Pressemitteilung/Press Release

Pressemitteilung vom 19.08.2009

Mit dem Verlust des Arbeitsplatzes bröckelt das Vertrauen. Vertrauen in Deutschland stabil – Wer wenig verdient, ist misstrauischer

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Copyright: Jozef Sedmák

Das gegenseitige Vertrauen der Menschen in Deutschland ist stabil. Jeder zweite Befragte gibt hohes oder mittleres Vertrauen an. Die größte Gefahr für Vertrauen bildet Arbeitslosigkeit. Das sind die zentralen Ergebnisse einer aktuellen Studie des  DIW Berlin. Die Studie basiert auf den Daten des Sozio-oekonomischen Panel (SOEP), einer jährlichen Wiederholungsbefragung von rund 11.000 Haushalten.

Vertrauen ist ein sozialer Rohstoff, ein Kitt, der die Menschen einer Gesellschaft zusammenhält und ihnen ermöglicht, ohne zusätzliche Kontrolle sozial und wirtschaftlich miteinander zu kooperieren. Dem Grad des Vertrauens innerhalb eines Landes werden daher auch positive Effekte auf seine wirtschaftliche Entwicklung zugeschrieben. Eine Gesellschaft, in der Vertrauen schwindet, hat also auch ein ökonomisches Problem. „In Deutschland gibt es keine Anzeichen für einen Vertrauensschwund“, sagte DIW-Sozialforscher Jürgen Schupp. Mit seinem Kollegen Niels Michalski hat er die Stabilität des Vertrauens zwischen 2003 und 2008 untersucht.

Vertrauen in fremde Personen seit Jahren stabil

Auch das Sozio-oekonomische Panel (SOEP), eine am DIW Berlin angesiedelte, jährliche Wiederholungsbefragung von rund 11 000 Haushalten, beschäftigt sich mit dem Thema Vertrauen. In einer neuen Studie haben die DIW-Sozialforscher Jürgen Schupp und Niels Michalski jetzt die Stabilität des Vertrauens zwischen 2003 und 2008 untersucht. „“Die Daten haben sich in den letzten fünf Jahren kaum verändert. Das Vertrauen in Deutschland ist stabil“, sagte Jürgen Schupp. Demnach haben rund 14 Prozent der Deutschen hohes Vertrauen in ihre Mitmenschen, knapp die Hälfte mittleres und etwa 40 Prozent eher geringes Vertrauen.

Hochgebildete Vielverdiener vertrauen am meisten

Die SOEP-Ergebnisse zeigen, dass das Bildungsniveau und die Einkommenssituation das Vertrauen beeinflussen. „Menschen mit höherer Bildung vertrauen ihren Mitmenschen stärker als Menschen mit niedrigem Bildungsstand“, so Niels Michalski. So liegt der Anteil der Akademiker mit hohem Vertrauen mit 25 Prozent fast doppelt so hoch wie bei Personen mit Berufsausbildung. Ähnliche Unterschiede zeigen sich bei den Löhnen: 2008 gab die Hälfte aller Personen mit den niedrigsten 20 Prozent aller Einkommen nur geringes Vertrauen an, lediglich 10 Prozent hohes Vertrauen. Bei den Vielverdienern gaben doppelt so viele hohes Vertrauen an.

Arbeitslose misstrauen, Akademiker und Selbständige haben hohes Vertrauen

Noch stärker als niedriges Einkommen beeinträchtigt Arbeitslosigkeit das Vertrauen. 2008 haben 53 Prozent der Arbeitslosen geringes Vertrauen in ihre Mitmenschen. Personen, die länger als ein Jahr ohne Job sind, geben dabei einen zusätzlichen Vertrauensverlust an. „Diese Gruppe kann erst dann wieder signifikant Vertrauen aufbauen, wenn sie eine Beschäftigung findet“, sagte Jürgen Schupp. Unter den Erwerbstätigen liegt der Anteil der gering Vertrauenden lediglich bei 38 Prozent.

