Gender Studies Tagung 2014 -Rückblick-

Gender-Ungleichheiten und ihre Folgen: Wie arbeiten und wirtschaften wir weiter? - Rückblick auf die 2. Gender-Studies-Tagung des DIW Berlin in Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung am 25. September 2014 in Berlin


Was für Manuela Schwesig die gravierendste Folge von Gender-Ungleichheiten ist, machte die Bundesfamilienministerin gleich zu Beginn deutlich: „Noch immer vorhandene massive Ungerechtigkeiten benachteiligen nicht nur die Frauen, sondern lähmen die gesamte Gesellschaft", sagte die SPD-Politikerin zum Auftakt der Gender-Studies-Tagung, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) am 25. September 2014 zum zweiten Mal in Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) veranstaltet hat. DIW-Präsident Marcel Fratzscher betonte in seiner Begrüßungsrede die Bedeutung von Geschlechterfragen für die Wirtschaftsforschung - und vor allem die Relevanz der Gender-Forschung für zahlreiche Studien am DIW Berlin. Die Vorsitzende des Kuratoriums der FES, Ingrid Matthäus-Maier, erinnerte an die lange Geschichte der Forderungen nach mehr Geschlechtergerechtigkeit.



Elke Holst, DIW-Forschungsdirektorin für Gender Studies, konnte in den Räumen der FES rund 600 Gäste begrüßen, vor denen Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Wissenschaft über den Umfang und die Ursachen von Gender-Ungleichheiten sprachen. Zugleich wurden Lösungsansätze zur Überwindung der „Gender Gaps" diskutiert. Dass der Handlungsbedarf groß ist, daran bestand kein Zweifel. Ob Arbeitsmarktbeteiligung, Aufstiegschancen, Vermögen, Einkommen oder Rente: Meist sind die Frauen gegenüber Männern im Nachteil. Das zeigt etwa der Gender Pay Gap, also die Lücke beim Arbeitseinkommen, die Christina Boll vom Hamburgischen Welt-Wirtschaftsinstitut (HWWI) analysierte. Ein neuer Indikator des europäischen Statistikamts Eurostat, der die Beschäftigungs-, Verdienst- und Arbeitszeitlücke zusammenfasst, taxiert die Gesamtlücke auf 37 Prozent für die Europäische Union - in Deutschland liegt sie sogar bei knapp über 45 Prozent, wie Gesa Böckermann aus dem Referat Gleichstellung der EU-Kommission berichtete. Die Verdienstunterschiede wiederum übertragen sich auf die Rentenzahlungen. Dass der Abstand auch beim Vermögen groß ist, zeigte der DIW-Wissenschaftler Markus Grabka: Männer verfügen mit durchschnittlich etwa 100.000 Euro über rund 30.000 Euro mehr Vermögen als Frauen



Doch was sind denn nun die Gründe für bestehende Gender-Ungleichheiten? Frauen wollten einfach seltener Karriere machen als Männer und insgesamt gebe es gar nicht genügend qualifizierte Frauen, heißt es oft in der öffentlichen Debatte. Angesichts solcher Behauptungen kann die Präsidentin des Deutschen Juristinnenbundes, Ramona Pisal, nur den Kopf schütteln. In ihrem Vortrag räumte sie gleich mit mehreren Mythen auf. Viele Frauen wollten sehr wohl Karriere machen, doch müssten sie bei ihren Entscheidungen auch die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen berücksichtigen - und diese seien nun einmal nicht förderlich für Frauen. Das Problem der vermeintlich fehlenden qualifizierten Frauen wiederum sei hausgemacht. Die Unternehmen müssten Talente besser erkennen und entsprechend fördern. Dass sich die Probleme von selbst regeln, glaubt Pisal nicht: „Gar nichts im Leben regelt sich von selbst, wie historisch gesehen auch der lange Kampf um das Frauen-Wahlrecht gezeigt hat."



