Konjunkturprognostiker unter Panik. Kommentar von Prof. Dr. Klaus F. Zimmermann

Kommentar vom 14. Oktober 2008

14. Oktober 2008

In bunter Folge legen Wirtschaftsforschungsinstitute, Bankenvolkswirte und nationale und internationale Institutionen ihre Analysen zur wirtschaftlichen Entwicklung vor. Gerade hat das DIW Berlin wieder seine Herbstprognose vorgestellt. In diesen Tagen wird eine Gemeinschaftsdiagnose diverser Institute erwartet, der schon bald der Sachverständigenrat mit seinem Jahresgutachten folgt. Verwirrt diese Vielfalt nicht nur? Braucht man diese Masse an öffentlichen Interventionen überhaupt und sind sie nicht gar gefährlich? Aber darf man neue Informationen einfach ignorieren?

Hohe Unsicherheiten erzwingen häufige Revisionen. Kein Wunder, dass das Interesse groß, aber auch die Verärgerung nachhaltig ist, wenn Unterschiede und Revisionshäufigkeiten zunehmen. Aber die Vielfalt liefert wichtige Informationen über die Genauigkeit des Erkenntnisstandes. Denn je größer die Unsicherheit ist, um so verschiedener sind auch die Ansichten der Prognostiker. Prognosen sind immer nur bedingte Wahrscheinlichkeitsaussagen. Genaues wissen nur Kaffeesatzleser und Wahrsagerinnen.

Derzeit ist die Schlüsselfrage, welche Konsequenzen sich aus der Finanzmarktkrise für Konjunktur und Arbeitsmarkt ergeben. Die Wahrheit ist, dass Finanzmärkte in allen Konjunkturmodellen nur unzureichend abgebildet sind. Das reicht, um schon zu normalen Zeiten ratlos zu sein. Um so mehr, wenn ein ganzer Sektor zusammen zu brechen droht. Die Konsequenzen großer Systemänderungen sind allemal unprognostizierbar.

Der Prognostiker ist aber leider auch Partei. So ringt der Internationale Währungsfonds um Einfluss und Existenzberechtigung. Und mit Krisengerede erreicht man immer die größte Medienaufmerksamkeit. Dann erliegen die Prognostiker angesichts der wilden Eruptionen an den Börsen dem süßen Gift der Panik. Die Entwicklung dort ist aber keine Aufgabe für Finanzmarktanalysten mehr, sondern eine für Verhaltensökonomen. Doch die werden erst gar nicht gefragt.

Die Verlangsamung der Konjunktur ist seit langem prognostiziert. Es war klar, dass sich die Strukturkrise der amerikanischen Automobilindustrie auch auf uns auswirken wird. Es ist fragwürdig, für alles jetzt die Finanzkrise zum Sündenbock zu machen. Es ist eben auch wahr, dass alle Anzeichen auf eine positive Beschäftigungsentwicklung bis ins nächste Jahr, auf fallende oder niedrigere Energie- und Lebensmittelpreise, auf einen sinkenden Eurokurs und fallende Zinsen hindeuten. Die Weltrezession ist gar nicht ausgemacht, wenn angemessen reagiert wird.

Aber Panik verkauft sich gut. Und Panik schafft Panik, insbesondere in diesen Zeiten. Hier wird der Prognostiker zum Akteur. Er wird nicht nur endlich gehört. Nein, er kann auch zu dem beitragen, was er prognostiziert.

Klaus F. Zimmermann

Klaus F. Zimmermann ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute (ARGE) in Deutschland.