Pressemitteilung/Press Release

Pressemitteilung vom 04.04.2012

Deutsche Wirtschaft steht vor kräftigem Aufschwung

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Copyright: Thomas Westermann

Die deutsche Wirtschaft wird in diesem Jahr um 1,0 Prozent und im nächsten Jahr um 2,4 Prozent wachsen und steht damit vor einem kräftigen Aufschwung. Dies prognostiziert das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) in seinen „Frühjahrsgrundlinien 2012“. Der Aufschwung wird vor allem von der Binnenwirtschaft getragen. Zum Winterhalbjahr war die Erwerbstätigkeit in Deutschland auf einem historischen Höchststand und die Zahl der Arbeitslosen war so niedrig wie seit der deutschen Wiedervereinigung nicht mehr. „Wegen des guten Arbeitsmarkts werden die Löhne kräftig steigen und so den privaten Konsum deutlich antreiben“, sagte DIW-Konjunkturchef Ferdinand Fichtner bei der Vorstellung des Gutachtens in Berlin.

Im Winterhalbjahr 2011/2012 ist die deutsche Wirtschaft allerdings kaum gewachsen. Nicht nur die Nachfrage aus dem Ausland verlief infolge der Schuldenkrise gedämpft. Auch die privaten Haushalte und die Unternehmen haben sich mit Ausgaben zurückgehalten. Zuletzt hat sich die Stimmung in der deutschen Wirtschaft aber wieder aufgehellt – vor allem, weil eine Eskalation der Schuldenkrise zunächst eingedämmt wurde. Im weiteren Verlauf dürfte die deutsche Wirtschaft wieder Fahrt aufnehmen.

Arbeitsmarkt robust, aber weniger dynamisch

Die Konjunkturdelle im Winterhalbjahr 2011/2012 hat auf dem Arbeitsmarkt bisher keine Spuren hinterlassen. Im Gegenteil: Trotz schwacher Wirtschaftsentwicklung haben die Unternehmen bis zuletzt Beschäftigung aufgebaut. Auf Dauer werden die Unternehmen nach Einschätzung des DIW Berlin die damit verbundene schwächere Gewinnentwicklung aber nicht hinnehmen: „Der Aufbau der Beschäftigung dürfte im Sommerhalbjahr 2012 vorübergehend zum Stillstand kommen, einen deutlichen Rückgang der Erwerbstätigen sehen wir aber nicht“, so DIW-Konjunkturexperte Simon Junker. Insgesamt dürfte die Arbeitslosenquote nach Einschätzung des DIW Berlin in diesem Jahr bei 7,0 Prozent liegen, im nächsten Jahr mit 6,7 Prozent sogar noch einmal etwas darunter.

Privater Konsum wächst kräftig

Die gute Arbeitsmarktsituation treibt den privaten Verbrauch an: Auch wenn die Konsumenten sich zuletzt vor dem Hintergrund der Schuldenkrise im Euroraum etwas zurückgehalten haben, dürften die Konsumausgaben nun wieder deutlich zulegen. „Die zunehmende Arbeitsplatzsicherheit und vor allem die kräftig steigenden Löhne dürften dieses und nächstes Jahr zu hohen Zuwächsen beim privaten Konsum führen und so die Inlandsnachfrage stärken“, so Junker. Nach Einschätzung der DIW-Forscher liegt die kräftige Entwicklung des Konsums unter anderem daran, dass die steigenden Löhne auch in den unteren Einkommensklassen ankommen.  „Reiche Menschen sparen mehr. Ärmere Menschen verwenden dagegen einen größeren Teil ihres Einkommens für Konsumzwecke“, erläuterte Fichtner. Auch die schwache Entwicklung der Konsumausgaben in den letzten zehn Jahren hänge damit zusammen, dass die Gewinn- und Vermögenseinkommen viel stärker gestiegen sind als die Lohneinkommen: Wenn die Entwicklung der Löhne in diesem Zeitraum mit der Entwicklung der Gewinn- und Vermögenseinkommen Schritt gehalten hätte, hätte die Sparquote um bis zu 0,6 Prozentpunkte niedriger gelegen und der private Konsum wäre um bis zu zehn Milliarden Euro pro Jahr höher gewesen, zeigen die DIW-Forscher in ihrem Gutachten.

