Externe Monographien
Stephan Sievert
2019,
Die vorliegende Dissertation untersucht die Wirkung unterschiedlicher Charakteristika von Bildungssystemen auf kognitive Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen. Sie konzentriert sich auf Maßnahmen, die vor dem 10. Lebensjahr eines Kindes ansetzen. Während dieser Phase lässt sich Kognition von Kindern besonders gut beeinflussen. Die drei Artikel dieser Dissertation leisten einen jeweils eigenständigen Beitrag zur Bildungsökonomie-Literatur. Kapitel 2 untersucht mittel- und langfristige Effekte eines längeren Kindergartenbesuchs. Während positive kurzfristige Effekte insbesondere für Kinder mit niedrigem sozio-ökonomischen Status häufig nachgewiesen worden sind, ist die kausale Evidenz für Langfristeffekte noch lückenhaft. Die Studie schließt eine Lücke in der Literatur, indem sie sich auf eine Reihe von Bildungsergebnissen konzentriert, die bisher noch nicht mittels kausaler Analysen untersucht worden sind. Dazu gehören die Wahl der weiterführenden Schulart, Klassenwiederholungen, kognitive Fähigkeiten sowie weitere Bildungsaspirationen nach Abschluss der Sekundarschule. Die Studie basiert auf Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP), einer repräsentativen Haushaltsbefragung, die jährliche Informationen über den Besuch von Kindertageseinrichtungen sowie umfangreiche persönliche Hintergrundmerkmale enthält. Zur Identifikation der Effekte nutzt sie eine Novelle des Kinder- und Jugendhilfegesetzes von 1992. Mit der Reform wurde ein rechtlicher Anspruch auf einen stark subventionierten Halbtagskindergartenplatz für alle Kinder von 3 Jahren bis zum Beginn der Grundschule eingeführt. Vor allem die Situation von dreijährigen Kindern sollte damit verbessert werden, da diese von der damals vorherrschenden Knappheit an Kindergartenplätzen am stärksten betroffen waren. Der kausale Effekt eines zusätzlichen Kindergarten-Jahres kann mittels eines Instrumentenvariablen-Ansatzes geschätzt werden, in dem das regionale Niveau des Betreuungsangebots als Instrument dient, da die Ausweitung des Betreuungsangebots aus exogenen Gründen regional unterschiedlich schnell erfolgte. Die Ergebnisse zeigen, dass sich ein längerer Kindergartenbesuch positiv auf die Deutschnote im Jugendalter auswirkt. Unter schwächeren Schülern ist der Effekt besonders stark ausgeprägt, was sich an einer verringerten Wahrscheinlichkeit zeigt, eine der drei schlechtesten Noten zu erhalten. Außerdem gibt es Hinweise auf erhöhte Bildungsaspirationen schwächerer Schüler, die nach ihrem Abschluss vor der Wahl zwischen einer beruflichen Ausbildung und keiner weiteren Qualifizierung stehen. Zusammenfassend bestätigen die Ergebnisse bestehende Forschungsergebnisse darin, dass Kinderbetreuung am vorteilhaftesten für benachteiligte Kinder ist. Dies stärkt das Argument für eine öffentliche Finanzierung von Kindertageseinrichtungen als Mittel zur Bekämpfung von Ungleichheiten in der kindlichen Entwicklung. Kapitel 3 konzentriert sich auf die weitgehend unbeantwortete Frage, welche Unterrichtsmethoden sich besonders dafür eignen, Schülern kognitive Fähigkeiten zu vermitteln. Insbesondere wird die Wirksamkeit unterschiedlicher Lehrmethoden in der Grundschule bewertet, die darauf abzielen, das Engagement von Schülern zu erhöhen, aktiv am Unterrichtsgeschehen teilzunehmen. Zu diesen Methoden gehört das Zusammenfassen von Kernbotschaften, das Herstellen von Bezügen zum täglichen Leben der Schüler, das gezielte Nachfragen, das Ermutigen, das Loben sowie das Mitbringen interessanter Unterrichtsmaterialien. Die Analyse basiert auf einem Datensatz, der für eine repräsentative Stichprobe deutscher Viertklässler Informationen aus den 2011er Wellen der TIMSS- und IGLU-Studien kombiniert. TIMSS ist eine Schulleistungsuntersuchung, die die Kompetenzen von Schülern in Mathematik und Naturwissenschaften testet, während sich IGLU dem Lesen widmet. Im Jahr 2011 sind die beiden Studien zum bislang einzigen Mal gemeinsam durchgeführt worden. Daher lassen sich für jeden Schüler Testergebnisse in drei verschiedenen Fächern beobachten. Dies bietet zusätzliche Variation für den within-student between-subjects-Ansatz, der