IW-Verteilungsreport 2021: Wohlstand für alle? Inklusives Einkommenswachstum vor Corona

Diskussionspapiere extern

Maximilian Stockhausen, Kai Maiworm

Köln: Institut der deutschen Wirtschaft (IW), 2021,
(IW-Report 36/2021)

Abstract

Im Lichte der Bundestagswahl widmet sich der IW-Verteilungsreport 2021 der Frage, ob die besonders in Wahlkampfzeiten oft bemühte Behauptung einer sich weiter öffnenden Einkommensschere zwischen Arm und Reich der Faktenlage standhält. Dazu wird neben der Entwicklung der Primärverteilung insbesondere die Entwicklung der jährlichen Arbeitseinkommen seit der Wiedervereinigung betrachtet. Als Wohlstandsmaß allein sind die Arbeitseinkommen jedoch nur eingeschränkt geeignet, da die verfügbaren Einkommen nicht nur von der Haushaltsgröße und -struktur abhängen, sondern auch von den zu zahlenden Steuern und Abgaben, den empfangenen Transferleistungen sowie anderen Einkünften. Daher werden neben den Arbeitseinkommen auch die Markteinkommen und die Nettoeinkommen der Haushalte ausführlich betrachtet. Die wesentlichen Ergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen: Die Jahre vor Ausbruch der Corona-Pandemie erweisen sich im Rückblick als eine Periode inklusiven Wachstums, in der ähnlich hohe Einkommenswachstumsraten entlang der gesamten Einkommensverteilung beobachtet werden können. Insbesondere nach 2015 ist der Wohlstand breiter Bevölkerungsteile stark gewachsen. Insgesamt erweist sich die relative Verteilung der Einkommen in Deutschland bereits seit 2005 auf unterschiedlichsten Ebenen als bemerkenswert stabil und variiert phasenweise nur leicht. Für den Zeitraum von 2005/06 bis 2016 zeigen Begleitstudien von Kleimann et al. (2020) im Rahmen des 6. Armuts- und Reichtumsbericht auf, dass die positive Beschäftigungsentwicklung isoliert betrachtet zu einer Verringerung der Ungleichheit in den verfügbaren Haushaltseinkommen geführt hätte. Andere Faktoren haben diesem Effekt jedoch entgegengewirkt, beispielsweise die erhöhte Migration nach 2010, sodass die relative Einkommensungleichheit gemessen am Gini-Koeffizienten trotz der positiven gesamtwirtschaftlichen Situation insgesamt nahezu unverändert blieb. Von einer sich stetig vergrößernden relativen Einkommensungleichheit kann jedoch nicht gesprochen werden, auch wenn das Niveau der Ungleichheit heute höher liegt als in 1990er Jahren. Auch die Niedrigeinkommensquote (relative Armutsgefährdungsquote) und die relative Einkommensarmutsquote verharren seit 2015 auf einem nahezu unveränderten Niveau von 16 Prozent beziehungsweise 10 Prozent. Der Anstieg gegenüber den Jahren zuvor ist dabei auf unterschiedlichste Faktoren zurückzuführen, beispielsweise auf die erhöhte Migration nach 2010. Diese führte nicht nur zu einem nachweislichen Anstieg der Zahl der Mindestsicherungsempfänger, sondern auch zu einem Anstieg der Niedrigeinkommensquote sowie der Einkommensarmutsquote. Im Gegensatz dazu sank im selben Zeitraum die Zahl der Mindestsicherungsempfänger ohne Migrationshintergrund, wenngleich die absolute Zahl der Mindestsicherungsempfänger im Alter und bei Erwerbsminderung zunahm (die Empfängerquote liegt jedoch seit Jahren um rund 3 Prozent). Jedoch zeigen sich auch bei den neu Hinzugezogenen nach 2015 Erfolge bei der Integration in