Nicht-referierte Aufsätze
Isabelle Bartram, Tino Plümecke, Peter Wehling
In: Soziologie 53 (2024), 1, 20-45
Unter Bezeichnungen wie ›Soziogenomik‹ oder ›Sozialwissenschafts-Genetik‹ hat sich in den letzten Jahren eine neue Forschungsperspektive herausgebildet, mit der erneut behauptet wird, die Einbeziehung genetischer Daten und Analysen sei unverzichtbar für die Sozialwissenschaften, um zu exakten Erkenntnissen über die Ursachen sozialer Unterschiede und Ungleichheiten zu gelangen. Gestützt auf neue technowissenschaftliche Möglichkeiten der Genomanalyse und Auswertung riesiger Datenmengen wird beansprucht, eine vererbliche Komponente in nahezu allen menschlichen Eigenschaften und sozialen Merkmalen wie etwa Bildungserfolg, Alkoholkonsum oder Religiosität aufspüren zu können. Gleichzeitig beteuern Vertreter*innen der Soziogenomik, ihre Forschung sei gerade nicht auf Stigmatisierung und Diskriminierung ausgerichtet, sondern ziele auf Gerechtigkeit und Unterstützung für die ›genetisch Benachteiligten‹. Die Soziogenomik stößt in den Sozialwissenschaften offenbar auf eine gewisse Resonanz; ein Indiz hierfür ist, dass vor Kurzem die Erhebung und Auswertung von Genom-Daten in das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) integriert wurde. Unser Beitrag gibt einen kritischen Überblick über die Entstehung der Soziogenomik, ihre konzeptionellen und methodischen Grundlagen sowie ihre problematischen gesellschaftlichen Implikationen und möchte damit einen Anstoß für die notwendige soziologische Auseinandersetzung mit den Hypothesen und Ergebnissen dieser Art von Forschung geben.