Eine Krise der sozialen Anerkennung? Ergebnisse einer Bevölkerungsbefragung zu Alltagserfahrungen der Wert- und Geringschätzung in Deutschland

Referierte Aufsätze Web of Science

Christian Schneickert, Jan Delhey, Leonie C. Steckermeier

In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie (KZfSS) 71 (2019), 4, 593–622

Abstract

Der vorliegende Beitrag präsentiert erstmalig Ergebnisse zum Ausmaß, der Verteilung und den Folgen individuell erlebter Wert- und Geringschätzung in Deutschland anhand von Daten aus der Innovationsstichprobe des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP-IS 2016). Zum einen adressieren wir damit einen grundlegenden Tatbestand des sozialen Lebens – persönliche Erfahrungen der Anerkennung und Abwertung im Alltag. Zum anderen schließen wir an aktuelle Gegenwartsanalysen und öffentliche Diskurse an, die von Abwertungserfahrungen und fehlender Anerkennung als Ursachen sozialer Probleme und Konflikte ausgehen. Dabei stehen drei sozialstrukturelle Differenzierungen im Fokus: (1) sozioökonomische Unterschiede zwischen sozialen Schichten einerseits sowie soziokulturelle Unterschiede zwischen (2) Ost- und Westdeutschen und (3) Menschen mit und ohne Migrationshintergrund andererseits. Empirisch zeigt sich, dass die Menschen in Deutschland insgesamt viel Wertschätzung erfahren, besonders in lebensweltlichen Kontexten wie der Familie. Die Arbeitswelt ist hingegen ein eher ambivalenter Erfahrungskontext, der von Wert- und Geringschätzung geprägt ist. Während wir große Schichtunterschiede (insbesondere nach Einkommen, Bildungsgrad und Erwerbsstatus) finden, lassen sich weder zwischen Ost- und Westdeutschen noch bezüglich eines Migrationshintergrundes wesentliche Unterschiede im Ausmaß berichteter Wert- und Geringschätzung feststellen. Positive wie negative Erfahrungen beeinflussen schließlich die persönliche Lebenszufriedenheit sowie die Zufriedenheit mit der Demokratie, können allerdings nur die geringeren Zufriedenheiten der unteren Schichten zu einem gewissen Teil erklären, nicht aber die der ostdeutschen Bevölkerung. Insgesamt zeigt der Beitrag, dass für die soziologische Analyse von Wert- und Geringschätzung die Perspektive vertikaler Ungleichheiten wichtiger ist als die der soziokulturellen Zugehörigkeiten.

The article at hand presents evidence on the extent, stratification and consequences of individual experiences of social appreciation and disrespect in Germany based on data from the Innovation Sample of the Socio-Economic Panel Study (SOEP-IS 2016). Conceptually, we draw on assumption from social theory and public discourse, claiming that prevailing disrespect is associated with social ills and societal conflicts. In this context, we focus on three social divisions, which are widely seen as most relevant for contemporary German society: the socioeconomic stratification of (1) social classes as well as sociocultural differences between (2) East and West Germany and (3) migrants and non-migrants. The empirical findings reveal that overall people in Germany experience high levels of appreciation, especially in private contexts such as the family. The workplace, on the other hand, turns out to be a relatively ambivalent context characterized by both appreciation and disrespect. While we find a clear class gap in how people feel rated by others (especially according to income, educational level and employment status), there are no significant differences between East and West Germans or between migrants and non-migrants. Finally, feelings of appreciation and disrespect strongly influence personal life satisfaction and satisfaction with democracy; however, these feelings only partly explain why lower social classes are less satisfied and not at all why East Germans are less satisfied. In conclusion, our findings strongly suggest that for a sociological understanding of social appreciation and disrespect in contemporary German society, issues of vertical inequality are much more important than sociocultural affiliations.



Keywords: Anerkennung, Abwertung, Wertschätzung, Geringschätzung, Ost-West-Vergleich, Soziale Ungleichheit, Lebenszufriedenheit, Demokratiezufriedenheit
Externer Link:
https://doi.org/10.1007/s11577-019-00640-8

DOI:
https://doi.org/10.1007/s11577-019-00640-8

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