Gesellschaft und Arbeitsmarkt, was sich in einem Rückgang der Gesamtzahl der Mindestsicherungsempfänger ausdrückt. Die relative Einkommensreichtumsquote ist seit 2005 ebenfalls nahezu unverändert und verharrt auf einem Niveau von rund 8 Prozent. Aber auch hier ist ein leicht höheres Niveau gegenüber den 1990er Jahren zu verzeichnen, was insbesondere durch die wirtschaftlich schwierigen Jahre zwischen 1999 und 2005 mit relativ hoher Arbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung und einem hohen Anteil unfreiwilliger Teilzeit verbunden war. Die Arbeitseinkommen stellen noch immer die weitaus wichtigste Einkommensquelle der Haushalte dar und sind zwischen 1991 und 2018 inflationsbereinigt im Durchschnitt um 12 Prozent gewachsen – nominal waren es 76 Prozent. Allein zwischen 2015 und 2018 stiegen die realen Arbeitseinkommen um über 5 Prozent. In dieser Periode ist nach längerem Stillstand ebenfalls wieder eine leichte Konvergenz der durchschnittlichen realen Arbeitseinkommen zwischen Ost- und Westdeutschland zu beobachten gewesen. 2018 lag das Niveau bei 81,0 Prozent, während es 1991 noch bei 61,3 Prozent lag und 2015 bei rund 77,5 Prozent. Für die Entwicklung der durchschnittlichen Höhe der Arbeitseinkommen zeigt sich insbesondere die erhöhte Teilzeiterwerbsquote als Treiber größerer Veränderungen. Der stetig gestiegene Anteil von Teilzeitbeschäftigung hat sich insbesondere in den 2000er Jahren als ein wesentlicher Einflussfaktor für die im Durchschnitt rückläufigen Arbeitseinkommen im unteren Einkommensbereich erwiesen. Teilzeitbeschäftigung wird dabei häufig in durchschnittlich geringer entlohnten Dienstleistungsbranchen wie dem Gastgewerbe oder der Gastronomie ausgeübt. Große Unterschiede im Arbeitseinkommen bestehen ebenfalls nach Bildungsniveau, wobei der Anteil von niedrig Qualifizierten an allen Beschäftigten im Rahmen der Bildungsexpansion der vergangenen Jahrzehnte insgesamt abgenommen hat. Dennoch haben sich die durchschnittlichen Arbeitseinkommen für Personen mit niedrigem Qualifikationsgrad eher unterdurchschnittlich entwickelt und sind in einigen Phasen sogar inflationsbereinigt zurückgegangen. Gleichzeitig zeigt sich über den gesamten Zeitraum seit der Wiedervereinigung ein stetig gesunkener Anteil der Haushalte mit positiven Zins- und Kapitaleinkommen. Während die durchschnittliche Einkommenshöhe aus Zinsen und Dividenden gesunken ist, kann ein stetiger Anstieg des Anteils der Haushalte mit positiven Einkommen aus Vermietung und Verpachtung beobachtet werden. Allerdings liegt dieser Anteil auch 2018 nur bei rund 12 Prozent der Bevölkerung, während rund 74 Prozent der Haushalte positive Zins- und Dividendeneinkünfte erzielten. 1991 waren es noch 87 Prozent. Die Jahre vor Ausbruch der Corona-Pandemie erweisen sich insgesamt als eine Periode starken Einkommenswachstums für nahezu alle betrachteten Bevölkerungs- und Einkommensgruppen. Sie können dementsprechend als Phase inklusiven Wachstums bezeichnet werden. Eine Herausforderung für die Zukunft besteht neben der Bewältigung der Corona-Pandemie und dem ökologischen Umbau der deutschen Wirtschaft darin, sowohl niedrig Qualifizierte am Wohlstandswachstum (weiter) teilhaben zu lassen als auch in der Vermeidung von zukünftiger Altersarmut.

