Der wirtschaftliche Nutzen von Kinderbetreuung

100 Jahre DIW Berlin heißt auch: 100 Jahre Erforschung des Arbeitsmarktes. Dazu gehört die Situation von Frauen am Arbeitsmarkt. Wir schauen zurück auf 100 Jahre Wirtschaftsforschung am DIW Berlin und suchen nach ersten Anzeichen und Forschungsergebnissen zu der Frage nach Kinderbetreuung in den Wochenberichten der letzten 100 Jahre. Denn ganz so früh, wie man meinen könnte, kam das Thema zumindest in Westdeutschland nicht auf.

Heute ist völlig klar: Wer will, dass Frauen mehr arbeiten, der muss sich um bessere Kinderbetreuung kümmern. Gute und kostengünstige Kitas und Schulen sind ein wichtiger Baustein für die Berufstätigkeit von Müttern. Vielleicht ist es sogar der wichtigste – neben dem Einsatz der Väter. Wirtschaftsnobelpreisträgerin Claudia Goldin hatte jüngst in ihrer DIW 100 Lecture erklärt, dass Männer „Duds“ – auf Deutsch Blindgänger - sein könnten, oder eben „Dads“, echte Väter, die sich Zeit für ihre Kinder nehmen. Aber auch „Dads“ profitieren von guter Kinderbetreuung.

Von "Dads" und "Duds" - Claudia Goldin erklärte auch, wie Vaterschaft die Berufstätigkeit von Müttern beeinflusst.
© DIW Berlin/Phototek

Wenn man zurück schaut auf die letzten fast 100 Jahre von Wochenberichten, finden berufstätige Frauen bereits in den 1950er Jahren Erwähnung in Wochenberichten, etwa als „Arbeitskraftreserve“infoInstitut für Konjunkturforschung (1951): Wochenbericht vom 12. Januar 1951, abrufbar unter: https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.965138.de/51-2.655312.pdf.  Die DIW-Forscher sahen aber eine „überlieferte deutsche Kulturauffassung, nach der die Frau in erster Linie ihren Beruf in der Arbeit als Hausfrau sieht, also in der Sorge für ein kultiviertes Heim und für das leibliche und seelische Wohl der Familie“infoInstitut für Konjunkturforschung (1951): Wochenbericht vom 2. März 1951, abrufbar unter: https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.965154.de/51-9.pdf  – sehr in Abgrenzung zur Situation in Ostdeutschland.

In den 1960er-Jahren stellten DIW-Forscher*innen fest, dass ein wichtiger Schritt für eine höhere Berufsbeteiligung von Frauen das Angebot für Teilzeit sei. Seitdem zeigten verschiedene Forschungsprojekte, dass Teilzeit auch zu Ungleichheiten führt.

Institut für Konjunkturforschung (1951): Wochenbericht vom 2. März 1951, abrufbar unter: https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.965154.de/51-9.pdf
Institut für Konjunkturforschung (1951): Wochenbericht vom 12. Januar 1951, abrufbar unter: https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.965138.de/51-2.655312.pdf

1992: Kritik an traditionellem familienpolitischem Leitbild

Als im Jahr 1992 die in Deutschland die gesetzliche Situation so verändert wurde, dass Mütter längere Zeit in Elternzeit gehen konnten und ihnen bis zu drei Jahre für die Rente angerechnet wurden, beschäftigten sich Ellen Kirner und Erika Schulz in einem Wochenbericht von 7. Mai 1992 mit den Auswirkungen dieser Maßnahmen. Ihre Befürchtung: Die Verdrängung der Frauen vom Arbeitsmarkt werde dadurch noch verstärkt, weil davon auszugehen sei, dass die Mütter noch längere „Familienphasen“ einlegen würden. Auf Grundlage von Daten des sozio-oekonomischen Panels (SOEP) stellten die Forscherinnen fest, dass vier von fünf Frauen nach der Geburt eines Kindes ihre Berufstätigkeit unterbrachen. Wir reden hier von Phasen, die bei den älteren Geburtsjahrgängen 15 Jahre im Schnitt dauerten, bei den jüngeren Jahrgängen immerhin noch 13 Jahre.infoVergl. DIW Berlin (1992): Unterbrochene Erwerbsverläufe von Frauen mit Kindern: traditionelles familienpolitisches Leitbild fragwürdig, abrufbar unter https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.964329.de/92-19.pdf, S. 252 Die Forscherinnen gehen davon aus, dass in Zukunft mehr Mütter anstreben werden, wieder in den Beruf zurückzukehren. Dafür spräche das Ausbildungsniveau von Frauen, das kontinuierlich gestiegen sei, die steigenden Scheidungsraten und der Rückgang der Anzahl von Kindern, die eine Frau bekommt.infoVergl. DIW Berlin (1992): Unterbrochene Erwerbsverläufe von Frauen mit Kindern: traditionelles familienpolitisches Leitbild fragwürdig, abrufbar unter https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.964329.de/92-19.pdf, S. 257

