DIW Berlin: Derzeit keine Prognose für das Wachstum 2010

Pressemitteilung vom 14. April 2009

Das DIW Berlin wird in seiner morgigen Frühjahrsanalyse der Wirtschaft auf die Präsentation einer Wachstumsprognose für das Jahr 2010 verzichten. Das Institut reagiert damit auf die jüngste Serie drastisch nach unten korrigierter Konjunkturprognosen aller Prognostiker. Dies hatte zu einer öffentlichen Debatte über Sinn und Funktion von Konjunkturprognosen geführt.
In der gegenwärtig noch immer anhaltenden Situation extrem großer Unsicherheiten sei eine quantitative Prognose für das nächste Jahr derzeit nicht sinnvoll, so das Institut in einer heute veröffentlichten Erklärung. „Seit der Verschärfung der Finanzkrise laufen alle Vorhersagen der tatsächlichen Entwicklung drastisch hinterher“, sagte DIW-Präsident Klaus F. Zimmermann. „Sämtliche Prognostiker – das DIW Berlin inbegriffen – haben die Entwicklung in all ihrer Dramatik so nicht vorausgesehen. Die Makroökonomik befindet sich in einem Erklärungsnotstand.“ „Wir wissen: Die Erwartungen an Ökonomen sind in der derzeitigen Krisensituation hoch. Zu Recht gibt es eine öffentliche Diskussion darüber, was wissenschaftlich fundierte Politikberatung leisten muss, wenn sie am dringendsten gebraucht wird. Dieser Debatte stellen wir uns“, sagte Zimmermann. "Eine sorgfältige und abgewogene Analyse der Lage und der Politikoptionen muss deshalb im Mittelpunkt stehen. Geeignete frühe Politikempfehlungen aus der Wissenschaft zur Beherrschung der Finanzkrise, wie eine rasche Neuregelung des Finanzsektors, die Schaffung von Bad Banks und die Staatsbeteiligung an Banken sind aber bis heute von der Politik nicht umgesetzt worden." Warum wurde der abrupte Konjunktureinbruch nicht früher erkannt? Das DIW Berlin legte zugleich eine Analyse vor, warum Konjunkturforscher die sich weltweit ausbreitende Rezession nicht früher erkannt haben. So ließen sich die rasche globale Ausbreitung der Krise und ihre Tiefe mit den üblichen Methoden kaum nachvollziehen. Strukturmodelle, die in normalen Zeiten verlässliche Prognosen liefern, stoßen bei historischen Wachstumseinbrüchen an die Grenze des Machbaren. Auch die Wirkungen von Immobilien- und Finanzblasen auf die Realwirtschaft, die zusätzlich von Stimmungen und Erwartungen überlagert werden, sind noch nicht vollständig untersucht. Die Fortentwicklung des Instrumentariums bleibt daher eine Daueraufgabe der angewandten Wirtschaftsforschung. „Die Makroökonomie befindet sich im Erklärungsnotstand“ Die Erklärung des DIW Berlin im Wortlaut (Vorabauszug aus der ausführlichen Wirtschaftsanalyse im DIW Wochenbericht vom 15. April 2009) „Die gegenwärtige Krise, die ihren Anfang beim Platzen der von den Banken mit windigen Finanzprodukten aufgepumpten Immobilienblase in den USA nahm, hat sich inzwischen wie ein Flächenbrand auf die Weltwirtschaft ausgebreitet. Sämtliche Prognostiker haben die Entwicklung in all ihrer Dramatik nicht vorausgesehen. Im Fall Deutschlands traten die meisten Prognosen schon deshalb nicht ein, weil der konjunkturelle Wendepunkt falsch eingeschätzt wurde. Hierzu hatte beigetragen, dass sowohl die Investitionen als auch die Beschäftigung bis in den Herbst des letzten Jahres zunahmen. Das Gefahrenpotential, das sich infolge der Probleme auf den Finanz- und Immobilienmärkten zusammenbraute, wurde unterschätzt. Dass das Umschwenken in eine Rezession zu spät erkannt wird, ist ein grundsätzliches, bereits in der Vergangenheit zu beobachtendes Problem der Konjunkturforschung. Offenkundig verfügt die Konjunkturforschung noch nicht über geeignete Instrumente, um Wendepunkte, insbesondere beginnende Abschwünge, zu erkennen. Verkannt wurde zudem die rasche weltweite Ausbreitung der Krise – und dabei insbesondere die Infizierung der Schwellenländer. Nach dem bisherigen Stand der Forschung war das nicht zu erwarten. Empirische Studien zeigen, dass die Konjunkturzyklen zwischen Industrie- und Schwellenländern in den letzten Jahrzehnten nicht synchroner wurden, sondern zunehmend auseinandergelaufen sind. Danach hätte eine robuste Konjunktur in den Schwellenländern den Absturz in den USA durchaus kompensieren können. Aber auch innerhalb der Gruppe der Industrieländer war ein