In light of the German federal elections, the IW-Verteilungsreport 2021 examines whether the claim of a widening income gap between rich and poor, which is often made during election campaigns, stands up to the facts. In addition to the development of the primary distribution, the report looks in particular at the development of annual labour income since reunification. However, labour income is a necessary but not a sufficient measure of prosperity, since disposable income depends not only on household size and structure, but also on taxes, social security contributions, transfers, and other income. Therefore, in addition to labour income, market income and net household income are also considered. The main results can be summarized as follows: In retrospect, the years before the outbreak of the Corona pandemic prove to be a period of inclusive growth, in which similarly high income growth rates can be observed along the entire income distribution. In particular, after 2015, the wealth of broad segments of the population grew strongly. Overall, the relative distribution of incomes in Germany has already proved remarkably stable at a wide range of levels since 2005, varying only slightly in phases. For the period from 2005/06 to 2016, accompanying studies by Kleimann et al. (2020) in the context of the 6th Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung show that the positive employment trend alone would have led to a reduction in inequality in disposable household incomes. However, other factors counteracted this effect, such as increased migration after 2010, so that relative income inequality as measured by the Gini coefficient remained almost unchanged overall despite the positive macroeconomic situation. In this regard, it is not possible to speak of steadily increasing relative income inequality, even if the level of inequality is higher today than in the 1990s. The low-income rate (also known as the at-risk-of-poverty rate) and the relative income poverty rate have also remained at virtually unchanged levels of 16 percent and 10 percent, respectively, since 2015. The increase compared with previous years is attributable to a wide variety of factors, such as increased migration after 2010, which not only led to a significant rise in the number of basic security benefits recipients, but also to an increase in the low-income rate and the income poverty rate. In contrast, the number of basic security benefits recipients without a migration background declined during the same period, although the absolute number of basic security benefits recipients in old age and in cases of reduced earning capacity increased (however, the recipient rate has been around 3 percent for years). However, success in integrating into society and the labour market is also evident among refugees after 2015, which is reflected in a decline in the total number of basic security benefits recipients.The share of people with very high incomes has also remained virtually unchanged since 2005, persisting at a level of around 8 percent. But here, too, there is a slightly higher level compared with the 1990s, due in particular to the difficult economic years between 1999 and 2005, with relatively high unemployment, underemployment and a high share of involuntary part-time work. Labour income is still by far the most important source of household income and, adjusted for inflation, grew by an average of 12 percent between 1991 and 2018 - 76 percent in nominal terms. Between 2015 and 2018 alone, real labour income grew by more than 5 percent. This period has also seen a slight convergence of average real labour incomes between East and West Germany again after a prolonged standstill. In 2018, the level was 81.0 percent, compared with 61.3 percent in 1991 and around 77.5 percent in 2015. For the development of the average level of labour income, the increased part-time employment rate is shown to be an important driver. The steady rise in the share of part-time employment has proved to be a major factor influencing the average decline in labour income at the lower end of the income scale, especially in the 2000s. Part-time employment is often found in lower-paid service industries such as hotels and restaurants. There are also large differences in labour income by educational level, with the share of low-skilled workers in all employees having declined overall as part of the educational expansion of recent decades. Nonetheless, average labour incomes for low-skilled individuals have tended to underperform and, in some periods, have even declined after adjusting for inflation. At the same time, a steady decline in the share of households with positive interest and capital income can be observed over the entire period since reunification. While the average level of income from interest and dividends has fallen, a steady increase in the share of households with positive income from renting and leasing can be observed. However, this share is still only around 12 percent of the population in 2018, while around 74 percent of households had positive interest and dividend income. In 1991, the figure was 87 percent. All In all, the years prior to the outbreak of the Corona pandemic turn out to be a period of strong income growth for almost all population and income groups considered, especially after 2015. Accordingly, it can be described as a phase of inclusive growth. In addition to coping with the Corona pandemic and the ecological transformation of the German economy, one challenge for the future is to allow the low-skilled to (continue to) participate in the growth in prosperity and to avoid poverty in old age in the future.

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