Die Forscherinnen kritisieren vor allem, dass diese „Familienphasen“ gefördert würden, nicht aber die Rückkehr der Mütter in den Beruf. „Bei den gegebenen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen führt die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf letztlich nur für Frauen zu Nachteilen im Beruf und nicht für Männer“infoVergl. DIW Berlin (1992): Unterbrochene Erwerbsverläufe von Frauen mit Kindern: traditionelles familienpolitisches Leitbild fragwürdig, abrufbar unter https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.964329.de/92-19.pdf, S. 257, schreiben Kirner und Schulz im Wochenbericht. In diesem Kontext sprechen sie sich für Anreize aus, dass auch Männer Erziehungszeiten übernehmen – eine Forderung, die Jahrzehnte später in die Realität Einzug fand, als Vätermonate beim Elterngeld eingeführt worden sind.DIW Berlin (1992): Unterbrochene Erwerbsverläufe von Frauen mit Kindern: traditionelles familienpolitisches Leitbild fragwürdig, abrufbar unter https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.964329.de/92-19.pdf, S. 257Die Forscherinnen kritisieren vor allem, dass diese „Familienphasen“ gefördert würden, nicht aber die Rückkehr der Mütter in den Beruf. „Bei den gegebenen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen führt die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf letztlich nur für Frauen zu Nachteilen im Beruf und nicht für Männer“Die Forscherinnen kritisieren vor allem, dass diese „Familienphasen“ gefördert würden, nicht aber die Rückkehr der Mütter in den Beruf. „Bei den gegebenen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen führt die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf letztlich nur für Frauen zu Nachteilen im Beruf und nicht für Männer“Vergl. DIW Berlin (1992): Unterbrochene Erwerbsverläufe von Frauen mit Kindern: traditionelles familienpolitisches Leitbild fragwürdig, abrufbar unter https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.964329.de/92-19.pdf, S. 257Die Forscherinnen gehen davon aus, dass in Zukunft mehr Mütter anstreben werden, wieder in den Beruf zurückzukehren. Dafür spräche das Ausbildungsniveau von Frauen, das kontinuierlich gestiegen sei, die steigenden Scheidungsraten und der Rückgang der Anzahl von Kindern, die eine Frau bekommt.Die Forscherinnen gehen davon aus, dass in Zukunft mehr Mütter anstreben werden, wieder in den Beruf zurückzukehren. Dafür spräche das Ausbildungsniveau von Frauen, das kontinuierlich gestiegen sei, die steigenden Scheidungsraten und der Rückgang der Anzahl von Kindern, die eine Frau bekommt.

Die Bedeutung von guter Kinderbetreuung

Im Jahr 2000 befassten sich Michaela Kryenfeld und Gerd G. Wagner im Diskussionspapier Nummer 199 mit der Bedeutung der institutionellen Kinderbetreuung. „Die Zusammenarbeit von Staat und Markt in der Sozialpolitik: das Beispiel Betreuungsgutscheine und Qualitätsregulierung für die institutionelle Kinderbetreuung“  war der Titel der Veröffentlichung. Die Forscher*innen stellen darin die Ist-Situation dar, die sich durch große Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland auszeichnet. In Ostdeutschland gibt es eine viel höhere Versorgungsquote und die Kitas werden auch länger am Tag genutztinfoDIW Berlin (2000): Die Zusammenarbeit von Staat und Markt in der Sozialpolitik: das Beispiel Betreuungsgutscheine und Qualitätsregulierung für die institutionelle Kinderbetreuung, abrufbar unter https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.38554.de/dp199.pdf, S. 6. Hier stellen die Forscher*innenfest, dass die institutionellen Rahmenbedingungen das Verhalten der Mütter beeinflusst. Sie legen daher nahe, dass der Zugang zu hochwertiger Kinderbetreuung einen direkten Einfluss auf die Berufstätigkeit von Müttern habe.

Lösungsvorschlag des DIW Berlins aus dem Jahr 2000: Ein Kitagutschein könnte dafür sorgen, dass mehr Familien Kitaplätze in Anspruch nehmen und so mehr Frauen berufstätig wären.
© Adobe/annanahabed

Das DIW-Team formuliert in dem Papier auch einen Lösungsvorschlag: Die Einführung eines Kita-Gutschein-Systems, den Eltern für die Kinderbetreuung so nutzen können, wie sie es brauchen. Der Gutschein wäre für das jeweilige Kind ausgestellt und könnte in lizenzierten Kindertageseinrichtungen einlösbar. In dem DIW-Ansatz ist solch ein Gutscheinsystem bis zum Ende der Grundschule empfohlen, damit auch der Hort in der Grundschulzeit abgedeckt wäre.infoVergl. DIW Berlin (2000): Die Zusammenarbeit von Staat und Markt in der Sozialpolitik: das Beispiel Betreuungsgutscheine und Qualitätsregulierung für die institutionelle Kinderbetreuung, abrufbar unter https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.38554.de/dp199.pdf, S. 14 ff Tatsächlich gibt es heute in einigen Städten, darunter Berlin und Hamburg ein Kita-Gutschein-System zur Subventionierung der Kinderbetreuung.

