Gesundheitliche Ungleichheit zum Lebensbeginn

Referierte Aufsätze Web of Science

Carolyn Stolberg, Sten Becker

In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie (KZfSS) 67 (2015), 2, 321-354

Abstract

Die Wahrscheinlichkeit einer Frühgeburt (weniger als 37 Schwangerschaftswochen) hängt von medizinischen und soziökonomischen Einflüssen ab. Welche Rolle letztere Faktoren spielen, ist in Deutschland bislang unzureichend erforscht. In der vorliegenden Studie wird der Frage nachgegangen, warum eine geringe formale Bildung mit einem höheren Frühgeburtsrisiko verknüpft ist. Unter Rückgriff auf Bourdieus Habituskonzept nehmen wir an, dass hinter diesem Ungleichheitsphänomen eine geringe ökonomische und soziale Kapitalausstattung sowie klassenspezifische Einstellungen und Gesundheitspraxen stehen. Multiple Regressionsanalysen auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP; Wellen 2003–2011) bestätigen erhöhte Frühgeburtsrisiken für die Gruppe formal gering gebildeter Frauen. Demgegenüber sind ökonomisches und soziales Kapital nur tendenziell mit zu kurzen Schwangerschaften assoziiert. Vergleichsweise stärkere Effekte lassen sich für das Risikoverhalten während der Schwangerschaft (Rauchen) und einer geringen Kontrollüberzeugung (Leben ist abhängig vom Glück) beobachten. Nach Kontrolle der zentralen Erklärungsfaktoren verliert der Zusammenhang zwischen Bildung und Frühgeburt an statistischer Bedeutsamkeit, lässt sich jedoch nicht vollständig aufklären.

The probability of preterm birth (< 37 gestational weeks) depends on medical and socioeconomic factors. Which role latter effects play, still remains insufficiently explored in Germany. The present study examines the question why a low level of formal education is associated with higher risks for preterm delivery. Applying Bourdieu’s concept of habitus we assume that a low endowment of economic and social capital as well as class specific attitudes and health behavior stand behind this inequality phenomenon. Multiple regression models based on Socio-Economic Panel Data (SOEP; waves 2003 to 2011) confirm a higher risk of preterm delivery among women with low education. By contrast, economic and social capital are only marginally associated with a too short gestation length. Comparatively stronger effects can be observed for risk behavior during pregnancy (smoking) as well as a low sense of perceived control (life depends on luck). After accounting for central explanatory factors the association between education and preterm birth statistically attenuates, though cannot be fully explained.



Keywords: Pierre Bourdieu, Kulturelles Kapital, Soziales Kapital, Ökonomisches Kapital, Lebensstil, Habitus, Gesundheitliche Ungleichheit, Frühgeburt, Schwangerschaft
DOI:
https://doi.org/10.1007/s11577-015-0306-9

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