die empirische Grundlage dieses Kapitels bildet. Die Ergebnisse von Modellen mit fixen Schülereffekten zeigen, dass engagierende Lehrmethoden nur für Schüler mit niedrigem sozio-ökonomischen Status positive Auswirkungen haben. Im Durchschnitt der drei Fächer wird geschätzt, dass ein um eine Standardabweichung höherer Wert auf einer Skala zur Verwendung engagierender Lehrmethoden die Testergebnisse um 4,6 Prozent einer Standardabweichung erhöht. In fächerspezifischen Analysen zeigt sich, dass der Effekt beim Lesen am größten ist. Mit Blick auf mögliche Handlungsempfehlungen an die Politik, ist darauf hinzuweisen, dass die positiven Effekte bei Schülern mit niedrigem sozio-ökonomischen Status nicht signifikant zu Lasten anderer Schüler gehen. Daher wird der Schluss gezogen, dass eine stärkere Nutzung engagierender Unterrichtsmethoden in der Grundschule – ähnlich wie ein längerer Kindergartenbesuch – ein wirksames Instrument zur Bekämpfung von Bildungsungleichheiten in Deutschland sein kann. Kapitel 4 befasst sich ebenfalls mit der Grundschulbildung und widmet sich der Schätzung von Klassengrößeneffekten. Die Klassengröße ist einer der wichtigsten Hebel in der Bildungspolitik, da Lehrergehälter in vielen Ländern einen Großteil der Bildungsausgaben ausmachen. Bislang gibt es in der Forschung allerdings keinen Konsens darüber, wie sich Klassengrößenreduzierungen oder -erhöhungen hinsichtlich des Lernerfolgs der Kinder auswirken. Insbesondere lassen sich in quasi-experimentellen Studien häufig nicht vergleichbar große Effekte nachweisen wie in experimentellen Studien. Kapitel 4 ist ein Versuch, diese Forschungsergebnisse in Einklang miteinander zu bringen. Die Studie zeigt, wie Klassenwiederholungen leistungsschwacher Schüler zu verzerrten Schätzungen von Klassengrößeneffekten führen, denen als Variation Schwankungen in der Jahrgangsgröße innerhalb von Schulen zugrunde liegen. Die Verzerrung wird durch einen negativen Zusammenhang zwischen der ursprünglichen Jahrgangsgröße und dem Anteil sitzengebliebener Schüler in demselben Jahrgang in höheren Klassenstufen hervorgerufen. Sie hat zur Folge, dass die typischerweise negativen Klassengrößeneffekte kleiner geschätzt werden als sie tatsächlich sind. Die Analyse belegt die Existenz eines derartigen Kompositionseffekts anhand von Verwaltungsdaten zu Einschulungszahlen aller Grundschulen im Saarland sowie in Sachsen. Ebenfalls lässt sich zeigen, dass die Verzerrung leicht korrigiert werden kann, indem Kontrollvariablen zu früheren Klassenwiederholungen in das Modell aufgenommen werden. Unter Anwendung dieser Korrektur werden in Kapitel 4 Klassengrößeneffekte auf Grundlage eines Datensatzes geschätzt, der Informationen zu vier kompletten Jahrgängen saarländischer Grundschüler beinhaltet, die am Ende der 3. Klasse an landesweiten Vergleichsarbeiten in Deutsch und Mathematik teilgenommen haben. Die Er-gebnisse zeigen, dass sich die Testergebnisse für jeden Schüler weniger in der Klasse um 1,9 beziehungsweise 1,4 Prozent einer Standardabweichung verbessern. Allerdings sind die geschätzten Effekte nicht linear. Während sich die Deutsch- und Mathe-Testergebnisse in größeren Klassen von mehr als 20,5 Schülern für jeden Schüler weniger um 4,8 beziehungsweise 3,8 Prozent einer Standardabweichung verbessern, wird in kleineren Klassen kein Effekt festgestellt. Erhebliche Heterogeneitäten zeigen sich auch in Bezug auf den persönlichen Hintergrund der Schüler. Wie in den anderen Kapiteln auch, profitieren benachteiligte Schüler (solche mit unzureichenden Deutschkenntnissen oder einer Lernbehinderung) überproportional. Schließlich gibt es auch Hinweise auf eine in kleinen Klassen verminderte Wahrscheinlichkeit von Klassenwiederholungen. Die Ergebnisse von Kapitel 4 liefern erstmals kausale Belege für signifikante Klassengrößeneffekte auf Schülerleistungen in Deutschland. Sie implizieren, dass Reduzierungen der Klassengröße, die darauf abzielen, den Lernfortschritt der Schüler zu erhöhen, auf größere Klassen ausgerichtet sein sollten. Umgekehrt legen sie aber auch Nahe, dass sich die Klassengröße in kleinen Klassen bis zu einem Schwellenwert von etwa 20,5 Schülern je Klasse ohne nachteilige Auswirkungen auf deren Leistungen erhöhen lässt. Die drei Forschungskapitel dieser Dissertation werden eingerahmt von den Kapiteln 1 und 5. Kapitel 1 führt in das Thema der kognitiven Fähigkeitsbildung ein und hebt die wichtigsten Beiträge dieser Dissertation hervor. Kapitel 5 schließt mit einer kritischen Diskussion zentraler Ergebnisse und sowie den daraus folgenden Politikimplikationen.
