Auf der Suche nach der idealen Arbeitszeit

Wie viel jede oder ein jeder arbeitet, ist eine individuelle Entscheidung. Aber Arbeit ist nicht nur Broterwerb für den Menschen selbst, Arbeit bedeutet auch Wirtschaftskraft für den Arbeitgeber und ist ein bedeutender Faktor für die deutsche Wirtschaft. Wer aber wieviel arbeiten will und wie die Arbeitszeit verteilt sein soll, das hat sich über die Zeit immer wieder gewandelt. Nachdem Krieg wurden Arbeitskräfte gebraucht, in den 80er Jahren sollte die Arbeitszeit sinken, um die Arbeit auf mehr Menschen zu verteilen, die Wende änderte das Bild erneut. Wir fragen: Wie viel arbeiten die Menschen in Deutschland? Wer arbeitet Vollzeit, wer Teilzeit? Wir schauen zurück auf die letzten 75 Jahre und finden heraus, wie sich die Arbeitszeit verändert hat. Die Wochenberichte des DIW Berlin geben da wichtige Anhaltspunkte. 

In den 1950er-Jahren ging es vor allem darum, einem Mangel an Arbeitskräften damit entgegenzuwirken, dass man Frauen, die bis dahin nicht berufstätig waren, Arbeit in Teilzeit anbot, etwa in der Landwirtschaft.infoVergl. DIW (1956): Wochenbericht vom 18. Mai 1956, abrufbar unter https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.961462.de/56-20.pdf Die Grundidee: Mütter – aber auch Hausfrauen ohne Kinder – sollten für eine Erwerbstätigkeit gewonnen werden, in dem man ihnen ermöglicht, diese in Teilzeit auszuführen. Immerhin dominierte in den 1950er-Jahren und darüber hinaus in Westdeutschland die traditionelle Rollenverteilung die deutschen Ehen, so denn der Mann aus dem Krieg zurückgekehrt war: Er verdiente das Geld, sie führte den Haushalt. Nun sollte sie etwas arbeiten dürfen – eben in Teilzeit – und natürlich immer noch den Haushalt führen können.

Eine Frau arbeitet 1962 am Fließband einer Schokoladenfabrik.
© Bundesarchiv, Bild 194-4689-25/Lachmann, Hans via Wikimedia Commons

Im Wochenbericht vom 11. August 1961 stellten die Forscher*innen dann tatsächlich fest, dass mehr Angebote für Teilzeit für einen Anstieg an weiblichen Beschäftigten gesorgt hat, auch weil bereits berufstätige Frauen dank Teilzeitangeboten, etwa nach einer Hochzeit oder der Geburt ihrer Kinder, nicht aus dem Beruf gingen.infoVergl. DIW Berlin (1961): Wochenbericht vom 11. August 1961, https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.961960.de/61-32.pdf  Sie konnten nun in Teilzeit weiter ihrem Beruf nachgehen und sich trotzdem der traditionellen Rollenverteilung entsprechend um den Haushalt kümmern.

Kurzarbeit als Mittel in der Krise?

In den 1980er-Jahren veränderte sich die Debatte. Es ging nicht mehr nur um die Frauen, denen eine Teilzeitstelle angeboten werden sollte, sondern um eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung, etwa durch die mögliche Einführung einer 35 Stunden-Woche für alle Tarifbeschäftigten. Die Arbeitszeitverkürzung wurde als Lösungsansatz gegen steigende Arbeitslosenzahlen gesehen, um dem Abbau von Arbeitsplätzen entgegenzuwirken. Im Wochenbericht 31/83 vom 4. August 1983 wird beschrieben, wie sich die Arbeitszeit tatsächlich seit den 1950er Jahren bereits reduziert hatte. Für diese Entwicklung waren die Einführung einer Fünf-Tage-Woche und die Erhöhung des tariflichen Jahresurlaubs von 15 auf 30 Tage ausschlaggebend.infoVergl. DIW Berlin (1983): Wochenbericht 31/83, abrufbar unter: https://www.diw.de/de/diw_01.c.488898.de/publikationen/wochenberichte/1983_31_1/was_bringt_der_einstieg_in_die_35-stunden-woche__zu_den_oeko___einer_schrittweisen_verkuerzung_der_tariflichen_arbeitszeit.html, S. 384  Für eine Einführung einer tariflichen Arbeitszeit von 35 Wochenstunden empfohlen die Autor*innen des Wochenberichtes eine abgestimmte, vorsichtige Umsetzung. Sie betonten aber auch, dass diese Maßnahme alleine nicht reichen würde, um der steigenden Arbeitslosigkeit zu begegnen.