Dass sich mehr Geschlechter-Gerechtigkeit nicht automatisch einstellt, das unterschreibt auch Familienministerin Schwesig. Eine ihrer geplanten Maßnahmen sieht vor, die Arbeitszeiten junger Väter und Mütter anzugleichen. Der Staat soll Anreize setzen, die „Rush Hour" zu entzerren, in der für junge Erwachsene die Familie mit kleinen Kindern, Veränderungen im Beruf, Ehrenämter und mitunter noch die Pflege der eigenen Eltern aufeinander treffen. So könnten sich Beruf und Familie für Vater und Mutter besser vereinbaren lassen. Was im politischen Gesetzgebungsprozess zum Elterngeld Plus geworden ist, geht auf das Konzept einer Familienarbeitszeit zurück, das die DIW-Ökonomin Katharina Wrohlich mit zwei Kollegen im Auftrag der Friedrich-Ebert- und der Hans-Böckler-Stiftung berechnet hat und im Rahmen der Gender-Studies-Tagung vorstellte. Demnach könnten beide Elternteile 30 bis 32 Stunden pro Woche arbeiten und die Differenz zum Netto-Einkommen bei einer Vollzeittätigkeit zu 65 Prozent ersetzt bekommen. Die potentielle Nachfrage jedenfalls scheint hoch zu sein: Für mehr als 50 Prozent der Frauen und Männer, die Kinder im Alter zwischen ein und drei Jahren haben, sind Beruf und Familie nach eigener Auskunft nur schwer miteinander zu vereinen. Gleichzeitig gehen in nur einem Prozent aller Fälle beide Partner einer reduzierten Vollzeiterwerbstätigkeit nach, wie sie die Familienarbeitszeit vorsieht. Bei der großen Mehrheit (39 Prozent) arbeitet der Vater Vollzeit und die Mutter gar nicht - eine der Hauptursachen für Unterschiede bei Einkommen, Rente und Vermögen.



Dass es bei Geschlechtergerechtigkeit nicht nur um Veränderungen für Frauen geht, sondern um die gesamte Gesellschaft, darauf wies Michael Meuser von der Technischen Universität Dortmund hin. In seinem Vortrag zeigte er auf, wie gesellschaftlicher Wandel auch die „typische" Geschlechteridentität von Männern verändert - in ihrer Selbstwahrnehmung, aber auch in der Formulierung von Zukunftsvorstellungen und -wünschen, beispielsweise mehr Zeit für Kinder und Familie zu haben. Um „typische" Geschlechtereigenschaften ging es auch im Beitrag von Ursula Kessels. Die Psychologin von der Freien Universität Berlin veranschaulichte mit Hilfe diverser Studien und Experimente, wie sehr soziale Interaktion von Annahmen über das Wesen von Männern und Frauen abhängt. Um mehr Geschlechtergerechtigkeit herzustellen, so ihr Fazit, müsse auch die soziale und kulturelle Bedeutung der Kategorie Geschlecht verändert werden.



Deutlich wurde im Rahmen der Tagung auch: Neben der Politik ist vor allem die Wirtschaft gefragt. Oft war in den Vorträgen von einem nötigen „Kulturwandel in den Unternehmen" die Rede. Etwa davon, dass partnerschaftlichere Arbeitszeitmodelle nicht nur auf dem Papier stehen dürften, sondern in der Praxis auch umsetzbar sein müssten, beispielsweise für Führungskräfte, die sich stärker der Familie widmen wollen. Nachdem in ihrem Vortrag auch die Soziologin Phyllis Moen von der University of Minessota auf Wege zu mehr Gleichheit im Berufsleben einging und Eva Senghaas-Knobloch von der Universität Bremen über eine nachhaltigere Organisation gesellschaftlicher Arbeit - beispielsweise Pflege - referierte, war die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch ein zentrales Gesprächsthema bei der abschließenden Podiumsdiskussion. Arbeitszeitverkürzung und -flexibilisierung wurden dabei als wichtigstes Mittel zur Herstellung von mehr Gerechtigkeit zwischen Männern und Frauen diskutiert.



Jörg Asmussen, Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium, Sven Giegold, Mitglied der Grünen-Fraktion im Europaparlament, Michael Meuser von der Technischen Universität Dortmund, Sigrid Evelyn Nikutta, Vorstandsvorsitzende der Berliner Verkehrsbetriebe, und Elke Holst diskutierten zur Frage, wie wir weiter arbeiten und wirtschaften wollen. Während Nikutta von den Herausforderungen berichtete, als Arbeitgeber für Männer und Frauen gleichermaßen attraktiv zu werden, und Giegold „mehr Skandinavien" - wo die Qualität der Pflege und Kinderbetreuung weitaus besser sei als hierzulande - forderte, stand für Asmussen fest: „Wir brauchen allein schon aus demografischen Gründen eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen." Die Frage nach mehr Geschlechter-Gerechtigkeit sei zentral für die Zukunft des Landes. In heutigen Generationen gebe es die bestausgebildeten Frauen. „Dieses Potential nicht zu nutzen, ist eine nicht unerhebliche Verschwendung von Ressourcen", so Asmussen, der jedoch auch - und das könnte vielleicht das Fazit des Tages sein - betonte: „Gesetze allein werden nicht ausreichen."