Diskussionspapiere extern
Kerstin Tanis
Nürnberg:
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF),
2022,
(BAMF-Kurzanalyse 1|2022)
Die vorliegende Kurzanalyse liefert erste empirische Erkenntnisse zur Wohnhistorie von zwischen 2013 und einschließlich 2016 eingereisten Geflüchteten in Deutschland. Die Analysen zeigen übereinstimmend, dass ihre Wohnhistorie auch im Jahr 2019 noch stark von den gesetzlichen Beschränkungen zur Wohnmobilität determiniert wurden. Jedoch sind auch bereits erste Tendenzen erkennbar, die auf eine zunehmende Individualisierung der Umzugsgründe schließen lassen. Dies wird durch den Vergleich der ersten und aktuellen Unterkunft deutlich: So geben zunehmend mehr Personen an, umgezogen zu sein, weil sich Freunde oder Bekannte in der Nähe befinden oder weil die Lage praktisch ist. Die Mehrheit der Geflüchteten ist im Beobachtungszeitraum seit ihrer Einreise bis 2019 mindestens einmal umgezogen. Dies gilt insbesondere für Personen, die nicht 2016, sondern zwischen 2013 und 2016 eingereist sind und einen Schutzstatus innehaben. Viele Personen ziehen schnell nach der Ankunft um, andere verweilen länger als 18 Monate in der ersten Unterkunft. Umzüge finden derzeit (noch immer) vorwiegend aufgrund behördlicher Zuweisung statt. Bei Betrachtung der Umzugsdistanz wird deutlich, dass Geflüchtete häufig nicht nur die Unterkunft, sondern auch den Wohnort wechseln. Die Analyse der Übergänge von Gemeinschafts- in Privatunterkünfte zeigt, dass der Mehrheit der Personen mit Schutzstatus der Übergang bereits gelungen ist. Vor allem Personen, deren Asylantrag nach 2016 entschieden wurde und die eher jünger und kinderlos sind, scheinen mehr Zeit zu benötigen, um in eine private Unterkunft umzuziehen. Welche Konsequenzen die Wohnhistorien für den Integrationsprozess von Geflüchteten haben, gilt es künftig zu erforschen. Denkbar sind Studien, die den Zusammenhang der behördlich angeordneten Wohnungs-/Ortswechsel und der sozialen Integration untersuchen oder die den Einfluss einer längeren Verweildauer in Gemeinschaftsunterkünften auf das Deutschsprachniveau beleuchten. Da die Zuweisungsmobilität für diese Untersuchungsgruppe künftig zunehmend an Bedeutung verlieren wird, ist die weitere Erforschung von Wohnhistorien und Umzugsmustern von Geflüchteten zur Abschätzung künftiger regionaler Wanderungsströme und der Gestaltung gesetzlicher Regelungen ebenfalls essenziell.
Themen: Migration, Immobilien und Wohnen