This dissertation examines cognitive skill returns to different features of education systems in three independent research articles. It concentrates on interventions in early childhood, which is the age when children's cognition is particularly malleable. Each of the three articles makes an independent contribution to the economics of education literature. Chapter 2 estimates the medium- and long-run effects of attending universal center-based child care. While short-run benefits of child care attendance especially for children from low socio-economic backgrounds are well-established in the literature, causal evidence on long-run outcomes is still patchy. The article fills a gap in the literature by focusing on a number of educational outcomes, most of which have not been causally studied before. These include secondary track choices, grade retentions, cognitive skill outcomes as well as aspirations towards further education. The study draws on information from the German Socio-Economic Panel (SOEP), a large representative household survey that provides annual information on children's child care careers as well as rich personal background data. For identification, it exploits an amendment to the German “Child and Youth Welfare Act” (Kinder- und Jugendhilfegesetz) in 1992. The reform established a legal right to a heavily subsidized half-day place in child care for all children from the age of 3 until the beginning of primary school. The reform was meant to especially improve the situation for 3-year-old children who had been hit hardest by the prevalent situation of undersupply at the time, as places were often assigned by age. Exploiting the fact that the expansion in child care supply was staggered across counties for arguably exogenous reasons, the causal effect of one additional year of child care attendance is estimated in an instrumental variables framework where the level of regional child care supply serves as the excluded instrument. The results indicate that German language grades in adolescence are positively influenced by longer child care attendance. The effect is particularly strong among weaker students as reflected by a sizably reduced likelihood of obtaining one of the three worst grades.There is also evidence for increased educational aspirations, again most notably at the lower margin where students decide between pursuing a vocational degree upon completion of high school or not pursuing any further degree. Taken together, the results corroborate previous evidence that child care attendance is most beneficial for disadvantaged children. This strengthens the case for public funding of child care centers as a means to tackle inequalities in child development. Chapter 3 focuses on the largely unanswered question what classroom actions by teachers are effective in conferring cognitive skills upon students. Specifically, the chapter assesses the effectiveness of primary school teachers' intentions to increase their students' engagement with the course content via different teaching practices. These practices include summarizing key messages, relating lessons to students' daily lives, use questioning, encouraging students, giving praise, and bringing interesting materials to class. The analysis is based on a unique dataset that combines information from the 2011 waves of the Trends in International Mathematics and Science Study (TIMSS) and the Progress in International Reading Literacy Study (PIRLS) for a representative sample of German fourth-graders. TIMSS is an achievement study that tests student competencies in mathematics and science, while PIRLS is dedicated to reading. The year 2011 marks the only occasion so far that the two studies have been sampled together. For