gemeinsamer Einbruch aufgrund früherer Erfahrungen nicht zwingend. Der internationale Konjunkturzusammenhang zwischen den Industrieländern ist zwar ab der zweiten Hälfte der 90er Jahre intensiver geworden, aber nur sehr allmählich. Des Weiteren wurde das Ausmaß des Produktionsrückgangs enorm unterschätzt. Die makroökonomische Theorie bietet kaum überzeugende Instrumente, um die Tiefe der Krise nachzuvollziehen. So bilden internationale Handelsverflechtungen einen wichtigen Transmissionskanal konjunktureller Entwicklungen. Die wirtschaftliche Integration hat sich jedoch in Europa und in Asien in den letzten Jahren wesentlich dynamischer entwickelt als die Handelsbeziehungen einzelner Länder mit den USA. Außerdem machen die US-Importe nur rund 5 Prozent der Weltproduktion aus.. Um einen Rückgang der Produktion im Rest der Welt von nur einem Prozent auszulösen, wäre ein Absturz der US-Importe von 20 Prozent erforderlich. Legt man die empirischen Einkommenselastizitäten der Importnachfrage in der Größenordnung von 2 zugrunde, müsste das Bruttoinlandsprodukt der USA dann dafür schon um rund 10 Prozent schrumpfen. Dies wird derzeit nicht einmal von Pessimisten erwartet. Daher scheint der Konjunktureinbruch in den USA ungeeignet zu sein, die Schrumpfung der Weltproduktion hinreichend zu erklären. Die Finanzkrise hat den internationalen Konjunkturzusammenhang – zumindest zeitweise – mit hoher Wahrscheinlichkeit verstärkt. Durch die Insolvenz von Lehman Brothers ist das Vertrauen in die Finanzmärkte zusätzlich schwer erschüttert worden. Zwar hatten viele Beobachter bereits frühzeitig auf mögliche Gefahren hingewiesen, die aus einer Kreditverknappung für Unternehmen und Haushalte folgen, doch eine globale Kreditklemme ist bisher nicht zu beobachten. Ein starker Einfluss der Vermögensmärkte auf die realwirtschaftliche Entwicklung ist zudem nicht generell, sondern eher für die angelsächsischen Länder zu belegen. Die traditionellen Erklärungsmuster scheinen in der gegenwärtigen Situation nicht angemessen zu sein. Auch pessimistische Erwartungen und Stimmungen der Investoren können die von den Immobilien- und Finanzmärkten ausgehenden Schocks und die konjunkturellen Übertragungseffekte verstärkt haben. Weil die Rezession weitaus tiefer ist als von den meisten Beobachtern erwartet, hat die Häufigkeit von Prognoserevisionen zugenommen. Dabei laufen die Vorhersagen der tatsächlichen Entwicklung hinterher. Dies zeigt sich beispielsweise in den Consensus-Prognosen für das laufende Jahr, einer monatlich veröffentlichten Umfrage unter führenden Prognostikern. In Zeiten einer ruhigen Wirtschaftsentwicklung ist der Mittelwert dieser Vorhersagen recht stabil; im Zuge der aktuellen Krise wurde er aber kontinuierlich und im Gleichschritt nach unten korrigiert. Das verweist auf ein altbekanntes sozialpsychologisches Phänomen: Die Prognostiker neigen dazu, sich an anderen zu orientieren und ihre Vorausschätzungen innerhalb eines Rahmens abzugeben, von dem sie annehmen, dass er von der Wissenschaftsgemeinde akzeptiert wird. Dieses Imitationsverhalten verhindert, dass eine von der „Herde“ stark abweichende Konjunkturanalyse erstellt wird. Alles in allem: Die Makroökonomik befindet sich in einem Erklärungsnotstand, so dass Prognosen in der heutigen Zeit nur mit größter Vorsicht zu interpretieren sind. Bei der Entwicklung von Prognose- und Simulationsmodellen steht die empirische Wirtschaftsforschung weiterhin vor großen Herausforderungen. Frühwarnsysteme zur Aufdeckung destabilisierender Spannungen im Wirtschaftsablauf stellen eine unverzichtbare Ergänzung der gängigen Strukturmodelle dar. Gleichzeitig gilt es, keine unerfüllbaren Erwartungen an die Modellierbarkeit des Wirtschaftsprozesses aufkommen zu lassen: empirisch gestützte Strukturmodelle, die atypische Wachstumseinbrüche gleichermaßen zu erklären in der Lage sind wie die Entwicklung in konjunkturellen Normalsituationen, dürften schnell an die Grenzen des Möglichen stoßen. Sinn von Prognosen ist es, eine Orientierung innerhalb eines in sich konsistenten Szenarios zu geben. Angesichts der derzeit besonders großen Unsicherheit wird darauf verzichtet, eine explizit quantitative Prognose für das Jahr 2010 vorzulegen.“