Inflation bleibt hoch

Die Inflation dürfte nach DIW-Einschätzung mit etwa zwei Prozent in diesem und nächstem Jahr für deutsche Verhältnisse relativ hoch sein. Die Ursache: Die Nachfrage in Deutschland brummt und die Unternehmen können höhere Kosten, etwa aufgrund der steigenden Löhne oder hoher Rohstoffpreise, an die Verbraucher weitergeben. „Für einen kräftigen Aufschwung sind die Inflationsraten aber alles andere als bedenklich“, sagte Fichtner. Entscheidender ist nach DIW-Einschätzung, dass die Europäische Zentralbank ein wachsames Auge auf die Finanzmärkte hat: „Die massive Liquiditätsbereitstellung durch die EZB hat dazu beigetragen, dass sich die Krise im Euroraum schneller als erwartet stabilisiert hat“, beurteilte Fichtner die geldpolitischen Maßnahmen gegen die Krise insgesamt positiv. „Jetzt ist aber Wachsamkeit gefragt: Wenn sich die Lage auf dem Finanzmarkt vollständig beruhigt, kann sich das starke Geldmengenwachstum schnell in Inflation niederschlagen.“

Stärkere Haushaltskonsolidierung wünschenswert

Die Defizitquote im Staatshaushalt hat sich bereits im Jahr 2011 deutlich zurückgebildet und wird in diesem Jahr auf 0,7 und im nächsten Jahr auf 0,3 Prozent zurückgehen. Damit dürfte die Einhaltung der gesetzlichen Schuldenbremse nicht gefährdet sein. Die DIW-Experten kritisieren jedoch, dass die Rückführung der Defizite nur langsam vorangeht: „Vor allem im Jahr 2013 ist der Rückgang des Defizits nur der guten Konjunktur zu verdanken und nicht den Sparbemühungen der Regierung“, sagte Junker. „Eine etwas stärkere Konsolidierung wäre angesichts des immer noch unterfinanzierten Bundeshaushalts schon wünschenswert.“

Weltwirtschaft: Schwächephase erst nächstes Jahr überwunden

Während die deutsche Wirtschaft vor einem kräftigen Aufschwung steht, wird die Weltwirtschaft nach Einschätzung des DIW Berlin im laufenden Jahr nur gedämpft wachsen – vor allem in den Industrieländern. „Zwar hat die Gefahr einer Eskalation der Schuldenkrise abgenommen, aber in vielen Euro-Ländern sind die Sparprogramme eine Belastung für die Konjunktur“, erläuterte Fichtner. „Allerdings wird sich der wirtschaftliche Aufschwung in Deutschland auch in höheren Importen niederschlagen. Vor allem im nächsten Jahr wird das die Exporte unserer europäischen Nachbarn und damit die Konjunktur stützen.“ Jüngste Anzeichen für eine konjunkturelle Belebung in den USA überzeugen die DIW-Forscher nicht: „Der Arbeitsmarkt ist noch immer in schlechter Verfassung und die Menschen sind hoch verschuldet – wo soll denn da Wachstum herkommen?“, bemerkte Fichtner skeptisch. Die DIW-Forscher setzen eher auf eine etwas kräftigere Entwicklung in den großen aufstrebenden Volkswirtschaften wie China oder Brasilien: „Die Geldpolitik in den Schwellenländern ist wieder deutlich expansiver“, so Fichtner. „Dies dürfte dort im weiteren Verlauf wieder zu höherem Wachstum führen, das auch den deutschen Exporten zu Gute kommt.“

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Wochenbericht 14-15/2012 | PDF, 1.81 MB

Interview mit Ferdinand Fichtner | MP3, 4.39 MB

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