Diskussionspapiere extern
Stefan Bach, Martin Beznoska, Viktor Steiner
Berlin:
DIW Berlin,
2016,
(DIW Berlin: Politikberatung kompakt Nr. 114)
In dieser Studie werden umfassende mikrodatenbasierte Analysen zur gesamten Verteilungswirkung des deutschen Steuersystems durchgeführt. Einbezogen werden die Einkommensteuer einschließlich der Unternehmensteuern auf ausgeschüttete Gewinne, die indirekten Steuern und die Sozialbeiträge. Untersucht werden die Verteilungswirkungen des Status quo, der Reformen der letzten Jahrzehnte und von aufkommensneutralen Reformen der Einkommensund Konsumbesteuerung. Ferner werden Wohlfahrtswirkungen von Anpassungen beim Arbeitsangebot und beim Konsum analysiert sowie alternative Inzidenzszenarien für die Sozialbeiträge und die Unternehmensteuern diskutiert. Für die Analysen wurden integrierte Datengrundlagen aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP), der Lohn- und Einkommensteuerstatistik sowie der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) aufgebaut. Entsprechend der Verfügbarkeit der Einzeldatensätze bezieht sich die Datenbasis auf die Eckjahre 1995, 1998, 2003, 2008 und (fortgeschrieben) 2015. Für die Simulationen zu den Steuerbelastungen wurde das integrierte Mikrosimulationsmodell STSM+ entwickelt. Um Anpassungen beim Arbeitsangebot und Konsum der privaten Haushalte zu berücksichtigen sowie damit verbundene Wohlfahrtwirkungen zu berechnen, wurde ein strukturelles ökonometrisch geschätztes Ausgabensystem mit differenzierten Konsumgütern und der Arbeitsangebotsentscheidung auf der Haushaltsebene integriert. Die Simulationen zur Steuerlastverteilung bezogen auf das Haushaltsbruttoeinkommen ergeben deutlich progressive Belastungen für die Einkommen- und Unternehmensteuern sowie regressive Belastungen für die indirekten Steuern. Das gesamte Steuersystem ist leicht progressiv. Dessen Progressions- und Umverteilungswirkungen haben seit Ende der 90er Jahre abgenommen. Dabei ist eine deutliche Verlagerung der Belastung von den direkten zu den indirekten Steuern zu beobachten. Die Einkommensteuer- und Unternehmensteuerreformen haben insbesondere im oberen Bereich der Einkommensverteilung zu deutlichen Entlastungen geführt. Die diversen Erhöhungen der indirekten Steuern erhöhten dagegen die regressiven Belastungswirkungen. Die Sozialbeiträge wirken insgesamt leicht regressiv bezogen auf dasHaushaltsbruttoeinkommen. Die Reduktion der Grenzsteuersätze der Einkommensteuer reduzierte die Zusatzlast bei der Arbeitsangebotsentscheidung, die höheren Konsumsteuern erhöhten die Zusatzlast der Besteuerung der Konsumgüter. Die Wirkungen der Steuerreformen auf das Arbeitsangebot waren leicht negativ. Ferner werden die Wirkungen alternativer Inzidenzszenarien für die Sozialbeiträge und die Unternehmensteuern analysiert sowie die Verteilungswirkungen von aktuell diskutierten Reformen des Steuersystems ermittelt. Die Analysen zeigen, dass weitgehend aufkommensneutrale Reformen zum Ausgleich der „kalten Progression“ und zur Verbesserung der Steuerstruktur mit geringen Verteilungswirkungen möglich sind.