Das Jahr 2025 war im DIW Berlin ein besonderes. In diesem Jahr ist das Institut 100 Jahre alt geworden. In dieser – unserer letzten von 100 Geschichten – schauen wir zurück auf das Jubiläumsjahr und darauf, was die Mitarbeitenden des DIW Berlins als ihr Highlight des Jahres in Erinnerung behalten werden.
Das Jahr 2025 war auch das Jahr, in dem das Projekt zum Bedingungslosen Grundeinkommen seinen Abschluss feierte. Mehr als drei Jahre lang hatten Forschende und Kommunikator*innen des DIW Berlins mit anderen beteiligten Institutionen, der Verein Mein Grundeinkommen und verschiedene Medien 120 Grundeinkommensbeziehende begleitet und sich ein Bild davon gemacht, was bedingungslose Geldzahlungen im Leben der Menschen verändern. Herausgekommen ist von wissenschaftlicher Seite unter anderem ein DIW Wochenbericht und von Seiten der Medien eine sechsteilige ARD-Serie. Claudia Cohnen-Beck, die das Projekt aus der Pressestelle und der Wochenberichts-Redaktion begleitete, berichtet: „Den Abschluss des Projekts haben wir auf Einladung des Vereins Mein Grundeinkommen im April 2025 alle zusammen gefeiert – mit Pressekonferenz, Filmvorführung und Tanzparty bis tief in die Nacht.“ Die Geschichte des BGE am DIW Berlin hat Anna Lotta Noisten für die 100 Geschichten aus 100 Jahren DIW Berlin aufgeschrieben.
Niemand geringeres als Claudia Goldin, Wirtschaftsnobelpreisträgerin, war im Jubiläumsjahr zu Gast am DIW Berlin. Sie hielt einen Vortrag über sinkende Geburtenraten weltweit und nahm an einer Podiumsdiskussion teil.
Nobelpreisträger Claudia Goldin war am 6.11.2025 zu Gast im DIW Berlin.
© DIW Berlin/Phototek
Clara Schäper, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Arbeitsgruppe Gender Economics am DIW Berlin, konnte Claudia Goldin schon während ihres Forschungsaufenthalts in Harvard kennenlernen. Schäper nannte Goldins Besuch am DIW Berlin „das Highlight des vergangenen Jahres – und ganz bestimmt eines der Highlights meiner gesamten akademischen Laufbahn und meiner Promotion hier am DIW“. Im Anschluss an die Podiumsdiskussion sprach Goldin noch mit Forscherinnen aus der Gender Economics-Arbeitsgruppe. „90 Minuten lang mit ihr über unsere gemeinsame Forschung in der Gruppe zu sprechen, war etwas ganz Besonderes“, erinnert sich Schäper. „Ohne sie als Role Model und ohne ihre Forschung als Inspiration für unsere Arbeit wäre ich vermutlich nicht dort, wo ich heute stehe“, sagt sie. Goldin habe sich viel Zeit genommen und die Forscherinnen in den breit gefächerten Forschungsthemen bestärkt – von Genderunterschieden in Führungspositionen über Mediendarstellungen von Führungskräften und firmeninterne Kommunikation bis hin zu häuslicher Gewalt und Erwerbsminderungsrente. „Einen solchen Moment, so vielfältig mit einer Nobelpreisträgerin zu diskutieren, die unser Forschungsfeld maßgeblich geprägt hat, erlebt man wohl nur einmal im Laufe seiner Karriere“, so Schäper.
90 Minuten lang nahm sich Wirtschaftsnobelpreisträgerin Claudia Goldin (3. v.l.) Zeit, um mit Katharina Wrohlich (3. v.r.), Clara Schäper (2. v.r.) und den anderen Mitarbeiterinnen der Forschungsgruppe Gender Economics über ihre Forschung zu sprechen.
