Wachsender Pflegebedarf in Hamburg - Situation erwerbstätiger Pflegender und Herausforderungen für Hamburger Unternehmen

Diskussionspapiere extern

Christina Boll, Susanne Hensel-Börner, Malte Hoffmann, Nora Reich

Hamburg: Hamburgisches WeltWirtschaftsInstitut (HWWI), 2013,
(HWWI Policy Paper 78)

Abstract

Die Zahl der Pflegebedürftigen wird in Hamburg deutlich ansteigen. Von 47.000 Personen im Jahr 2009 wird ihre Zahl bis 2030 um rund 28 % auf dann rund 60.000 Personen wachsen. Die Zahl der ausschließlich von Angehörigen gepflegten Personen wird bei konstanten Versorgungsformen von 18.000 Personen im Jahre 2009 um 22 % auf 22.000 Personen im Jahr 2030 zunehmen. Damit wird die Angehörigenpflege auch in Zukunft eine tragende Rolle spielen. Sie deckt selbst bei Fortsetzung des Trends zur stationären Pflege im Jahr 2030 noch rund ein Drittel des gesamten Pflegebedarfs ab, in anderen Szenarien sind es bis zu 40 %. Da immer mehr Menschen immer länger erwerbstätig sein werden, gewinnt die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf für Hamburger Unternehmen und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zunehmend an Bedeutung. Die Ergebnisse einer bundesweiten Analyse von Mikrodaten zeichnen das folgende Profil pflegender Erwerbstätiger: Rund 6 % der Beschäftigten pflegen einen oder mehrere Angehörige. Sechs von zehn pflegenden Erwerbstätigen sind Frauen. Das Durchschnittsalter ist mit rund 48 Jahren höher als das der nichtpflegenden Erwerbstätigen. Personen aus Ostdeutschland sind unter den Pflegenden über-, Personen mit Migrationshintergrund unterrepräsentiert. Pflegende Erwerbstätige verfügen überdies über ein vergleichsweise hohes Bildungsniveau. Allerdings pflegen Akademiker/innen wöchentlich weniger Stunden als Personen niedrigerer Bildungsgruppen. Der wöchentliche Pflegeumfang sinkt ferner mit steigender Stellung im Beruf. Erwerbstätige Pflegende arbeiten vermehrt Teilzeit und sind häufig in den Sektoren Sonstige Dienstleistungen und Handel, selten hingegen im Transport- und Verkehrswesen beschäftigt. Wie eine aktuelle Umfrage unter Hamburger Unternehmen, die das Familiensiegel führen und damit eine geprüfte Sensibilität für Vereinbarkeitsfragen aufweisen, zeigt, genießt das Thema ‚Vereinbarkeit von Pflege und Beruf‘ erst eine überraschend geringe Aufmerksamkeit: 38 % der Unternehmen halten das Thema für „eher nicht relevant“. Hinzu kommt, dass in jenen Unternehmen, die bereits Vereinbarkeitsmaßnahmen anbieten, die Inanspruchnahme der Maßnahmen seitens der pflegenden Beschäftigten noch relativ gering ist. Hier besteht deutliches Steigerungspotenzial, das auf die Notwendigkeit einer besseren Kommunikation vorgehaltener Angebote in den Betrieben hinweist. Allerdings wäre ein passives Reagieren der Unternehmen auf geäußerte Bedürfnisse ihrer Belegschaft angesichts der demografischen Herausforderungen „zu kurz gesprungen“. Notwendig ist vielmehr, dass Unternehmen pro-aktiv eine umfassende Strategie zum Umgang mit dem Thema Pflege entwickeln. Zum Handlungsspektrum zählen Maßnahmen der Information und Kommunikation, der strukturellen Verankerung des Themas in Personalgewinnung, -einsatz und -entwicklung sowie der Kooperation von Betrieben mit lokalen Dienstleistern, Informationsstellen und Unterstützungsnetzwerken.

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