this reason, test scores are observed in three different subjects for each student. This provides extra variation for the estimation of within-student between-subject models that form the empirical basis of this chapter. The main results indicate that engaging teaching practices have beneficial effects on students from low socio-economic backgrounds only. Averaged across subjects, it is estimated that a one-standard-deviation-increase on a composite scale measuring the use of potentially engaging teaching practices raises test scores by 4.6 percent of a standard deviation of the test score distribution. In subject-specific analyses based on correlated random effects models, the detected effect is largest in reading. With regard to policy implications, it is important to note that the benefits for children from low socio-economic backgrounds are not offset by significantly lower achievement among other students. Therefore, it is concluded that greater use of engaging teaching prac-tices in primary schools can – very much like longer child care attendance – serve as a vehicle to tackle inequalities in children's cognitive skill development. Chapter 4 is dedicated to the estimation of class size effects in primary school. Class size is one of the key policy levers in education, as teachers' salaries account for the bulk of educational expenditures in many countries. As of yet, however, there is no academic consensus about the effects that class size reductions or increases generally have. In particular, effect sizes are typically much larger in experimental studies than in quasi-experimental setups. Chapter 4 is an attempt to reconcile these research findings. The chapter shows how grade retentions of poorly performing students give rise to an upward bias in class size estimates that are based on within-school variation in cohort size over time. The bias, which depresses the typically negative class size effects toward zero, is produced by a negative mechanical relationship between initial cohort size and the share of previously retained students in the same cohort in higher grades. The existence of this compositional effect finds empirical support in administrative data on school enrollment for all primary schools in the German states of Saarland and Saxony. It is also shown that the resulting bias can be easily corrected by controlling for previous grade retentions. Performing this correction, class size effects are estimated in a dataset that covers four entire cohorts of students in Saarland who participated in state-wide centralized exams in language and mathematics at the end of grade 3. Instrumenting class size in grade 3 by predicted class size based on imputed cohort size, the results indicate that test scores are increased by around 1.9 and 1.4 percent of a standard deviation for each one-student decrease in class size. However, class size effects seem to be highly non-linear. Whereas language and math test scores are increased by 4.8 and 3.8 percent of a standard deviation in larger classes of more than 20.5 students for each student less, respectively, no effect is found in classes with fewer students. Significant heterogeneities are also observed with regard to student background. Again, disadvantaged students (those with insufficient German proficiency or a learning disability) benefit disproportionately strongly. Finally, evidence is found for a decreased likelihood of grade repetitions in smaller classes. The results of Chapter 4 provide first causal evidence of significant class size effects on test scores in Germany. They suggest that class size reductions to increase student achieve-ment should be targeted at larger classes. Conversely, class size in small classes may be increased up to a threshold of around 20.5 students per class with no adverse effects on achievement.The three research articles of this dissertation are framed by Chapters 1 and 5. Chapter 1 introduces the topic of cognitive skill formation and highlights the main contributions of this dissertation. Chapter 5 concludes by critically discussing the main findings and outlining policy implications.
Themen: Bildung