Lohneinkommensentwicklung 2025: Wirkung der Produktivität auf die Lohnentwicklung

Diskussionspapiere extern

Andreas Sachs, Jakob Ambros, Jan Limbers, Stefan Moog, Heidrun Weinelt

Gütersloh: Bertelsmann Stiftung, 2020,
(Produktivität für Inklusives Wachstum 11)

Abstract

Die Produktivitätsentwicklung in Industrieländern und in Deutschland hat sich über die Zeit deutlich verlangsamt. Diese schwache Produktivitätsentwicklung verteilt sich allerdings nicht gleichmäßig auf Unternehmen und Branchen. Entsprechend profitieren Erwerbstätige unterschiedlich stark vom gesamtwirtschaftlichen Produktivitätswachstum. Um diese Differenzen zwischen Erwerbstätigen zu quantifizieren, werden in der Studie Lohneinkommensentwicklungen 2025 makroökonomische Prognosen mit einem detaillierten Mikrodatensatz und einem mikroökonomischen Steuer- und Transfermodell kombiniert. Im Fokus steht die Lohneinkommensentwicklung auf individueller Ebene für drei Szenarien zur Produktivitätsdynamik bis 2025. Die unterschiedlichen Produktivitätsdynamiken je Branche werden mit Fortschreibungen der mikroökonomischen Erwerbs- und Einkommenssituation auf Basis des sozio-oekonomischen Panels verknüpft. Daraus ergeben sich die Entwicklungen der Bruttostundenlöhne, Bruttoverdienste, Arbeitszeiten und des verfügbaren Einkommens des oder der Einzelnen. Für die Bestimmung des verfügbaren Einkommens wird die konkrete Zusammensetzung privater Haushalte berücksichtigt. Die hier dargestellten Ergebnisse basieren auf Daten und Modellen, die Auswirkungen der Corona-Pandemie nicht berücksichtigt haben. Mögliche Konsequenzen der Pandemie auf Branchen allgemein und auf die Ergebnisse dieser Studie werden ergänzend thematisiert. Bis 2025 wird sich die Lohneinkommensschere weiter öffnen, da nicht alle Erwerbstätigen gleichermaßen von gesamtwirtschaftlichen Produktivitätssteigerungen profitieren. Das deutsche Steuer- und Transfersystem vermag diese zunehmende Spreizung zwar zu verringern – beseitigt wird sie nicht. Die Bruttoverdienste der Erwerbstätigen werden von 2017 bis 2025 unter Annahme einer moderaten gesamtwirtschaftlichen Produktivitätsdynamik preisbereinigt im Durchschnitt um 3.300 Euro oder um gut 400 Euro pro Jahr zunehmen. Die Lohndynamik (+1,3 Prozent jährlich) entspricht damit ungefähr der gesamtwirtschaftlichen Produktivitätsdynamik (+1,4 Prozent jährlich). Zwischen den Branchen zeigen sich allerdings deutliche Unterschiede: Am stärksten nimmt der Bruttoverdienst absolut mit einem Plus von knapp 6.000 Euro (rund 750 Euro jährlich) im Kraftwagenbau und in der Chemischen Industrie zu, am schwächsten mit einem Plus von 1.400 Euro (knapp 200 Euro jährlich) in der Agrarwirtschaft. Am stärksten profitieren Paare mit und ohne Kinder von dieser Entwicklung. Alleinerziehende sowie Singles partizipieren dagegen weniger stark, da sie häufiger in Branchen mit einer schwächeren Produktivitätsdynamik tätig sind. Wird das um den Haushaltskontext bereinigte verfügbare Einkommen betrachtet wird, sind Singlehaushalte und Paare ohne Kinder die größten Profiteure. Alleinerziehende werden dagegen aus diesem Blickwinkel noch stärker abgehängt. Werden die Erwerbstätigen in Einkommensklassen unterteilt, zeigt sich, dass die Gutverdienenden stärker von der gesamtwirtschaftlichen Produktivitätsdynamik profitieren als Geringverdienende. Erwerbstätige im fünften Quintil können ihren Bruttoverdienst von 2017 bis 2025 um 7.300 Euro insgesamt oder um fast 1.000 Euro jährlich steigern, Erwerbstätige im ersten Quintil dagegen nur um 300 Euro oder knapp 40 Euro jährlich. Wird der Haushaltskontext berücksichtigt, verringern sich die Unterschiede zwischen den Einkommensquintilen etwas. Allerdings nehmen die Einkommen von Geringverdienenden sowohl absolut als auch prozentual deutlich am schwächsten zu oder preisbereinigt sogar ab. Da vor allem Frauen alleinerziehend sind, häufiger in Teilzeit und zudem oft in Branchen mit geringen Produktivitätszuwächsen wie im Gesundheitswesen arbeiten, liegt ihr Bruttoverdienst deutlich unter dem von Männern. Während Frauen ihren Bruttoverdienst zwischen 2017 und 2025 um jährlich 80 Euro steigern werden, nimmt der jährliche Bruttoverdienst der Männer um rund 500 Euro zu. Durch die Berücksichtigung des Haushaltskontexts verringern sich diese Unterschiede deutlich. Dennoch nimmt das verfügbare Einkommen von Männern mit 160 Euro jährlich stärker zu als das von Frauen (40 Euro jährlich). Szenarienrechnungen unter Annahme einer außergewöhnlich hohen gesamtwirtschaftlichen Produktivitätsdynamik zeigen, dass sich die Ergebnisse des Basisszenarios verstärken. Es profitieren vor allem männliche Erwerbstätige, die bereits überdurchschnittlich viel verdienen und in Paarhaushalten leben. Alleinerziehende Frauen mit einem geringen Einkommen stehen dagegen deutlich schlechter da.

