Diskussionspapiere extern
Bernhard Boockmann, Jascha Dräger, Philipp Kugler, Reinhard Pollak, Susanne Vögele
Berlin:
Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS),
2021,
(Begleitforschung zum Sechsten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung)
Vorhabenbeschreibung und Arbeitsziele: Die COVID-19-Pandemie beeinflusst in vielfältiger Weise die Bedingungen, unter denen Kinder und Jugendliche lernen und ihre Potenziale entwickeln. Aus einer Reihe von Gründen ist zu erwarten, dass die Chancen auf Bildung und sozialen Aufstieg insbesondere dort beeinträchtigt sind, wo die Voraussetzungen im Elternhaus oder im sozialen Umfeld eher ungünstig sind und wo Unterstützung bei der Bewältigung der pandemiebedingten Herausforderungen fehlt. Daher stellt sich die Frage, welche Konsequenzen die Pandemie für die soziale Mobilität haben wird. Die vorbereitende Studie „Aktuelle und vergangene Entwicklungen sozialer Mobilität im Lichte institutioneller und struktureller Rahmenbedingungen“ für den sechsten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung wird daher um drei Kapitel ergänzt, die die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die soziale Mobilität analysieren. Kapitel 2 enthält eine Analyse des Zusammenhangs zwischen dem häuslichen Lernumfeld und den Bildungsergebnissen der Kinder. Auf der Basis der Startkohorte 2 des Nationalen Bildungspanels (NEPS) werden Übergänge in die Sekundarschule als Bildungsergebnisse betrachtet. Vorhandene Ressourcen im Elternhaus sind zentrale Ausgangsbedingungen für den Bildungserwerb. Sie sind in der Zeit, in der die Schulen geschlossen bleiben, besonders wichtig, und zugleich spielen diese Faktoren bei den Mechanismen der sozialen Mobilität vermutlich eine große Rolle. Mit dem NEPS gibt es die Möglichkeit, die Bedeutung dieser Faktoren für die Vor-Pandemie-Zeit zu untersuchen. Wenn ein solcher Einfluss schon in dieser Zeit bestand, so ist davon auszugehen, dass er während der Pandemie nochmals stärker ist. Welche Folgen die Pandemie für die Leistungsentwicklung, für sozial bedingte Übergangschancen in die Sekundarstufe I, in Ausbildung und Studium sowie für das Erreichen von Bildungszielen generell haben wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht feststellbar, diese Entwicklungen liegen noch in der Zukunft. In Kapitel 3 werden neue Daten aus der BMAS / SOEP-IS-Befragung „Corona Folgen für die Bevölkerung“ genutzt, die im Spätsommer 2020 durchgeführt wurde. Diese Befragung fokussierte unter anderem auf die Lerngelegenheiten und die subjektiv wahrgenommenen Folgen der ersten Pandemie-Welle für Bildungschancen und soziale Mobilität. Um die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen und die soziale Mobilität abzuschätzen, lassen sich auch Erfahrungen aus der Vergangenheit heranziehen. Dies können frühere Pandemien (beispielsweise die sogenannte Spanische Grippe 1918 bis 1919) sein, aber auch andere einschneidenden Ereignisse in der Kindheit, die den Zugang zu Bildung beschränkten und die materielle Situation der Familien verschlechterten. Kapitel 4 bietet deshalb einen Literaturüberblick zu diesen Studien. Diversity Mainstreaming: Wo es möglich ist, werden die Ergebnisse nach dem Geschlecht und weiteren Dimensionen der Diversität differenziert. So zeigt sich beispielsweise eine erhöhte Betroffenheit von Kindern aus Elternhäusern mit Migrationshintergrund von der COVID-19-Pandemie. Ergebnisse: Die Ergebnisse zum Zusammenhang zwischen Lernumfeld und Bildungserwerb zeigen zum einen, dass sich das Lernumfeld vor allem bei Müttern mit hoher Bildung und einem hohen sozioökonomischen Status problematisch gestaltet – gemessen an der Unterstützung beim