Claudia Goldin am DIW Berlin: Warum Geburtenraten weltweit gesunken sind

„The downside of fertility“, frei ins Deutsche übersetzt etwa „die Kehrseite der Geburtenrate“ – unter diesem Titel hatte Wirtschaftsnobelpreisträgerin Claudia Goldin ihren Vortrag gestellt, den sie ihm Rahmen der DIW Lecture am 6.11.2025 in Berlin hielt. Es ging dabei um weltweit sinkende Geburtenraten und Gründe dafür.

„Es ist eine Ehre, Sie heute hier zu begrüßen“, sagte Marcel Fratzscher, Präsident des DIW Berlins, als er Claudia Goldin am Institut begrüßte. „Wir hätten keine bessere Rednerin haben können, zu dieser Lecture zu unserem 100-jährigen Bestehen“, so Fratzscher. „Sie haben mit Ihrer Forschung dazu beigetragen, viele blinde Flecken in der Ökonomie aufzudecken.“ Fratzscher betonte außerdem, dass das DIW Berlin eines der ersten Institute Europas war, dass eine Forschungsgruppe für Gender Economics gegründet hat. „Vor 15 Jahren wurden wir dafür noch belächelt“, sagte der DIW-Präsident.

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Video Review: The Downside of Fertility: DIW 100 Lecture - Keynote Speech by Nobel Prize Laureate Claudia Goldin

Drei Fakten und zwei Fragen der Nobelpreisträgerin

Für ihren Vortrag hatte Goldin drei Fakten und zwei Fragen mitgebracht.

Der erste Fakt: Die Geburtenrate ist überall in der Welt gesunken.

Der zweite Fakt: Für viele reiche Nationen ist das keine neue Entwicklung.

Der dritte Fakt:  Die Geburtenrate liegt in vielen Ländern unter dem Wert, der dafür sorgt, dass die Bevölkerung langfristig stabil bleibt. Dieser liegt ungefähr bei 2,1 Kindern pro Frau.

„Wie lässt sich das ändern?“, fragte Goldin in ihrem Vortrag. Für ihre Analyse brachte sie die Geburtenraten aus acht Ländern seit 1850 mit. „Im späten 19. Jahrhundert hatte die durchschnittliche Frau vier bis fünf Lebensgeburten“, erklärte Goldin. „Jede Frau im Publikum denkt jetzt: Oh mein Gott“, sagte die Wirtschaftswissenschaftlerin. In den 1970er-Jahren sanken die Raten in den meisten Ländern ab. Viele Länder der OECD-Staaten lägen bereits seit 1980 unter der Rate von 2,1 Kindern pro Frau, die es bräuchte, um die Bevölkerung zu erhalten.

Nobelpreisträger Claudia Goldin war am 6.11.2025 zu Gast im DIW Berlin.
© DIW Berlin/Phototek

„Es muss etwas geben, dass in allen Ländern gleich ist“, vermutete Goldin in ihrem Vortrag. Die Länder seien unterschiedlich, es müsse einen Grund geben, warum fast überall die Geburtenraten so stark gesunken sein. Ihre erste Frage lautete also: „Welchen Grund gibt es für diese niedrigen Geburtenrate?“. Gefolgt von ihrer zweiten Frage: „Warum reden wir ausgerechnet jetzt darüber?“.

Wie Verhütung vieles änderte

Dass es für Frauen möglich ist, Schwangerschaften zu vermeiden, hatte einen großen Einfluss auf das Leben von Frauen und eben auch auf die Geburtenrate. „Die Möglichkeit der Verhütung hat nicht nur den Zeitpunkt und die Anzahl der Geburten verändert“, erklärte Goldin. Verhütung habe auch Einfluss genommen auf das Alter, in dem Menschen das erste Mal heirateten, das Bildungsniveau von Frauen, auf den Wunsch von Frauen, langfristigen berufstätig zu sein.

„Kinderbetreuung kann nicht komplett ausgelagert werden“, sagte Goldin und fragte anschließend: „Wenn man das könnte, warum sollte man dann Kinder bekommen?“ Wenn Frauen die Kinderbetreuung ganz oder größtenteils übernehmen müssten, könnten sie nicht von ihrer Bildung profitieren. Sie bekommen also nicht zurück, was sie investiert haben, erklärte Goldin.

