Elementarschäden müssen versichert sein

Medienbeitrag vom 20. Juli 2021

Eine Folge der Regenkatastrophe sind die immensen Kosten der Gebäudeschäden. Hier hilft eine Versicherungspflicht – die auch künftige Klimarisiken reduzieren kann.

Der Klimawandel hat dieser Tage gezeigt, welche katastrophalen Folgen er hat: Sturmtief Bernd ist über Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, das Saarland und Teile Hessens gezogen und hat durch extremen Dauerregen und Starkregen starke Verwüstungen angerichtet und mehr als 150 Menschen getötet. Angesichts der unzähligen Gebäudeschäden fürchten Versicherer bereits jetzt die höchste Schadenssumme durch Unwetter seit acht Jahren.

Dieser Beitrag erschien erstmals am 20. Juli 2021 als Gastbeitrag bei Zeit Online.

Es ist offenbar mehr Vernunft im Umgang mit Naturgefahren gefordert. Neben mehr baurechtlicher und technischer Vorsorge sollte endlich eine gesetzliche Pflicht zur Versicherung von Wohngebäuden gegen Naturgefahren eingeführt werden. Denn eine Versicherung sichert nicht nur im Schadensfall ab, sondern die Prämien für die Versicherung stellen auch einen steten Anreiz dar, individuelle und gesellschaftliche Vorsorge zu betreiben. Dafür müssen die Prämien je nach Gefahrenlage und Vorsorge gestaffelt sein.

Vorsorge ist besser als Nachsorge – das haben alle klimapolitischen Maßnahmen gemein. Die Prämien für die Versicherung gegen Naturgefahren wirken im Ergebnis wie die Bepreisung von Treibhausgasemissionen: Während der CO2-Preis der Umweltschädigung eines Produkts einen Preis gibt, gibt die Versicherungsprämie dem erwartbaren Gebäudeschaden einen Preis. Und wer langfristig die Ausgaben für den CO2-Ausstoß niedrig halten möchte oder im Falle der Versicherung gegen Naturgefahren günstige Prämien zahlen will, der muss geeignete Maßnahmen ergreifen, um später einen Vorteil zu haben. Für den Schutz gegen häufig vorkommende Naturgefahren wie Platzregen – der mit den Ereignissen der vergangenen Tage nicht vergleichbar ist – sind bereits verhältnismäßig günstige technische Maßnahmen, etwa die Installation von Rückschlagklappen beim Abwasserabfluss, oft ausreichend, um schwere Schäden im Keller zu vermeiden.

Die Versicherungswirtschaft sperrt sich

Schutz gegen verheerende Naturkatastrophen wie in den zurückliegenden Tagen im Westen Deutschlands ist zwar auch durch eine individuelle Vorsorge kaum oder gar nicht möglich, aber immerhin wäre man dann versichert. Und die Prämien, die ständig gezahlt werden würden – und vermutlich wegen der Zunahme von Unwetterereignissen permanent stiegen –, könnten die politische Diskussion über den Klimawandel weiter befeuern. Maßgeblich wäre dann, welche Maßnahmen geeignet sind, den fortschreitenden Klimawandel aufzuhalten und die katastrophalen Folgen des Klimawandels technisch und baulich abzumildern. 

Die gute Nachricht in diesen schrecklichen Tagen ist: Unwetterschäden sind in Deutschland mit einer Elementarschadenversicherung im Rahmen einer Wohngebäudeversicherung grundsätzlich versicherbar. Nach Berechnungen des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen lassen sich gegenwärtig noch die meisten Wohngebäude für nur fünf Euro im Monat bei minimalem Selbstbehalt im Schadensfall versichern. Selbst in Regionen mit hoher Unwettergefahr sind Wohngebäude versicherbar, wenn hinreichend technische Vorsorge betrieben wird.

Gegen eine Versicherungspflicht sperrt sich jedoch die Versicherungswirtschaft, weil sich damit kaum Geld verdienen lässt. Die meisten Versicherungsverträge sind so preiswert, dass es sich für Versicherungsvertreter schlichtweg nicht lohnt, sie zu verkaufen. Und Verträge in Risikogebieten bringen zwar mehr Provisionen, erfordern aber zeitintensive Verkaufsgespräche.

