichen Konsequenzen der Impfung. Trotzdem werfen viele ihre gesundheitlichen Bedenken über Bord, wenn sie dafür die (sehr geringe) Chance auf einen Lotteriegewinn erhalten.

Eine Irrationalität bekämpft die andere

Die Lotterie ist daher auch ein faszinierendes Beispiel, wie man eine vermeintliche Irrationalität (die Angst vor gesundheitlichem Schaden durch die Impfung, trotz überwältigender wissenschaftlicher Evidenz für das Gegenteil) mit einer anderen Irrationalität (einer völlig überzogenen Hoffnung auf einen Lotteriegewinn) bekämpft und damit Erfolg haben kann. Andere US-Bundesstaaten haben sich andere Versionen einer solchen Lotterie einfallen lassen. Der Gouverneur des US-Bundesstaates New York, Andrew Cuomo, verlost beispielsweise 50 Stipendien zum Studium für zwölf- bis 17-jährige Jugendliche, wenn deren Eltern sie impfen lassen. Durch die meist hohen Studiengebühren kann ein solches Stipendium gut und gerne mehr als 100.000 US-Dollar wert sein.

Ginge das in Deutschland?

Wäre eine solche staatliche Lotterie auch eine Option für Deutschland? Darüber lässt sich trefflich streiten. Auf der einen Seite stehen die Prinzipientreuen, die nicht zu Unrecht die Perversität der dahinterstehenden Logik anmahnen: Der Staat gibt Steuergeld der Impfwilligen und verantwortungsvollen Bürger für Impfgegner aus, damit diese ihre Verweigerungshaltung aufgeben.

Nicht nur verhalten sich die Impfgegnerinnen und -gegner verantwortungslos gegenüber den Mitgliedern der Gesellschaft, die sich haben impfen lassen und damit auch ihre Mitmenschen schützen, sondern sie lassen sich dafür bezahlen, diese Verweigerungshaltung aufzugeben. Die Logik ist fast so wie bei einer Erpressung: Du musst mir Geld dafür zahlen, dass ich dich nicht länger bedrohe.

Auf der anderen Seite der Debatte stehen die Pragmatikerinnen, die zu Recht darauf hinweisen, dass solche Lotterien effektiv in ihrer Zielsetzung sind, nämlich mehr Menschen zu impfen und damit die Pandemie schneller zu beenden. Der Nutzen für die Gesellschaft von 10.000 zusätzlich geimpften Menschen wiegt zweifelsohne weit höher als eine Million US-Dollar, die in der Lotterie verlost werden. Wieso also nicht staatliches Geld dafür einsetzen, um der gesamten Gesellschaft etwas Gutes zu tun?

Ein Schuss Pragmatismus hätte gutgetan

Ich vermute, dass es solche finanziellen Anreize in Deutschland nicht geben wird, da wir – anders als die US-Amerikaner – uns eher als eine von Prinzipien geleitete Gesellschaft sehen, die solche Lotterien als unmoralisch ansieht. Dabei würde uns Deutschen ein Schuss Pragmatismus häufig sehr guttun. Die Ursachen für einige Aspekte des Scheiterns in den vergangenen 18 Monaten liegen im Dogmatismus und der fehlenden Flexibilität, sich auf neue Situationen einzustellen. Die bürokratischen Hürden und Verzögerungen bei der Auszahlung von November- und Dezemberhilfen sind ein treffendes Beispiel. Die Sorge der Politik vor Missbrauch hat schwerer gewogen als ein unkompliziertes Auszahlen, um Unternehmen möglichst schnell zu helfen. Oder nehmen wir die Klagen mancher, der Staat dürfe nicht so viele Schulden machen und solle doch die Hilfen für Menschen und Unternehmen reduzieren. Die Obsession mit Schulden und der Schuldenregel hat für manche mehr Gewicht als die konkrete Hilfe und kurzfristige Verhinderung eines erheblichen wirtschaftlichen und sozialen Schadens.

Was tun, wenn die Impfquote zu gering ist?

Deutschland hat sich wie fast alle Demokratien gegen eine Impfpflicht entschieden, um jedem Menschen die Freiheit zu gewähren, für sich selbst (und für die eigenen Kinder) über eine Impfung zu entscheiden. Diese Entscheidung ist richtig, aber die Politik wird nun pragmatisch sein müssen, um einen Neustart nach der Corona-Pandemie möglich zu machen. Dazu gehört die Frage, wie wir als Gesellschaft mit Menschen umgehen wollen, die sich einer Impfung verweigern. Restriktionen wie eine Testpflicht für öffentliche Räume für Nichtgeimpfte können ein Element sein. Aber die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass dies bei Weitem nicht ausreichen wird, um die Impfquote ausreichend zu erhöhen.

Es scheint, dass die Politik sich mal wieder schwertut, diese ethische und gesellschaftliche Abwägung zu treffen. Sie muss sich jedoch bald entscheiden, um nicht erneut von der Realität überholt zu werden.

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