Referierte Aufsätze Web of Science
Alexander Schulze, Volker Dreier
In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie (KZfSS) 67 (2015), 2, 197-216
Im Zuge des sozialen und demographischen Wandels ist der Bevölkerungsanteil von Personen mit vergleichsweise geringen Armutsrisiken (z. B. von Hochqualifizierten, Kinderlosen und Personen mittleren Alters) erheblich angewachsen. Dennoch ist die aggregierte Armutsquote im Zeitverlauf nicht gesunken. Um dieses Phänomen aufzuklären, analysiert die Arbeit den Beitrag des Wandels von Alters-, Bildungs- und Haushaltsstruktur zur Armutsentwicklung in Deutschland zwischen 1992 und 2008. Hierzu werden individuelle Armutsrisiken nach Lebensalter, Bildungsniveau und Kinderzahl für jedes Kalenderjahr im Betrachtungszeitraum geschätzt und auf Basis der Bevölkerungsstruktur des Jahres 1992 aggregiert. Damit wird es möglich, die Armutsentwicklung unter konstanten Bevölkerungsbedingungen, also strukturbereinigt, für den Zeitverlauf nachzuvollziehen und mit der tatsächlichen Entwicklung zu vergleichen. Grundlage der Analysen sind die Daten des Sozio-oekonomischen Panels. Die Ergebnisse zeigen, dass durch die Zunahme der individuellen Armutsrisiken heute, strukturbereinigt, etwa ein Drittel mehr Menschen arm wären (16,6 %), als dies aktuell tatsächlich der Fall ist (12,0 %). Der strukturelle Bevölkerungswandel, hin zu sozialen Gruppen mit relativ geringen Armutsrisiken, hat damit einen Anstieg der Armutsbetroffenheit um mehr als vier Prozentpunkte verhindert. Die in den letzten Jahren zumeist stagnierende oder „nur“ leicht gestiegene Armutsquote ist damit zum großen Teil die positive Folge der soziodemographischen Umschichtung der Gesellschaft.
In the course of social and demographic changes the share of the population with comparatively low poverty risks (e.g. highly educated, childless and middle-aged persons) increased substantially. Still, the aggregated poverty rate did not sink over time. To explain this phenomenon, this paper analyses the impact that structural changes in age, education, and household composition had on the development of poverty in Germany between 1992 and 2008. For this purpose individual poverty risks are estimated according to age, educational level and number of children for each calendar year in the given period and aggregated on the basis of the population structure of the year 1992. This reveals the poverty development under constant, structurally adjusted conditions and enables the comparison with the actual development.The data analysis is based on the German socio-economic panel. The findings show that due to the increase of individual poverty risks today—structurally adjusted—an additional third of people would be poor (16.6 %) than is actually the case (12.0 %). The structural population changes towards social groups with relatively low poverty risks therefore prevented an increase in poverty rate by more than four percentage points. Thus, the stagnating respectively ‘only’ slightly increased poverty ratio is for the most part a positive result of the socio-demographic changes in German society.
Themen: Bildung
Keywords: Armut, Demographischer Wandel, Sozialer Wandel, Alterung, Bildungsexpansion, Geburtenrückgang, Deutschland, SOEP
DOI:
https://doi.org/10.1007/s11577-015-0307-8