Weitere referierte Aufsätze
Matthias Diermeier, Judith Niehues
In: Zeitschrift für Politikwissenschaft 32 (2022), 1, 163-188
Obwohl Arbeitslose und Menschen mit Migrationserfahrung signifikant häufiger von Armut bedroht sind als Ruheständler, erfährt eine wohlfahrtstaatliche Intervention für letztere Gruppe innerhalb der deutschen Bevölkerung wesentlich höheren Zuspruch. Der vorliegende Beitrag untersucht, inwiefern über die Medien kolportierte, narrative Erzählungen möglicherweise dazu beitragen, dass sich die Legitimität sozialstaatlicher Ansprüche und faktische Bedürftigkeit voneinander entkoppeln. Hierzu wird eine qualitative und quantitative Sentiment-Analyse der im Online-Portal der Bild-Zeitung vorliegenden Berichterstattung mit Ungleichheits- oder Armutsbezug durchgeführt. Während Berichte über die Situation von Älteren, Kranken und Arbeitslosen klar die verbreitete sozialstaatliche Wertehierarchie spiegeln und sich häufig einem Leistungsgerechtigkeitsnarrativ zuordnen lassen, zeichnen Artikel über Immigranten ein ambivalentes Bild. Dabei gilt zu beachten, dass Geflüchtete aufgrund ihres speziellen Migrationsgrunds und der damit verbundenen institutionellen Rahmung eine Sonderrolle in der Wertehierarchie einnehmen. Entsprechend werden Menschen mit Fluchthintergrund in einer Vielzahl von Artikeln als „ehrlich“ und „hochmotiviert“ dargestellt, wohingegen Zugewanderte aus Osteuropa in den wenigen Berichten, in denen sie auftauchen, konsistent als „Armutsmigranten“ abgewertet werden, die es lediglich aufgrund der Sozialleistungen nach Deutschland zieht. Die Ungerechtigkeit von Altersarmut wird stark emotional nachgezeichnet; Arbeitslose werden hingegen als „Sozialschmarotzer“ oder „Hartz-IV-Betrüger“ portraitiert. Mit Ausnahme der Berichte über Geflüchtete, haben dominierende Darstellungen in der Berichterstattung der Bild-Zeitung damit das Potenzial, die Solidarität der Gesellschaft mit den sozio-ökonomisch bedürftigsten Gruppen weiter zu unterminieren und leisten einer Wertehierarchie Vorschub, die insbesondere unter Anhängern der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD) verfängt.
Although the unemployed and immigrants rather run the risk of poverty than retirees, welfare state interventions for the latter group is much more popular among the German population. This paper examines the extent to which narratives, disseminated through the media, contribute to the decoupling of the legitimacy of welfare state entitlements and actual need. For this purpose, a qualitative and quantitative sentiment analysis of the coverage of inequality and poverty in the online portal of the Bild-Zeitung is conducted. While reports on the elderly, the sick and the unemployed largely reflect the widespread welfare deservingness hierarchy and entail a strong merit-based justice narrative, articles with reference to immigrants reveal a more ambivalent picture. It needs to be noted that refugees constitute an exception to the deservingness hierarchy due to their particular characteristics as well as the institutional setting. Accordingly, people with a refugee background are portrayed as “honest” and “highly motivated”, immigrants from Eastern Europe are defamed as “poverty migrants” who are only drawn to Germany for the sake of social benefits. The injustice of old-age poverty is portrayed particularly emotionally, while the unemployed are depicted as “welfare parasites” or “Hartz IV cheaters”. Except the reports on refugees, the Bild’s coverage thus has the potential to further undermine society’s solidarity with the socio-economically neediest groups and to promote a hierarchy of values that resonates especially among supporters of the right-wing populist Alternative for Germany (AfD).
Themen: Verteilung, Ungleichheit, Migration, Arbeit und Beschäftigung
Keywords: Wohlfahrtsstaat; Migration; Arbeitslosigkeit; Altersarmut; Medienanalyse
Externer Link:
https://link.springer.com/content/pdf/10.1007/s41358-021-00281-4.pdf
DOI:
https://doi.org/10.1007/s41358-021-00281-4