Einstellungen zu Armut, Reichtum und Verteilung in sozialen Lagen in Deutschland

Diskussionspapiere extern

Jule Adriaans, Sandra Bohmann, Stefan Liebig, Maximilian Priem, David Richter

Berlin: Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS); DIW Econ, 2021,
(Lebenslagen in Deutschland : Armuts- und Reichtumsberichterstattung der Bundesregierung: Begleitforschung zum Sechsten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung)

Abstract

Zentrales Ziel des Forschungsberichts ist es, einen Einblick in die subjektive Wahrnehmung von Armut und Reichtum sowie der eigenen Lebenssituation der Bundesbürgerinnen und Bundesbürger zu ermöglichen. Weiterhin wird der Frage nachgegangen, ob sich diese Wahrnehmungen und Bewertungen zwischen sozialen Lagen in Deutschland unterscheiden. Dabei liegt der zentrale Fokus der Untersuchung auf dem Vergleich der lagetypischen Einstellungen nach multidimensionaler längsschnittlicher Lagentypologie nach Groh-Samberg (GS) und nach „klassischen“ horizontalen Lageindikatoren wie zum Beispiel Einkommen, Bildung und Erwerbsstatus. Auswertungsgrundlage ist eine Online-Befragung zur Wahrnehmung und Bewertung von Armut, Reichtum und Verteilung in Deutschland, die im Rahmen des Sechsten Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung (6. ARB) durchgeführt wurde. Dazu wurden 1.434 Befragte unter den Befragten der Längsschnitterhebung „SOEP Innovation Sample“ (SOEP-IS) rekrutiert und zwischen Oktober 2018 und März 2019 befragt (Liebig und Richter, unveröffentlicht). In den drei Themenblöcken (1) Wahrnehmung von Armut und Reichtum in Deutschland, (2) individuelle Lebenssituation und Einkommensgerechtigkeit sowie (3) Daseinsvorsorge und gesellschaftliche Teilhabe zeigen die Auswertungen dabei teilweise ein ambivalentes Meinungsbild in Deutschland. Während die gesellschaftliche Polarisierung – in Form zunehmender Anteile der Extreme „Armut“ und „Reichtum“ – in der Wahrnehmung der Befragten sehr viel größer ist, als dies objektive Kennzahlen nahelegen, geben dieselben Befragten gleichzeitig ein recht optimistisches Bild ihrer eigenen Lebenssituation wieder. So zeichnet die Bewertung der individuellen Lebensumstände zwar tendenziell die tatsächliche gesellschaftliche Position nach, in Bezug auf die eigene erfahrene und erwartete soziale Mobilität zeigen sich die Befragten jedoch eher optimistisch und erwarten eine positive Entwicklung ihrer sozialen Position. Diese - auf den ersten Blick überraschende - fehlende Deckung zwischen Wahrnehmung der gesamtgesellschaftlichen Situation und der eigenen Situation lässt sich jedoch vor dem Hintergrund sozial-und kognitionspsychologischer Mechanismen plausibilisieren. Während die öffentliche Diskussion und deren Leitnarrative sowie die stark emotionale Konnotation der Themen Armut, Reichtum und Ungleichheit zur Überschätzung dieser beigetragen haben mag, neigen Menschen gleichzeitig dazu, sich selbst positiver einzuschätzen. Nimmt man darüber hinaus in den Blick, wie sich Einstellungen und Wahrnehmungen zwischen den untersuchten sozialen Lagen unterscheiden, wird zunächst einmal deutlich, dass häufig nur kleinere Unterschiede zwischen den sozialen Lagen identifiziert werden. Dabei fallen diese Unterschiede häufig zwischen den „extremen“ Lagen Armut und Wohlhabenheit am deutlichsten aus. So können die häufig nur geringen Unterschiede jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass in den unteren sozialen Lagen eine subjektiv wahrgenommene Schlechterstellung in Bezug auf die Lebensbedingungen, den sozialen Status, die Gerechtigkeit des eigenen Einkommens und der Daseinsvorsorge vorliegt. Und trotz geteilter Vorstellung einer Armutsgrenze und eines breiten Konsenses, dass die niedrigen Erwerbseinkommen in Deutschland ungerechterweise zu niedrig sind, zeigen sich durchaus Unterschiede bei der Attribution von Armut und Reichtum: Personen in den unteren Lagen sehen Armut eher gesellschaftlich-strukturell bedingt, während Personen in den oberen Lagen verstärkt intrinsische Gründe für Armut identifizieren. Umgekehrt gilt: Personen in Reichtum sehen Reichtum eher intrinsisch begründet. Die Identifikation von Unterschieden zwischen sozialen Lagen greift dabei nicht nur auf die vertikalen GS-Lagen zurück, sondern nimmt auch querschnittliche Informationen wie Bildung, Alter und Einkommen in den Blick. Dabei gleichen sich die Einstellungsmuster nach GS-Lage und nach Einkommenslage sehr stark. Ein Mehrwert der datenintensiven GS-Lagen wird demnach anhand dieser Auswertung nicht deutlich.

Themen: Ungleichheit

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