Nicht-referierte Aufsätze
Kilian Mazurek, Lukas Menkhoff
In: DIW Wochenbericht 29/2024 (2024), 469-475
Kleinunternehmen gelten als Rückgrat der Wirtschaft. Allein in Deutschland arbeiten 39 Prozent aller Beschäftigten in Kleinst- und Kleinunternehmen. In weniger entwickelten Volkswirtschaften liegt der Anteil in der Regel nochmals höher. Dabei sind Kleinunternehmen seit geraumer Zeit stark unter Druck – oft stärker als mittlere und große Unternehmen. Durch die Nachwehen der Corona-Pandemie, die zeitweise unerwartet hohe Inflation, den Fachkräftemangel und die zuletzt stark gestiegenen Zinsen kämpfen viele Kleinunternehmen um ihr Überleben. Zahlreiche Kleinunternehmer*innen mussten ihr Geschäft bereits aufgeben. Was aber unterscheidet die profitableren – und damit in der Regel krisenfesteren – Unternehmen von den weniger krisenfesten? Die meisten unternehmerischen Entscheidungen in Kleinunternehmen werden nicht von einem mehrköpfigen Vorstand oder Managementteam, sondern von nur einer Person getroffen. Die Persönlichkeit dieser einen Führungskraft spielt in Kleinunternehmen damit eine entscheidende Rolle. Da fast alle unternehmerischen Entscheidungen Ungewissheit und Risiko beinhalten, ist die Risikopräferenz der Kleinunternehmer*innen eine zentrale Charaktereigenschaft. Es liegt auf der Hand, dass besonders risikofreudige Kleinunternehmer*innen andere Entscheidungen treffen und ihre Unternehmen anders führen als risikoscheue Unternehmer*innen. Insofern schlägt sich die individuelle Risikopräferenz der Kleinunternehmer*innen im Risikoprofil ihrer Unternehmen nieder. In der öffentlichen Wahrnehmung wird risikoreiches Verhalten oftmals mit unternehmerischem Erfolg verbunden, nach dem Motto: „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.“ Dieser Wochenbericht geht der Frage nach, ob diese Wahrnehmung richtig ist. Möglich wäre ja auch, dass zu viel Risikotoleranz mit negativen Konsequenzen, geringeren Gewinnen und langfristig einer verminderten Überlebenswahrscheinlichkeit in Krisenzeiten zusammenhängt (Risikotoleranz wird als Begriff für gerichtete Risikopräferenz genutzt). Die empirische Untersuchung dieses Zusammenhangs benötigt zwei Arten von Variablen, die selten in einem einzigen Datensatz vorhanden sind: zum einen Informationen über die Unternehmer*innen selbst, also persönliche Daten, und zum anderen Informationen über deren kleine Unternehmen, also Unternehmensdaten. Für deutsche Studien dieser Art wird häufig das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) herangezogen. Diese Haushaltsbefragung erhebt zwar Daten zu den Unternehmer*innen, enthält aber keine Information über die Gewinne von Unternehmen. Deshalb werden stattdessen im Folgenden Daten aus einer Befragung in Uganda verwendet, die die benötigten Informationen liefern kann. Ein Nachteil ist sicherlich, dass die Verhältnisse in Uganda anders als in Deutschland sind. Allerdings weisen die Daten in Uganda die international bekannte Grundstruktur auf: Demnach sind Unternehmer*innen erfolgreicher, die eine bessere Ausbildung aufweisen, die über finanzielle Kenntnisse verfügen, ein mittleres Alter haben (also etwas erfahren, aber noch nicht alt sind), die männlich sind und ein am Markt eingeführtes Unternehmen leiten. Diese Struktur findet sich sowohl in Uganda als auch in Deutschland. Ferner werden hier Unternehmer*innen relativ zueinander verglichen, die alle im identischen institutionellen Umfeld arbeiten, also zum Beispiel einen begrenzten Zugang zu (günstigen) Krediten haben. Insofern kann man aus dieser Fallstudie auch etwas für Deutschland lernen.
Keywords: risk tolerance, entrepreneurs, profits, investments
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2024-29-3