Von „Dads“ und „Duds“

Die Nobelpreisträgerin stellte klar: Ganz wichtig sind bei dem Thema aber die Männer. „Um Gender zu erforschen, brauchen wir beide Geschlechter“, erklärte Goldin. Sie unterschied in ihrem Modell zwischen zwei Sorten Vätern, es gäbe „Dads“ und „Duds“ – auf Deutsch „Blindgänger“. „Dads“ seien dabei die Väter, die sich nach einer Geburt um ihre Kinder kümmerten. „Duds“ seien die Väter, die sich keine Zeit für ihre Kinder nehmen. Die Frage sei nun, welcher Mann ein „Dad“ werde und welcher ein „Dud“. „Genau das wissen wir erst, wenn das Baby da ist“, erklärte Goldin das Problem. Für Goldin sei klar: Die Geburtenrate hänge genau damit zusammen: Mit der Frage, wie viele Väter sich um ihre Kinder kümmern werden und wie viele nicht. Hier gäbe es einen großen Mismatch – ein Missverhältnis – zwischen dem, was Frauen von Männern bräuchten, um sich trotz Karriere für Kinder zu entscheiden und dem, was sie bekämen.

Von "Dads" und "Duds" - Claudia Goldin erklärte auch, wie Vaterschaft die Berufstätigkeit von Müttern beeinflusst.
© DIW Berlin/Phototek

In Goldins Modell gibt es zwei Lösungsansätze: Man könne die Entscheidungsfreiheit der Frauen einschränken, in dem man die Möglichkeiten der Geburtenkontrolle und der Bildungsmöglichkeiten für Frauen einschränkte. „Das wollen wir nicht“, betonte Goldin. Die zweite, progressive Lösungsmöglichkeit setzt bei den Männern an. Es müsste mehr „Dads“ geben und das Wissen über diese „Dads“ müsste vorhanden sein. Frauen müssten also sicher wissen, dass ihre Ehemänner sich später gleichberechtigt um das Kind kümmerten.

Der Pillenknick in den USA

Als ein Beispiel aus der Geschichte hatte Goldin die Entwicklung in den USA um 1960 mitgebracht, als die Pille auf den Markt kam, zuerst aber nur für verheiratete Frauen. Als die Pille aber für alle Frauen zugelassen wurde, hatte das Auswirkungen auf das Alter, in dem Frauen das erste Mal heirateten, legte Goldin in ihrer Lecture dar. 1972 stieg das Alter – auch bei Frauen mit College-Ausbildung –, drastisch an. Bis 1972 heirateten Frauen im Schnitt im Alter von 23 Jahren. „Plötzlich, fast aus dem nichts, steigt das Alter an“, erklärte Goldin. Die zusätzlichen Jahre, die Frauen nach dem College-Abschluss und vor der Hochzeit hätten, würden den Frauen ermöglichen, ein Medizin- oder Jura-Studium oder mit einem PhD-Programm zu beginnen, erklärte die Nobelpreisträgerin. Es gäbe ihnen mehr Autonomie. Und es sorgte dafür, dass diese Frauen später Kinder bekamen –  oder  nicht. Der höchste Anteil von Frauen, die keine Kinder bekamen, lag bei 28 Prozent. Das war die Gruppe von Frauen mit College-Abschluss, die 1955 geboren wurden.

In einem weiteren Beispiel stellte sie gegenüber, wie das Verhältnis der Care-Arbeit von Vätern und Müttern in Zusammenhang mit der Geburtenrate steht. Anhand von zwölf Industrienationen zeigte sie: Je gleichberechtigter die Aufteilung der Kinderbetreuung und Hausarbeit sei (unbezahlte Arbeitsstunden von Müttern minus die von Vätern), desto höher sei die Geburtenrate einer Gesellschaft.

Niedrige Geburtenraten haben einen Grund

Sie zeigte also, dass die niedrigen Geburtenraten in vielen Industrienationen einen ähnlichen Grund haben. „Frauen können heiraten, wen sie möchten und wann sie möchten, sie können in ihre Bildung und Zukunft investieren und sie verfügen über reproduktive Gerechtigkeit“, fasste Goldin diese Erklärung für sinkende Geburtenraten zusammen.

Um daran etwas zu ändern, müssten Väter sich verpflichten, ebenfalls Zeit mit der Kinderbetreuung und Hausarbeit zu verbringen. „Diese Verpflichtungen sind sehr schwer abzusichern“, erklärte Goldin. Dafür könnte es von Vorteil sein, in einer Gesellschaft zu leben, in der es gesellschaftlich anerkannt sei, wenn Väter Care-Arbeit übernähmen oder in denen der Staat die Kosten für die Kinderbetreuung und für die Bildung zahlte.

Warum sind Geburtenraten jetzt ein Thema?