Überdurchschnittlich hoch ist das Vertrauen der Selbständigen. 22 Prozent von ihnen haben hohes Vertrauen. „Ein plausibles Ergebnis, wenn man bedenkt, dass Selbständige permanent mit fremden Personen konfrontiert sind, denen sie vertrauen müssen, wenn sie Geschäfte mit ihnen machen wollen“, so Schupp.

Persönlichkeitsmerkmale und soziales Engagement sind ausschlaggebend

Neben den sozio-demografischen Merkmalen untersuchten die Wissenschaftler auch den Einfluss von Persönlichkeitsmerkmalen auf das Vertrauen. „Offene Menschen, die ein besonderes Interesse an neuen Erfahrungen und Erlebnissen haben, aber auch Personen mit ausgeprägtem Altruismus und Mitgefühl vertrauen ihren Mitmenschen stärker als etwa gewissenhafte Personen“, sagte DIW-Sozialforscher Niels Michalski. Auch eine hohe Risikobereitschaft gehe mit höherem Vertrauen einher. Die SOEP-Analyse zeigt, dass Vertrauen eine relativ stabile Persönlichkeitseigenschaft ist. Sie kann aber auch gesellschaftlich beeinflusst und hergestellt werden. „Personen, die sich ehrenamtlich oder politisch engagieren, vertrauen in höherem Ausmaß. Auch häufige Kirchgänge oder große Freundeskreise führen zu wachsendem Vertrauen.“


Stichwort SOEP
Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist eine repräsentative Wiederholungsbefragung, die bereits seit 25 Jahren läuft. Im Auftrag des DIW Berlin werden jedes Jahr in Deutschland über 20.000 Personen aus rund 11.000 Haushalten von TNS Infratest Sozialforschung befragt. Die Daten geben Auskunft zu Fragen über Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung oder Gesundheit. Weil jedes Jahr die gleichen Personen befragt werden, können langfristige soziale und gesellschaftliche Trends besonders gut verfolgt werden. Das Thema Vertrauen wurde in die SOEP-Studie erstmals im Jahr 2003 eingeführt. Dabei wurden Fragen zum Grad des Vertrauens und der Häufigkeit von Aktivitäten, die Vertrauen voraussetzen, gestellt.

Sozialer Rohstoff: „Den meisten Menschen kann man vertrauen“. Von Niels Michalski und Jürgen Schupp. In: Wochenbericht 34/2009

Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin)

Das DIW Berlin (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) ist seit 1925 eines der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in Deutschland. Es erforscht wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Zusammenhänge in gesellschaftlich relevanten Themenfeldern und berät auf dieser Grundlage Politik und Gesellschaft. Das Institut ist national und international vernetzt, stellt weltweit genutzte Forschungsinfrastruktur bereit und fördert den wissenschaftlichen Nachwuchs. Das DIW Berlin ist unabhängig und wird als Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft überwiegend aus öffentlichen Mitteln finanziert.

Sozio-ökonomisches Panel (SOEP)

Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist die größte und am längsten laufende multidisziplinäre Langzeitstudie in Deutschland. Das SOEP im DIW Berlin wird als Teil der Forschungsinfrastruktur in Deutschland unter dem Dach der Leibniz-Gemeinschaft vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und den Ländern gefördert. Für das SOEP werden seit 1984 jedes Jahr vom Umfrageinstitut Kantar Public (zuvor TNS Infratest Sozialforschung) in mehreren tausend Haushalten statistische Daten erhoben. Zurzeit sind es etwa 30.000 Personen in etwa 15.000 Haushalten. Die Daten des SOEP geben unter anderem Auskunft über Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung, Gesundheit und Lebenszufriedenheit. Weil jedes Jahr dieselben Personen befragt werden, können nicht nur langfristige gesellschaftliche Trends, sondern auch die gruppenspezifische Entwicklung von Lebensläufen besonders gut analysiert werden.

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