Lernen, der Zeit mit dem Kind und der Eltern-Kind-Kommunikation. Zum zweiten zeigen die Ergebnisse, dass die im NEPS abgebildeten Dimensionen des häuslichen Lernumfeldes keinen eindeutig interpretierbaren Einfluss auf die zukünftige Bildungslaufbahn oder die Kompetenzen der Kinder haben. Am ehesten besteht ein Zusammenhang zwischen der elterlichen Kontrolle (und damit dem Erziehungsstil) und den schulischen Kompetenzen. Insgesamt fällt auf, dass die Ergebnisse eher uneinheitlich sind. Dennoch kann die Studie Einblicke geben, welche Gruppen besonders von der COVID-19-Pandemie betroffen sind. Es ist davon auszugehen, dass vor allem Kinder von Müttern mit höherem sozialen Status von Betreuungsproblemen betroffen waren. Solche Mütter bringen im Vergleich zu Müttern mit geringerem sozialen Status schon unter normalen Voraussetzungen weniger Zeit auf, um ihre Kinder zu unterstützen. Im Hinblick auf Unterschiede im sozialen Status spielt vor allem ein wenig permissiver Erziehungsstil eine Rolle. Ein solcher Erziehungsstil ist vor allem mit Eltern aus höherem Status assoziiert. Das deutet darauf hin, dass im Rahmen von Home Schooling, wo klare Regeln erforderlich sind, ein permissiverer Erziehungsstil problematisch sein könnte. Die Analysen auf der Basis der BMAS / SOEP-IS-Befragung „Corona Folgen für die Bevölkerung“ zeigen zum einen, wie die Eltern von unter 16-jährigen Kindern die Schulschließungen im Frühjahr 2020 wahrgenommen haben und welche Erwartungen sie für die weiteren Bildungswege ihrer Kinder haben. Dabei wurde nach der sozialen Lage des Haushalts nach Groh-Samberg et al. (2020) differenziert. Nach den Ergebnissen haben Eltern in den Lagen „Armut“ oder „Prekarität“ mehr Probleme, ihre Kinder zum Lernen zu motivieren. Diese Eltern fühlten sich von den Schulen in der Zeit der Schulschließungen nicht ausreichend unterstützt, und sie befürchten, dass ihre Kinder im nächsten Schuljahr im Unterricht nicht mehr gut mitkommen werden. Zum anderen wurden die Befragten nach ihren Einschätzungen zu Aspekten sozialer Auf- und Abstiege gefragt. Insgesamt bewerten die Menschen die eigenen Pandemiefolgen negativ. Es gibt aber Unterschiede hinsichtlich es Ausmaßes dieser negativen Bewertungen. Menschen in „Armut“ oder „Prekarität“ sowie Menschen in der Lage „Untere Mitte“ sehen sich einem höheren Risiko für einen Arbeitsplatzverlust ausgesetzt, sie sehen weniger Chancen, dass ihre familiären und privaten Belange berücksichtigt werden, und sie sehen tendenziell weniger Weiterbildungsmöglichkeiten durch die Pandemie. Die Literaturanalyse in Kapitel 4 zeigt, dass einschneidende Ereignisse während der Kinder- und Jugendzeit häufig langfristige Effekte haben. Dazu ergibt die Literatur eine Vielzahl möglicher Wirkungsmechanismen. Besonders stark ist die Evidenz für langfristige Effekte auf Bildung und Gesundheit. Aber vielfach sind auch Effekte auf das Einkommen in ferneren Lebensphasen festzustellen. Aus einer Reihe von Gründen sind Kinder aus materiell und sozial weniger gut gestellten Haushalten von der COVID-19-Pandemie besonders negativ betroffen. Benachteiligungen betreffen insbesondere die materielle Situation des Elternhauses, aber auch die Lernumgebung, die psychische Gesundheit der Eltern und den Zugang zu Gesundheits- und Sozialleistungen. Fügt man diese beiden Schlussfolgerungen zusammen, so erscheint es wahrscheinlich, dass Kinder aus Elternhäusern mit niedrigem sozialem Status infolge der COVID-19-Pandemie nicht nur kurzfristig, sondern auch in Bezug auf künftige langfristige Ergebnisse benachteiligt sein werden. Insofern ist von einem Rückgang der sozialen Mobilität aufgrund der COVID-19-Pandemie auszugehen.
Themen: Gesundheit