Warum werden denn ausgerechnet heute die Geburtenrate in den verschiedenen Ländern diskutiert und warum werden jetzt gerade verschiedene Staaten aktiv, um die Geburtenraten zu erhöhen? Goldin nannte drei Erklärungsansätze:

  1. Der Wunsch vieler Regierungen, Einwanderung zu verringern.
  2. Das Bild von Familie als Stabilität und Absicherung, denn Familien sollten in gewisser Weise die Absicherung durch den Staat ablösen.
  3. Das Gefühl bei Menschen, dass Programme zur Gleichstellung der Geschlechter durch Politik und Unternehmen zu weit gegangen sein.

„Aber progressive Veränderungen rückgängig zu machen, könnte dazu führen, dass die Geburtenraten weiter sinken“, warnte Goldin. Zusammenfassend stellte die Nobelpreisträgerin fest: Die dunkle Seite der Geburtenrate sei, dass die größere Autonomie von Frauen – während eine Garantie für effiziente Kinderbetreuung fehle – die Geburtenrate gesenkt habe.

In der anschließenden Podiumsdiskussion, moderiert von Katharina Wrohlich, Leiterin der Forschungsgruppe Gender Economics am DIW Berlin, und gefragt, was denn nun Lösungsansätze seien, sagte Goldin: „Es gibt zwei Seiten zur Genderfrage und wir haben uns bisher zu sehr auf eine davon konzentriert. Wir sollten der anderen Seite mehr Aufmerksamkeit schenken.“ Sie ergänzte: „Lasst uns sicher gehen, dass wir mehr „Dads“ schaffen und weniger „Duds“.

Auf dem Podium diskutierten mit Nobelpreisträgerin Claudia Goldin (Mitte): Bernd Fitzenberger, Leiter des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (links) und Katharina Wrohlich, Leiterin der Forschungsgruppe Gender Studies am DIW Berlin (rechts)
© DIW Berlin/Phototek

Bernd Fitzenberger, Leiter des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, nahm ebenfalls an der Podiumsdiskussion teil und berichtete von seiner Forschung zur Reform der familienpolitischen Maßnahmen ab der 2000er-Jahre in Deutschland. Der Staat investierte zunehmend in Kinderbetreuung und führte 2007 das Elterngeld ein. „Sorg dafür, dass Frauen Karriere und Kinder habenkönnen – mit einem Fokus auf Teilzeitbeschäftigung von Frauen“, fasste Fitzenberger die damaligen Anstrengungen der Bundesregierungen zusammen. Dabei wurden die Väter aber zu wenig betrachtet. Es habe einen Anstieg der Geburtenrate gegeben, aber Teilzeitarbeit sei immer noch dominierend. Bei der Nutzung der Vatermonate sehe man, dass die Elternzeit noch immer sehr ungleich zwischen Müttern und Vätern verteilt sei. Auch wenn sich das langsam ändere, erklärte Fitzenberger.

Sollte die Geburtenrate überhaupt steigen?

„Sollte es überhaupt unser Ziel sein, dass die Geburtenrate wieder steigt?“, fragte eine Teilnehmerin der Runde. Claudia Goldin hatte dazu eine klare Aussage: „Ich sage niemals, dass die Geburtenrate steigen sollte.“ Sie sei keine normative Wirtschaftswissenschaftlerin. Goldin sei jedoch dafür, Hindernisse und Hürden abzubauen, die Frauen davon abhalten, Kinder zu bekommen, wenn sie dies eigentlich wollen. Bernd Fitzenberger vom IAB wies allerdings darauf hin, dass sinkende Geburtenraten und der demografische Wandel für Probleme und Herausforderungen sorgten, etwa für die Finanzierung des Rentensystems. Deshalb ist es ein Thema für die Politik.

Wie viele Babys sollten den geboren werden? „Es gibt keine optimale Anzahl“, erklärte Goldin. „Es gibt da draußen keinen brillanten Kopf, der sagen kann, was die optimale Entwicklung der Bevölkerung jetzt gerade ist.“ Denn damit würde die Person sagen können, dass die aktuelle Größe der Bevölkerung optimal ist, das könne sie nicht.

Die DIW Europe Lecture ist eine Veranstaltungsreihe des DIW Berlin, in der herausragende Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Politik sprechen. Die Reihe zielt darauf ab, die Debatte über zentrale europäische Politikfragen zu fördern, zu informieren und ins Zentrum der deutschen Politikgestaltung zu bringen. Vergangene Lectures hielten Lawrence H. Summers, Mario Draghi, Barry Eichengreen, Christine Lagarde, Margrethe Vestager, Werner Hoyer und Joachim Nagel.

Autorin: Lena Högemann

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