Hollerith-Maschine: Das DIW Berlin und die Lochkarten

Loch an Loch und zählt doch – am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) klapperten jahrzehntelang die Lochkartenmaschinen. Jedes gestanzte Loch in den Kartonstreifen war ein winziges Datenpaket, eine binäre Entscheidung: Ja oder Nein. Das Hollerith-Verfahren, benannt nach seinem Erfinder und International Business Machines Corporation (IBM)-„Großvater“ Herman Hollerith, war die Revolution der Datenverarbeitung – und das Fundament, auf dem die moderne Statistik am DIW Berlin aufgebaut wurde.

Handlocher und Lochkarte der International Business Machines Corporation (IBM).
© Wikimedia Commons

Schon als das Institut für Konjunkturforschung (IfK), der Vorläufer des DIW Berlin, in den 1920er Jahren seine Arbeit aufnahm, waren Lochkarten und Hollerith-Maschinen das Werkzeug der Wahl. Das Statistische Reichsamt unter Ernst Wagemann, dem ersten Präsidenten des IfK, gehörte zu den Pionieren der maschinellen Datenverarbeitung im Deutschen Reich. Mit den Hollerith-Maschinen konnten die Wirtschaftsforscher*innen und Statistiker*innen erstmals riesige Datenmengen erfassen, sortieren und auswerten – schneller und präziser als je zuvor. Die Einführung der Lochkartentechnik war ein Meilenstein auf dem Weg zur modernen Wissenschaft und Verwaltung.

Besonders in der Weimarer Republik wurde die Effizienz der Lochkarten genutzt und später in der NS-ZeitinfoRolle von Dehomag und IBM bei der Datenverarbeitung in Deutschland, IBM-Holocaust-Verstrickungen, Jewish Virtual Library, https://www.jewishvirtuallibrary.org/ibm-and-quot-death-s-calculator-quot-2 für die Datenerfassung des Verbrecherregimes verwendet. Die Nachfrage nach den Maschinen war so groß, dass IBM in Berlin mit der Deutschen Hollerith-Maschinen-Gesellschaft (Dehomag)infoDeutsche Hollerith-Maschinen Gesellschaft (Dehomag) als IBM-Tochter in Berlin, Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/DEHOMAG ein eigenes Werk eröffnete. Welche Rolle das DIW Berlin im Nationalsozialismus gespielt hat, ist Inhalt dieser Podcastfolge.

Auch in der Bundesrepublik Deutschland blieben Lochkarten und Tabelliermaschinen am DIW Berlin unentbehrlich. Ohne diese Technik hätte das IfK – und später das DIW Berlin – kaum die gewaltigen Datenströme bewältigen und die Statistik auf ein neues Niveau heben können. Bis weit in die 1980er Jahre hinein stanzen die Forscherinnen und Forscher ihre Datensätze Loch für Loch in die Karten und ließen sie von den Maschinen auswerten.infoHistorischer Übergang von Lochkartentechnik zu Großrechnern und Personal Computern, Wikipedia: Geschichte des Computers, https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Computers Erst als die ersten Großrechner und Personal Computer mit Floppy-Disks Einzug hielten, begann der langsame Abschied von der Lochkarte. Doch viele schworen weiterhin auf die Zuverlässigkeit und Geschwindigkeit der mechanischen Datenverarbeitung – vorausgesetzt, das richtige Loch war an der richtigen Stelle. Und vorausgesetzt, der Stapel an Lochkarten blieb unbeschädigt und korrekt sortiert: Ein heruntergefallener Stapel musste mühselig aufgesammelt, ausgerichtet und wieder neu sortiert, geknickte oder gerissene Lochkarten mussten neu erstellt werden.

Digitalisierung im Jahr 1940: Hier werden die Daten des US-Zensus auf Lochkarten transferiert.
© U.S. Census Bureau employees via Wikimedia Commons

So prägten Lochkarten und Hollerith-Maschinen nicht nur die Geschichte des DIW Berlin, sondern auch die Entwicklung der empirischen Wirtschaftsforschung in Deutschland. Sie waren das Rückgrat der Statistik, lange bevor Bits und Bytes die Herrschaft übernahmen.

Da das DIW ohne Hollerith-Maschinen und Lochkarten nicht zu dem führenden Wirtschaftsforschungsinstitut im 20. Jahrhundert geworden wäre, nutzt das DIW die Lochkarten auch als Logo, das der Worpsweder Künstler und Gestalter Walter Niemann gestaltet hatte. Ob Jahresbericht, Pressemappe, Vierteljahreshefte oder Wochenbericht – das Lochkartenlogo war das Erkennungsmerkmal des DIW bis Ende des 20. Jahrhunderts. Dann vertrauen die DIW-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ganz auf elektronische Datenverarbeitung. Und die an Dominosteine erinnernde grafische Gestaltung wich einem zeitgemäßen Logo.

© DIW Berlin

Fun Fact: Eine Lochkarte entspricht ungefähr 80 Byte. Für einen Megabyte an Daten benötigt man etwa 12.500 Lochkarten. Ein moderner USB-Stick mit 16 GB Speicher würde also ungefähr 200 Millionen Lochkarten entsprechen! Und wie viele Bäume man für 200 Millionen Lochkarten brauchen würden, wagen wir nicht auszurechnen.

Lochkarten-Lager. Für einen Megabyte an Daten benötigt man etwa 12.500 Lochkarten.
© The U.S. National Archives via Wikimedia Commons

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