Wie zufrieden sind die Deutschen mit der Arbeitszeit?

In den 1990er Jahren fragten die DIW-Forscher*innen: Wie zufrieden sind die Menschen mit ihrer Arbeitszeit? Auf Grundlage von Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) fanden sie heraus, dass die Hälfte der Befragten unzufrieden mit ihrer Arbeitszeit war. Dabei wurde 1993 mehr Arbeitszeitverkürzung als Arbeitszeitverlängerung gewünscht. Es waren vor allem Frauen, die ihre Arbeitszeit reduzieren wollten, und vor allem Männer und gering Beschäftigte, die diese ausbauen wollten.infoVergl. DIW Berlin (1993): Wochenbericht 35/94, abrufbar unter https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.964548.de/94-35.pdf, S. 618nfDer DIW Wochenbericht untersuchte auch die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. So wollten etwa ostdeutsche Frauen ihre Arbeitszeit deutlich weniger verkürzen als westdeutsche.infoVergl. DIW Berlin (1993): Wochenbericht 35/94, abrufbar unter https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.964548.de/94-35.pdf, S. 625f

Vergl. DIW Berlin (1993): Wochenbericht 35/94, abrufbar unter https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.964548.de/94-35.pdf, S. 625

Vergl. DIW Berlin (1993): Wochenbericht 35/94, abrufbar unter https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.964548.de/94-35.pdf, S. 618

Die Frau als Arbeitskraft oder für Haushalt und Kinderversorgung zuständig? Dazu gingen die Meinungen in BRD und DDR auseinander.
© DIW Berlin

Dass Arbeitszeitwünsche auch mit der Konjunktur zusammenhängen, haben die DIW-Wissenschaftler*innen Jürgen Schupp und Elke Holst 2002 untersucht. Im Wochenbericht 23/2002 stellten sie fest, dass im Jahr 2000 mit einer guten konjunkturellen Entwicklung, mehr Menschen mit ihrer Arbeitszeit zufrieden waren.info Auch hier zeigte sich eine Besonderheit bei den Ostdeutschen Frauen: Nur 41 Prozent der ostdeutschen Frauen waren mit ihrer Arbeitszeit zufrieden, im Westen waren es 52 Prozent. 56 Prozent der Frauen in Ostdeutschland gaben an, ihre Arbeitszeit ausdehnen zu wollen. 44 Prozent wollten ihre Arbeitszeit sogar um sechs Stunden pro Woche oder mehr erhöhen.infoVergl. DIW Berlin (2002): Wochenbericht 23/2002, abrufbar unter https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.92392.de/02-23.pdf, S. 370

2012 veröffentlichte das DIW Berlin ein SOEP-Paper (PDF, 0.66 MB), das sich noch einmal mit der Zufriedenheit der Arbeitnehmer*innen mit der Arbeitszeit beschäftigte. Die Forscher*innen kamen zu dem überraschenden Ergebnis, dass Mehrarbeit und Überstunden nicht zu weniger Zufriedenheit führten, vor allem wenn diese kompensiert würden. Eher zu Unzufriedenheit würde es führen, wenn Menschen nicht in dem Umfang arbeiteten, in dem sie es wünschten. 60 Prozent der Befragten wollten gerne ihre Arbeitszeit reduzieren. Vor allem Frauen wünschten sich mehr Teilzeit, während Männer in Teilzeit eine Ausweitung der Arbeitszeit begrüßt hätten.infoVergl. DIW Berlin (2012): Impact of working hours on work–life balance, abrufbar unter https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.407372.de/diw_sp0465.pdf

Wie zufrieden sind die Menschen in Deutschland mit ihrer Arbeitszeit? Dazu forschte das DIW Berlin.
© Adobe/EUDPic

Zum Weltfrauentag 2014 nahmen die DIW-Forscher*innen eine Sonderauswertung der SOEP-Befragung vor und schauten auf die Verteilung von Arbeitszeit zwischen den Geschlechtern. Dabei stellten sie fest, dass lange Arbeitszeiten weder bei Frauen noch bei Männern beliebt waren. Gefragt nach ihrer Wunsch-Arbeitszeit gaben Frauen durchschnittlich an, 30,3 Stunden arbeiten zu wollen, was 2,2, Stunden unter ihrer tatsächlichen Arbeitszeit lag. Männer gaben zwar im Schnitt mit 38,3 Stunden eine längere Wunscharbeitszeit an als Frauen, sie wollten aber im Durchschnitt ihre Arbeitszeit um 4,1 Stunden reduzieren.infoVergl. DIW Berlin (2014): Pressemitteilung zum Internationalen Frauentag am 8. März 2014: Lange Arbeitszeiten sind weder bei Frauen noch bei Männern beliebt, abrufbar unter: https://www.diw.de/de/diw_01.c.439577.de/pressemitteilung_zum_internationalen_frauentag_am_8._maerz_2___rbeitszeiten_sind_weder_bei_frauen_noch_bei_maennern_beliebt.html Hier zeigten sich wieder deutliche Unterschiede zwischen Ost und West. Frauen in Ostdeutschland wollten mehr arbeiten als die in Westdeutschland.

