Die Arbeitsmigration nach Deutschland ist ein prägendes Element der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung seit den 1950er-Jahren. Während sie anfangs primär als kurzfristige Lösung gegen Arbeitskräftemangel gedacht war, wandelte sich ihr Stellenwert im Laufe der Zeit grundlegend. Heute gilt Einwanderung in den Arbeitsmarkt als unabdingbar, um dem demografischen Wandel und dem Fachkräftemangel zu begegnen. Die Forschung des DIW Berlin hat diese Entwicklung kontinuierlich begleitet – von der Beschäftigung italienischer und türkischer Gastarbeiter in der westdeutschen Industrie über die Zuwanderung aus Osteuropa nach der Wende bis hin zur Integration Geflüchteter seit 2015.
© Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Freiburg W 134 Nr. 072192b / Fotograf: Willy Pragher via Wikimedia Commons
Die Forschung des DIW Berlin zur westdeutschen Konjunktur Anfang der 1960er-Jahre verdeutlicht den wachsenden Bedarf an Arbeitskräften: Im Winter 1960/61 waren in Westdeutschland (ohne West-Berlin) rund 19,6 Millionen Menschen beschäftigt – etwa drei Viertel davon in der Industrie. Bereits 350.000 ausländische Arbeitskräfte waren Ende 1960 registriert, doppelt so viele wie im Vorjahr. Der größte Teil dieser Arbeitsmigrant*innen kam über amtliche Vermittlungen, insbesondere aus Italien, Spanien und Griechenland ins damalige Westdeutschland.DIW Berlin 1961: Die internationale und die westdeutsche Konjunktur Mitte Februar 1961/ Die internationale und die westdeutsche Konjunktur Mitte Februar 1961 / Der westdeutsche Arbeitsmarkt im Winter 1960/61 abrufbar unter: DIW Berlin: Die internationale und die westdeutsche Konjunktur Mitte Februar 1961
Diese Zuwanderung war bedeutend: Die ausländischen Arbeitskräfte deckten den Großteil der neu geschaffenen Stellen, denn „nur weniger als ein Zehntel“ der neu Beschäftigten wurden aus dem Kreis der registrierten Arbeitslosen rekrutiert. Damit wurde die Arbeitsmigration zur tragenden Säule des westdeutschen Wirtschaftsaufschwungs – ein Aspekt, der früh Eingang in die ökonomische Forschung des DIW Berlin fand.DIW Berlin 1961: Die mitteldeutschen Anlageinvestitionen nach den Plänen für 1961 / Der westdeutsche Arbeitsmarkt im Sommer 1961, abrufbar unter: 61-32.pdf
Mit dem Zerfall der Sowjetunion und den Bürgerkriegen im ehemaligen Jugoslawien änderte sich das Migrationsgeschehen deutlich. Zwischen 1984 und 1993 kamen rund 2,4 Millionen Menschen nach Deutschland – darunter 1,8 Millionen Aussiedler*innen sowie 600.000 Ausländer*innen. Der Großteil siedelte sich in den alten Bundesländern an.DIW Berlin 1994: Integration deutscher Zuwanderer in den westdeutschen Arbeitsmarkt abrufbar unter: DIW Berlin: Integration deutscher Zuwanderer in den westdeutschen Arbeitsmarkt
Studien des DIW Berlin zeigten: Viele Zuwanderer*innen verfügten über gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Integration, insbesondere wenn sie mit dem Ziel nach Deutschland kamen, hier Arbeit zu finden und für ihren Lebensunterhalt sorgen zu wollen. Gleichzeitig wies das DIW Berlin in dieser Zeit auf die Bedeutung von Migration zur Stabilisierung der Altersstruktur hin.DIW Berlin 1995: : Alternde Gesellschaft - Zur Bedeutung von Zuwanderungen für die Altersstruktur der Bevölkerung in Deutschland abrufbar unter: DIW Berlin: Alternde Gesellschaft : zur Bedeutung von Zuwanderungen für die Altersstruktur der Bevölkerung in Deutschland In einer alternden Gesellschaft mit sinkenden Geburtenraten könne Zuwanderung helfen, dem demografischen Schrumpfungsprozess entgegenzuwirken, stellten die DIW-Forscher*innen bereits 1995 fest.
Allerdings warnte das DIW Berlin auch vor sozialpolitischen Herausforderungen in der Praxis. Geringe Qualifikationen und mangelnde Integrationsprogramme erschwerten den Zugang zum Arbeitsmarkt. Dies wirkte sich auf die relative Einkommensarmut aus – insbesondere unter Migrant*innen, bei denen die Armutsquote bei rund 30 Prozent lag.DIW Berlin 1996: Zuwanderung vergrößert Einkommensungleichheit und Einkommensarmut in Deutschland geringfügig Neue Ergebnisse des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) abrufbar unter: DIW Berlin: Zuwanderung vergrößert Einkommensungleichheit und Einkommensarmut in Deutschland geringfügig : neue Ergebisse des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP)
Bereits zur Jahrtausendwende warnte das DIW Berlin vor einem Rückgang des heimischen Arbeitskräftepotenzials und verwies auf die Bedeutung von Migration – insbesondere für Branchen mit einem hohen Bedarf an Arbeitskräften.DIW Berlin 2000: Migration und Arbeitskräfteangebot in Deutschland bis 2050 abrufbar unter: DIW Berlin: Migration und Arbeitskräfteangebot in Deutschland bis 2050 Während die erste Generation von Gastarbeiter*innen vor allem in unqualifizierten Tätigkeiten eingesetzt wurde, verbesserten sich die Arbeitsmarktchancen der zweiten Generation durch bessere Schul- und Berufsbildung, vor allem im Dienstleistungssektor.
