Externe Monographien
Björn Fischer
2022,
Diese Dissertation untersucht den Zusammenhang zwischen der Pflege älterer Personen durch Angehörige und Freunde und dem Rentensystem. Die Arbeit besteht aus vier Kapiteln, in denen jeweils Mikroökonometrische Methoden auf Umfragedatensätze angewandt werden. Die ersten drei Kapitel nutzen Quasi-experimentelle Verfahren, um wichtige Parameter im Zusammenhang zwischen Altenpflege durch Angehörige und Freunde und dem Renten- und Arbeitsverhalten zu schätzen. Im vierten Kapitel wird ein dynamisches Strukturelles Modell gebaut und geschätzt um die Auswirkungen zukünftiger Reformen der Pflege-, und Rentenpolitik zu simulieren. Das erste Kapitel analysiert den Einfluss eines Rückgangs im Arbeitsangebot von Frauen aufgrund der Verrentung auf ihr Angebot von Pflege für Angehörige und Freunde. Wir nutzen Daten des Socio-Ökonomischen Panels (SOEP) aus den Jahren 2001-2016 und adressieren das zugrunde liegende Endogenitäts-Problem mithilfe eines Instrumenten Verfahrens. Wir nutzen Frühverrentungsaltersgrenzen für Frauen im deutschen Rentensystem als Instrumente für Verrentungsentscheidungen. Wir finden signifikante positive Effekte auf die Pflege für Angehörige und Freunde durch Frauen, die aus einem Anstellungsverhältnis in Rente gehen. Die Effekte zeigen sich in der Aufnahme von Pflegeaktivitäten für Angehörige sowie in den Pflegestunden und sind robust in mehreren Tests. Frauen, die aus Vollzeitbeschäftigung in Rente gehen, hoch gebildete Frauen und Frauen, die in ihrem eigenen Haushalt Pflege leisten reagieren stärker. Die Ergebnisse sind konsistent mit früheren Befunden und dem zugrunde liegenden Mechanismus. Sie zeigen einen Zeitkonflikt zwischen Arbeitsangebot und dem Angebot von Pflege für Angehörige auf, der vor der Verrentung existiert. Die Ergebnisse haben weitreichende Implikationen, wenn man die Alterung der Gesellschaft bedenkt. Diskutierte Reformen des Rentensystems, die auf eine Verlängerung der Erwerbsbiographien abzielen, drohen die Pflege für Angehörige durch Frauen zu reduzieren und den Nachtfrageüberhang nach Pflege zu verschärfen. Das zweite Kapitel untersucht den Effekt einer effektiven Erhöhung des Frühverrentungsalters für Frauen in Deutschland auf deren Pflege für Angehörige und Freunde. Dadurch wird untersucht, ob ein Zeitkonflikt zwischen der Pflege Angehöriger und Freunde und dem Arbeitsangebot besteht, bevor Frauen in Rente gehen können. Die Rentenreform von 1999 in Deutschland schaffte das Frühverrentungsalter für Frauen zum Alter 60 für nach 1952 geborene Frauen ab. Daher sorgt diese Reform für quasi-experimentelle exogene Variation im Verrentungsverhalten. Zuerst schätze ich den Effekt der Reform auf die Pflege Angehöriger unter Nutzung eines Regressions-Discontinuitätsverfahrens. Daraufhin wird die Reform als Instrument für Verrentung genutzt um einen Elastizitätsparameter zwischen der Pflege Angehöriger und Verrentung zu schätzen. Ich nutze dafür die Daten des SOEP und finde, dass Frauen, die von der Reform betroffen sind ihre nicht-intensive Pflege für Angehörige im Gegensatz zu früher geborenen Frauen reduzieren. Darüber hinaus bestärken meine Ergebnisse die Hypothese, dass die Verrentung die Pflegetätigkeit für Angehörige erhöht. In einer Heterogenitätsanalyse zeige ich, dass am Arbeitsmarkt aktivere Frauen stärker in ihrer Pflegetätigkeit auf die Reform reagieren. Im dritten Kapitel schätzen wir den Effekt der unfreiwilligen Arbeitslosigkeit auf die Pflege Angehöriger. Zur Identifikation nutzen wir Betriebsschließungen als Quelle exogener Variation und wenden eine Kombination aus einem Difference-in-Difference Schätzer mit einem Matching Verfahren an. Die Analyse basiert auf Daten des SOEP. Wir finden, dass es einen Zeitkonflikt zwischen dem Arbeitsangebot und der Pflege Angehöriger gibt. Die ungewollte Arbeitslosigkeit erhöht die Wahrscheinlichkeit, einen Angehörigen zu pflegen um 2.9 Prozentpunkte. Die täglichen Stunden, die für die Pflege Angehöriger aufgewendet werden steigen um knapp 0.05 Stunden pro Werktag. In der Heterogenitätsanalyse zeigen wir, dass sowohl Männer als auch Frauen signifikant auf die plötzliche Arbeitslosigkeit mit einem Anstieg der Pflege Angehöriger reagieren. Größte Effekte finden wir für Frauen mit niedriger Bildung. Im vierten Kapitel entwickeln wir ein umfassendes Lebens-Zyklus Model der Entscheidung zur Pflege der Eltern sowie der Arbeitsentscheidung, um Möglichkeiten zu bewerten, die dringlichen Konflikte zwischen den Zielen der Renten-, und Pflegepolitik anzugehen. Viele Länder in der OECD reagieren auf Herausforderungen des demografischen Wandels, indem sie die Pflege durch Angehörige bevorzugt unterstützen und die Regelaltersgrenzen erhöhen. Das intensiviert Konflikte zwischen Arbeit und der Pflege Angehöriger. Wir erweitern die bestehende Literatur, indem wir die Pflege durch Angehörige sowie Pflege durch professionelle Pflegekräfte in einem Modell vereinen. Damit verweisen wir auf die Einflüsse institutioneller Anreize auf den Pflegemix. Wir kombinieren exogene mit endogenen Prozessen und erweitern frühere Modelle außerdem, indem wir wichtige Informationen über potenziell zu pflegenden Eltern in das Modell einbauen. Damit können wir die Nachfrage nach Pflege durch die Eltern besser modellieren. Wir validieren das Modell, indem wir die Simulationsergebnisse mit den Quasi-experimentellen Ergebnissen aus der Literatur vergleichen. Die Simulationen von Politikmaßnahmen zeigen einen Rückgang in der Pflege durch Angehörige auf, wenn die Regelaltersgrenzen erhöht werden. Obwohl die Pflege durch Angehörige und die Pflege durch professionelle Pflegekräfte im Modell keine perfekten Substitute sind, steigt als Konsequenz die Nachfrage nach professioneller Pflege. Wir zeigen auch, dass Frauen, die möglicherweise in Zukunft ihre Eltern pflegen müssen stärker von der Erhöhung der Regelaltersgrenzen betroffen sind. Das zeigt sich besonders in einer Wohlfahrtsanalyse. Weiter zeigen die Simulationen, dass eine Erhöhung der Rentenpunkte, die durch die Pflege Angehöriger gesammelt werden können die negativen Auswirkungen der Maßnahmen der Rentenpolitik auf das Angebot von Pflege durch Angehörige und den Pflegemix auffangen kann. Diese Maßnahme kann auch die höheren Verluste an Wohlfahrt für Frauen, die in Zukunft möglicherweise ihre Eltern pflegen müssen reduzieren. Die Reibungen am Arbeitsmarkt beeinflussen die Entscheidung, Pflege für die eigenen Eltern zu leisten. Unsere Simulationen zeigen, dass Politikmaßnahmen, die diese Reibungen verringern genauso positive Effekte auf die Pflege, den Pflegemix und die entstehende Ungleichheit haben. Jedoch erhöhen diese Maßnahmen teils die Arbeitslosigkeit.