Productivity growth in industrialized countries and in Germany has slowed down considerably over time. This weak productivity development is not evenly distributed among companies and sectors. As a result, employees benefit to varying degrees from overall economic productivity growth. To quantify these differences between employees, the study combines macroeconomic forecasts with a detailed microdata set and a microeconomic tax and transfer model. It focuses on the development of wage income on an individual level for three scenarios of productivity dynamics until 2025. The different productivity dynamics per sector are linked to extrapolations of the microeconomic employment and income situation based on the socio-economic panel. This results in the development of gross hourly wages, gross earnings, working hours and the disposable income of the individual(s). For the determination of the disposable income the concrete composition of private households is considered. The results presented here are based on data and models that did not take into account the effects of the Corona pandemic. Possible consequences of the pandemic on industries in general and on the results of this study are discussed additionally. By 2025, the wage income gap will widen further, as not all employees will benefit equally from macroeconomic productivity increases. Although the German tax and transfer system is able to reduce this widening gap, it will not eliminate it. Assuming moderate productivity growth in the economy as a whole, gross earnings will increase by an average of EUR 3,300 or a good EUR 400 per year between 2017 and 2025. Wage growth (+1.3 percent annually) thus roughly corresponds to the overall economic productivity growth (+1.4 percent annually). However, there are significant differences between the sectors: gross earnings are growing most strongly in absolute terms with a plus of just under 6,000 euros (around 750 euros per year) in the motor vehicle construction and chemical industries, and weakest with a plus of 1,400 euros (just under 200 euros per year) in the agricultural industry. Couples with and without children benefit most from this development. Single parents and singles, on the other hand, participate less strongly, since they are more often employed in industries with weaker productivity dynamics. If, on the other hand, the disposable income adjusted for the household context is considered, single households and couples without children are the biggest beneficiaries. Single parents, on the other hand, are even more severely left behind from this perspective. If the working population is divided into income quintiles, it becomes apparent that those who earn well benefit more from the overall economic productivity dynamic than those who earn less. Employees in the fifth quintile can increase their gross income by 7,300 euros in total or by almost 1,000 euros per year between 2017 and 2025, whereas employees in the first quintile can only increase their gross income by 300 euros or almost 40 euros per year. If the household context is taken into account, the differences between the income quintiles decrease somewhat. However, the incomes of low-income earners show the weakest increase both in absolute and percentage terms, or even decrease in price-adjusted terms. Since women in particular are single parents, work more often part-time and often in sectors with low productivity growth, such as health care, their gross earnings are significantly lower than those of men. While women will increase their gross earnings by EUR 80 per year between 2017 and 2025, men’s annual gross earnings will increase by around EUR 500. By taking the budgetary context into account, these differences are significantly reduced. Nevertheless, the disposable income of men (EUR 160 per year) will increase more than that of women (EUR 40 per year). Scenario calculations based on the assumption of an exceptionally high macroeconomic productivity dynamic show that the results of the basic scenario are reinforced. The main beneficiaries are male workers who already earn above-average income and live in couple households. In contrast, single women with a low income are in a much worse position.

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