Die schlechte Nachricht ist: Die Mehrheit der Hausbesitzerinnen und Hausbesitzer ist leider nicht hinreichend für die Wichtigkeit eines Versicherungsschutzes sensibilisiert – und auch die politischen Parteien äußern sich eher vage. Im Ergebnis sind nur knapp 50 Prozent der Wohngebäude gegen Unwetter versichert. In den heute am stärksten betroffenen Gebieten in Rheinland-Pfalz und im Saarland sind es sogar weniger als 40 Prozent. Den Menschen kann man mangelnde Voraussicht kaum vorwerfen, denn sie sind im Alltag mit genug anderen Problemen konfrontiert. An die Politik müssen jedoch höhere Ansprüche gestellt werden.

Sehr hohe Prämien könnte der Staat abfedern

Allerdings ist das Interesse an einer nachhaltigen Lösung des Problems unterschiedlich und insgesamt recht schwach ausgeprägt. 2017 haben sich die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der Länder darauf verständigt, dass im Katastrophenfall nur noch in Härtefällen an Geschädigte gezahlt werden soll. Die Idee war offenbar, dass durch die bloße Ankündigung der Verweigerung von Hilfe in der Not hinreichend Anreize gesetzt waren, damit die Menschen eigeninitiativ technische Vorsorge treffen und eine Elementarschadenversicherung abschließen. Signaling nennen Ökonominnen und Ökonomen diese Vorgehensweise.

Damit derartige Signale Wirkung entfalten, müssen sie glaubwürdig sein – das waren sie jedoch offenbar nicht, denn die Abschlüsse von Elementarschadenversicherungen haben seitdem kaum zugenommen. Und die Menschen sollten recht behalten mit ihrer Intuition, denn bereits kurz nach der jetzigen katastrophalen Flutwelle wurden finanzielle Hilfen durch den Staat in Aussicht gestellt. Die finanziellen Hilfen sind unter den gegebenen Umständen auch richtig – aber kluge Politik sähe anders aus.

Zwar wird zu Recht argumentiert, dass die Gefahren des Klimawandels nicht auf die Menschen abgewälzt werden dürfen – dieser Eindruck könnte bei einer individuellen Versicherung gegen Naturgefahren entstehen. Dieser Einwand muss ernst genommen werden. Trotzdem ist die Frage berechtigt, ob die Menschen bessergestellt sind, wenn kaum ein Anreiz besteht, individuelle Vorkehrungen gegen Naturgefahren zu treffen, und im Katastrophenfall auf das Wohlwollen des Staates angewiesen zu sein.

In Parteiprogrammen findet sich wenig zum Thema

Wenn die Prämien für eine Elementarschadenversicherung in bestimmten Lagen Hunderte Euro für ein Einfamilienhaus betragen würden, könnte der Staat die Last durch einen zielgerichteten Transfer – analog zum Wohngeld – mildern. Denn es ist sinnvoll, dass der Staat die Menschen im Voraus besser schützt als heute.

Wirft man einen Blick in die Wahlprogramme der politischen Parteien zur Bundestagswahl, die – wohlgemerkt – vor der aktuellen Unwetterkatastrophe verfasst wurden, findet sich bei SPD, FDP und AfD kaum Relevantes zu Stichworten wie Starkregen, Elementarschaden, Hochwasser, Klima und so weiter. Die übrigen im Bundestag vertretenen Parteien werden etwas konkreter: So setzen sich die Grünen "für einen zusätzlichen Fonds zum Ausgleich von Schäden und Verlusten ein, um daraus (…) Klimarisikoversicherungen zu finanzieren", die CDU strebt eine "Hochwasserprävention an Flüssen und Küsten" an und Die Linke stellt fest, dass sich "die Armen (…) nicht gegen Klimaschäden versichern können". Ein Hinweis auf eine Elementarschadenversicherung oder gar eine Versicherungspflicht findet sich hingegen nirgendwo.

Die oft kurzfristige Logik des politischen Geschäfts muss besser mit der langfristigen Logik des Klimawandels synchronisiert werden. Niemand zahlt gern für mehr Prävention und immer höhere Versicherungsprämien, und auch Tote werden dadurch nicht wieder lebendig. Aber durch individuelle und gesellschaftliche Vorsorge kann es künftig weniger Klimatote und Klimaschäden geben.

Gert G. Wagner
Gert G. Wagner

Senior Research Fellow in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel

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