This dissertation studies the relationship of informal elder care and the pension system. The thesis consists of four chapters that apply several micro-econometric methods to survey data sets. The first three chapters use quasi-experimental settings to access important margins in the relationship between informal care giving and retirement and labor market behavior. The fourth chapter builds and estimates a dynamic structural model to simulate effects of future reforms to pension and long-term care policy. The first chapter analyzes the impact of a reduction in women's labor supply through retirement on their informal care provision. Using data from the German Socio-oeconomic Panel (SOEP) from the years 2001- 2016 the analysis addresses fundamental endogeneity problems by applying a fuzzy regression discontinuity design. We exploit early retirement thresholds for women in the German pension system as instruments for their retirement decision. We find significant positive effects on informal care provided by women retiring from employment at the intensive and extensive margin that are robust to various sensitivity checks. Women retiring from full-time employment, highly educated women and women providing care within the household react slightly stronger. Findings are consistent with previous evidence and underlying behavioral mechanisms. They point to a time-conflict between labor supply and informal care before retirement. Policy implications are far-reaching in light of population aging. Prevalent pension reforms that aim to increase life-cycle labor supply threaten to reduce informal care provision by women and to aggravate the existing excess demand for informal care. The second chapter examines the effect of an increase in the early retirement age (ERA) for German women on their informal care activity, assessing whether a time conflict between informal care activities and labor supply exist before retirement benefits can be collected. The 1999 pension reform abolished the ERA at age 60 for women born from 1952 onward and therefore supplies quasi-experimental exogenous variation in retirement behavior. I first estimate reform effects on informal care supply applying a regression discontinuity design. Then the reform is used as an instrument for retirement to estimate an elasticity parameter. I apply SOEP data and find that affected women decrease their non-intensive care activity due to the reform and further, my results support the notion that retirement indeed has a causal impact on informal care provision. In a heterogeneity analysis I show that the group of women that is more attached to the labor market reacts more strongly. In the third chapter we estimate the effect of unemployment on informal care provision. For the identification we use plant closures as a source of exogenous variation and apply a difference-in-differences matching estimation procedure. The analysis is based on data from the German Socio-Economic Panel (SOEP). We find that there is a time conflict between employment and informal care provision. Unemployment increases the probability of providing care by 2.9 percentage points while the daily hours of care provision rise by around 0.05 hours per week-day. In the heterogeneity analysis we show that both men and women react with significant increases in care provision and we find the largest effects for women with low education. In the fourth chapter we develop a comprehensive life-cycle model of elder parent care and work to evaluate options that address pressing conflicts between pension and long-term care (LTC) policies. Many OECD countries react to challenges of demographic change by increasing LTC by family members (informal care) and raising retirement ages. This intensifies conflicts between paid employment and informal care provision. We extend the previous literature, integrating formal and informal care options to point to impacts of institutionalized incentives on the care-mix. We combine endogenous with exogenous processes and improve on earlier models by incorporating important information on parents to model care-demand. We validate the model using a quasi-experimental setting in Germany. Policy simulations show a decrease in informal care supply as retirement ages are increased. Even though formal and informal care are no perfect substitutes in the model, the demand for formal care increases as a consequence. Further, women with potential care-demand suffer higher reductions welfare. Policy simulations suggest that pension points collected in times of informal care supply reduce detrimental effects of changes to pension rules on informal care supply and the care-mix. These policies can also reduce losses in welfare for women with potential care-demand. Labor market frictions matter in the uptake of informal care. Our simulations show that removing these have similar positive effects on the care system while reducing labor supply.
Themen: Rente und Vorsorge, Gender, Familie, Arbeit und Beschäftigung