Dennoch war der Zugang zum Arbeitsmarkt nicht für alle gleich: Die Erwerbstätigkeit eingewanderter Männer wich kaum von der westdeutscher Männer ab, während eingewanderte Frauen deutlich seltener erwerbstätig waren – ein Muster, das sich über Jahrzehnte fortsetzte.
Mit dem Anstieg der Flüchtlingszahlen ab 2015 wurde ein neuer Schwerpunkt in der Forschung zur Arbeitsmigration sichtbar. Das DIW Berlin verwies früh auf die langfristigen Potenziale: Investitionen in Integration lohnen sich – selbst wenn Geflüchtete anfangs geringe Qualifikationen und Produktivität aufweisen, überwiegen langfristig die positiven wirtschaftlichen Effekte.DIW Berlin 2015: Integration von Flüchtlingen : eine langfristig lohnende Investition) abrufbar unter: 15-45-4.pdf
Zudem zeigten Analysen, dass viele Geflüchtete zwar eine geringe Bildung mitbringen, aber in ihren Herkunftsländern oft zu den besser Gebildeten zählen.DIW Berlin 2020: Soziale Integration Geflüchteter macht Fortschritte, abrufbar unter DIW Berlin: Soziale Integration Geflüchteter macht Fortschritte Besonders syrische Geflüchtete verfügten oft über bessere Bildungsabschlüsse als die in Syrien Verbliebenen. Dennoch seien zusätzliche Bildungsinvestitionen – insbesondere im Spracherwerb und in der Anerkennung von Qualifikationen – entscheidend für den beruflichen Aufstieg, so die DIW-Forscher*innen.
In neueren Studien konnte das DIW Berlin zeigen, dass sich die soziale und berufliche Integration von Geflüchteten verbessert hat. Immer mehr von ihnen finden Arbeit – auch als Fachkräfte.DIW Berlin 2023: Geflüchtete in Deutschland arbeiten zunehmend – auch als Fachkräfte , abrufbar unter: DIW Berlin: Geflüchtete in Deutschland arbeiten zunehmend – auch als Fachkräfte Dennoch bestehen geschlechtsspezifische Unterschiede: Während sechs Jahre nach der Einwanderung 69 Prozent der Männer erwerbstätig waren, lag der Anteil bei Frauen bei nur 24 Prozent.
Zwei Hypothesen stehen im Raum: Entweder verzögern Bildungsinvestitionen wie Spracherwerb einen schnellen Einstieg, führen langfristig aber zu besseren Jobs – oder andersherum: Ein schneller Einstieg in einfache Tätigkeiten verhindert durch fehlende Zeit und Motivation weitere Bildungsanstrengungen.
Ein weiterer Einflussfaktor ist die regionale Verteilung von Geflüchteten, wie das DIW Berlin im WB 30/31/2023 betont.DIW Berlin 2023: Lokaler Arbeitsmarkt beeinflusst Berufschancen Geflüchteter abrufbar unter: DIW Berlin: Lokaler Arbeitsmarkt beeinflusst die Berufschancen von Geflüchteten Lokale Arbeitsmarktbedingungen spielen eine zentrale Rolle für berufliche Chancen, weswegen die DIW-Forscher*innen im Wochenbericht empfahlen, Geflüchtete nicht nach dem Königsteiner Schlüssel zu verteilen, sondern den lokalen Arbeitsmarktlagen entsprechend.
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Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung mit dem Ausscheiden der Babyboomer wird Arbeitsmigration zunehmend als wirtschaftliche Notwendigkeit diskutiert.
Im Jahr 2024 trat eine Reform des Staatsangehörigkeitsrechts in Kraft, die unter anderem die Aufenthaltsdauer bis zur Einbürgerung auf fünf Jahre verkürzte.DIW Berlin 2025: Einbürgerungswunsch bei Zugewanderten, abrufbar unter: DIW Berlin: Geflüchtete wollen langfristig bleiben und Deutsche werden Gleichzeitig wurden jedoch die wirtschaftlichen Anforderungen verschärft. Die neuen Regelungen dürften einerseits zu einem Anstieg der Einbürgerungen führen, andererseits jedoch die Selektivität nach Bildung und Erwerbsstatus verstärken. Vor allem gut integrierte Geflüchtete mit stabilen Arbeitsverhältnissen dürften profitieren. Für weniger Qualifizierte könnten sich hingegen zusätzliche Hürden ergeben.
Das DIW Berlin zeigte in aktuellen Analysen zur Bundestagswahl 2024,DIW Aktuell 2023: Mehr Migration könnte Potenzialwachstum der deutschen Wirtschaft deutlich erhöhen, abrufbar unter: DIW Berlin: Mehr Migration könnte Potenzialwachstum der deutschen Wirtschaft deutlich erhöhen dass das Produktionspotenzial der deutschen Wirtschaft ohne Migration deutlich sinken würde. Seit 2023 wird der Aufbau sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung ausschließlich durch ausländische Staatsangehörige getragen. Um das Potenzialwachstum auf den langfristigen Durchschnitt zu heben, sei eine Zuwanderung von 1,5 Millionen Erwerbspersonen bis 2029 erforderlich.
Die Rolle von Arbeitsmigration hat sich im Laufe der Jahrzehnte grundlegend verändert – von einer temporären Lösung zur Deckung industriellen Arbeitskräftebedarfs in der Nachkriegszeit hin zu einer dauerhaften, strukturell notwendigen Säule des deutschen Arbeitsmarkts. Der langfristige Erfolg von Migration hängt dabei maßgeblich von der Integration in Bildung und Arbeitsmarkt ab – und ist letztlich eine Investition in die Zukunft der gesamten Gesellschaft.
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