„Zentrale Aufgabe der Wirtschafts- und Sozialpolitik“

In einem DIW-Wochenbericht vom 26. September 2002 richteten sich DIW-Forscher*innen an die neue Bundesregierung – es war das zweite Kabinett von Gerhard Schröder (SPD) – und forderten verschiedene Maßnahmen im Kampf gegen niedriges Wirtschaftswachstum und hohe Arbeitslosigkeit. Eine der Forderung bestand in einer besseren Kinderbetreuung, die zu den „zentralen Aufgabe der Wirtschafts- und Sozialpolitik“ gehöre.infoVergl. DIW Berlin (2002): Zentrale Aufgaben der Wirtschafts- und Sozialpolitik in der kommenden Legislaturperiode, abrufbar unter: https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.92416.de/02-39.pdf Die Forscher*innen wiesen darauf hin, dass es unter bildungspolitischen Gesichtspunkten bedenklich sei, dass gerade Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Haushalten weniger in Kindertagesstätten betreut würden. Hier müsste vor allen Dingen das Angebot in Westdeutschland ausgebaut werden.infoVergl. Vergl. DIW Berlin (2002): Zentrale Aufgaben der Wirtschafts- und Sozialpolitik in der kommenden Legislaturperiode, abrufbar unter: https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.92416.de/02-39.pdf, S. 654

© Adobe/kristall

In den letzten 25 Jahren hat das DIW Berlin seine Expertise im Bereich Gender Economics, zu dem auch der Zusammenhang von Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Kinderbetreuungsmöglichkeiten und Berufstätigkeit von Müttern gehört, weitere ausgebaut. Eine der Expertinnen am DIW Berlin, die zum Thema Kinderbetreuung geforscht hat, war C. Katharina Spieß, heute Direktorin des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung. Sie betrachtete 2005 gemeinsam mit Katharina Wrohlich in einem Wochenbericht (PDF, 1.42 MB), wie viele Kinderbetreuungsplätze in Deutschland wirklich fehlen und kamen dabei auf eine „Warteschlange“ von 1,2 Millionen Kindern im Alter von unter drei Jahren, die einen Betreuungsplatz in Anspruch nehmen würden, wenn es diese Anzahl von Plätzen gäbe.infoDIW Berlin (2005): Wie viele Kinderbetreuungsplätze fehlen in Deutschland?, abrufbar unter: www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_02.c.248519.de/05-14.pdf, S. 226 Spieß forschte auch zu sozio-ökonomischen Unterschieden bei der Nutzung von Kitas, wie sie in verschiedenen Wochenberichten 2012, 2018 und 2020 darlegte. Spieß und ihre Kolleg*innen beschäftigten sich außerdem mit der Qualität von Kitas, etwa 2014, 2015 und 2017, sowie mit den Arbeitsbedingungen von Erzieher*innen, wie sie 2016 und 2021 in Wochenberichten veröffentlichten.  

In vielen weiteren Wochenberichten wurden und werden verschiedene Aspekte beleuchtet, etwa 2002 mit einer Analyse der Kinderbetreuung in Ost und West, der Bedeutung von (kostenloser) Vorschulerziehung, den Auswirkungen des Elterngeldes und verschiedenen Aspekten der Kinderbetreuung und der Zufriedenheit von Müttern aus den Jahren 2013, 2016 , sowie den Wünschen von Erwerbstätigkeiten von Müttern 2020 und 2024. Auch das große Thema des Gender Care und des Gender Pay Gap wird hier erforscht, wie in diesem Wochenbericht von 2023.

Autorin: Lena Högemann

  • Kinder, Küche, Wäsche – Wie ungerecht ist die Aufteilung? - Nachgeforscht bei Jonas Jessen play_arrow Video ansehen

    Beim Abspielen des Videos gelangen Sie auf die Webseite von YouTube, die Daten von Ihnen sammelt.
    Mehr erfahren Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

    Den Volltext des Films können Sie im Transkript nachlesen.

    Kinder, Küche, Wäsche – Wie ungerecht ist die Aufteilung?: Nachgeforscht bei Jonas Jessen

  • Was ist der Gender Care Gap? play_arrow Video ansehen

    Beim Abspielen des Videos gelangen Sie auf die Webseite von YouTube, die Daten von Ihnen sammelt.
    Mehr erfahren Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

    Was ist der Gender Care Gap?

  • Geld oder Haushalt? - Nachgeforscht bei Claire Samtleben play_arrow Video ansehen

    Beim Abspielen des Videos gelangen Sie auf die Webseite von YouTube, die Daten von Ihnen sammelt.
    Mehr erfahren Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

    Geld oder Haushalt?: Nachgeforscht bei Claire Samtleben

Gender Economics am DIW Berlin

keyboard_arrow_up