„Die größten Unterschiede bestehen bei den Müttern“, sagte Elke Holst, damalige Forschungsdirektorin Gender Studies am DIW Berlin. „In Ostdeutschland liegen ihre durchschnittlichen Arbeitszeitwünsche um mehr als sieben Stunden und ihre tatsächlich geleisteten Wochenarbeitszeit rund zehn Stunden über den Werten in Westdeutschland.“

Teilzeit führt zur Ungleichheit

Die Möglichkeit, in Teilzeit zu arbeiten, hat zwar Frauen dazu gebracht, überhaupt zu arbeiten, Teilzeit hat aber gleichzeitig negative Auswirkungen auf das Einkommen der Frauen. In einem DIW Wochenbericht von 2019 stellten die DIW-Forscherinnen fest, dass Frauen mit Teilzeitjob durchschnittlich einen um rund 17 Prozent geringeren Stundenlohn bekommen als Frauen mit Vollzeitjob. Zudem würden Mütter nach der Phase der Kinderbetreuung kaum in Vollzeitstellen zurückkehren. Daraus leiten die Forscherinnen konkrete Forderungen ab: „Der weitere Ausbau der Kindertagesbetreuung und auch von Ganztagsschulplätzen kann die Gleichstellung von Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt fördern. Darüber hinaus wäre eine Reform des Ehegattensplittings sinnvoll, um die Wiederaufnahme einer Vollzeittätigkeit für Frauen attraktiver zu machen,“ sagte Katharina Wrohlich, heutige Leiterin der Forschungsgruppe Gender Economics am DIW Berlin.

2022 beschäftigte sich ein DIW Wochenbericht mit dem Zusammenhang von Arbeitszeiten und Erwerbseinkommen. In einer Studie untersuchten die Forscher*innen auf Basis von Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), worauf der Anstieg der Ungleichheit von Erwerbseinkommen seit 1993 zurückgeht. Dabei fanden sie heraus, dass die Einkommensunterschiede nicht primär an den Stundenlöhnen, sondern vor allem auch an der Arbeitszeit liegen. Gerade Menschen mit geringeren Löhnen arbeiten der Untersuchung zufolge weniger. Auch in dieser Studie zeigte sich, dass die gewünschte Arbeitszeit mit der realen nicht übereinstimmt. Hätten Beschäftigte allerdings so viel oder wenig arbeiten können, wie sie wollten, wäre die Ungleichheit der Erwerbseinkommen nur halb so stark gestiegen. Gerade Müttern sowie Neu- und Wiedereinsteiger*innen in den Beruf hätten gern mehr gearbeitet. Studienautor Carsten Schröder sagte damals: „Dass sich die Veränderungen in der Arbeitszeit nicht mit den Präferenzen der Beschäftigten decken, ist sozialpolitisch problematisch. Beispielsweise bei Müttern zeigt sich, dass sie oft weniger Stunden erwerbstätig sind, als sie eigentlich möchten. Die Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf reichen offensichtlich nach wie vor nicht aus.“

Auch heute beschäftigen sich Forscher*innen im DIW Berlin mit der Ungleichheit auf dem Arbeitsmarkt, auch in Zusammenhang mit der Arbeitszeit, etwa indem sie aufzeigen, dass der Gender Pay Gap – also das unterschiedliche Einkommen von Frauen und Männern – mit der Aufteilung der Sorgearbeit und der Erwerbsarbeit zusammenhängen.infoDIW Berlin (2025): „Gender Pay Gap schrumpft – doch Teilzeit und Sorgearbeit bleiben zentrale Faktoren“abrufbar unter: https://www.diw.de/de/diw_01.c.936691.de/gender_pay_gap_schrumpft_____doch_teilzeit_und_sorgearbeit_bleiben_zentrale_faktoren.html

Autorin: Lena Högemann

Kontakt zur Forschungsgruppe Gender Economics

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