© DIW Berlin
Anna Lotta Noisten, studentische Mitarbeiterin, verweist beim Rückblick auf das Jubiläumsjahr auf zwei Videos, die im Rahmen der Kampagne veröffentlicht worden sind, eines zum 50. Jubiläum, eines zum 55. Jubiläums des DIW Berlin. „In beiden Videos zeigt sich, dass so gut wie keine Frauen am Institut gearbeitet haben, sondern fast nur rauchende alte Männer in Anzügen“, sagt Noisten. Jetzt, 50 bzw. 45 Jahre später hat das DIW Berlin zum ersten Mal einen paritätisch besetzten Vorstand, seitdem Sabine Zinn für das sozio-oekonomische Panel (SOEP) den Vorstandsposten übernommen hat. „Auch zu unsererem Jubiläumsfestakt im Mai im Mai haben wir ein all-female-Panel eingeladen“, stellt sie fest. Noisten fallen heute viele erfolgreiche Frauen am DIW Berlin ein: Das damalige „Herzstück“ des Institutes, die Konjunkturprognose, werde nun von einer Frau geleitet, Geraldine Dany-Knedlik. Weitere Wissenschaftlerinnen haben Preise gewonnen (beispielsweise Lavina Kinne mit dem Best Paper Prize), wurden ausgezeichnet (beispielsweise Claudia Kemfert und Sabine Zinn vom Tagesspiegel als "100 Köpfen der Wissenschaft 2025") oder haben eine neue Abteilung am Institut aufgebaut (Anna Bindler mit der Abteilung Kriminalität, Arbeit und Ungleichheit). „Die Liste ist viel zu lang, um alle dieser tollen Momente aufzuzählen. Auch wenn es noch Baustellen gibt, freue mich sehr, dass sich das Bild des Institutes gewandelt hat und nach 100 Jahren DIW-Geschichte nun Frauen eine erhebliche und gefestigte Rolle am Institut einnehmen“, so Noisten.
Im Jubiläumsjahr ist das DIW Berlin auch farbentechnisch wesentlich bunter aufgetreten. Das DIW-100 Jahre-Logo hatte Kommunikationsdesignerin Eva Kretschmer gestaltet. Für sie begann das Jahr dann aber mit einem kleinen Schreckmoment: Das so schön gestaltete Logo wollte im Foyer des Instituts nicht richtig halten und hat sich noch am selben Tag der Montage wieder gelöst. „Ein kleiner Schreck - hatte aber auch was von Luftschlangen und Lametta“, erinnert sich Kretschmer.
So hatte sich Eva Kretschmer das nicht vorgestellt: Das von ihr gestaltete Logo zu 100 Jahren DIW Berlin löste sich zuerst wieder von der Wand.
© DIW Berlin
Für Sabine Fiedler, Leiterin der Kommunikationsabteilung des DIW Berlin bleiben zwei Dinge in Erinnerung: „Das wunderschöne DIW 100-Logo, das die bunte Vielfalt des Instituts so toll abbildet und an dem ich mich das ganze Jahr nicht satt gesehen habe.“ Und sie freut sich, wie sie das Institut über die 100 Geschichten aus 100 Jahren noch einmal neu kennenlernen konnte und gleichzeitig etliche Parallelen zu heute gefunden hat. „Zu sehen, dass das Institut über die ganzen 100 Jahre so innovativ und vorne mit dabei war, egal ob es um wissenschaftliche Methoden, Themen oder Technik ging.“ Als Beispiel nennt sie den Schweinepreiszyklus, die Datensammlung am Alexanderplatz, der frühe Einsatz von Rechenmaschinen, Lochkarten und der eigenen Internetseite, das Aufkommen der Genderthemen oder das Investitionsprogramm aus dem Jahr 1978, in dem auch schon Investitionen in den Umweltschutz gefordert wurden.
„Wenn man sich die ganzen Geschichten anschaut, dann wird noch mal deutlich, dass dieses Institut offenbar schon immer Menschen angezogen hat, die die wissenschaftlichen Themen der Zukunft bearbeiten wollen und auch das Durchhaltevermögen haben, dafür ganz dicke Bretter zu bohren und sich dabei nicht entmutigen lassen“, so Fiedler.
Da ist Fiedler ganz bei DIW-Geschäftsführerin Denise Rüttinger, die sagt: „Vom Jubiläumsjahr bleibt für mich das wunderbare Gefühl, in einem Institut zu arbeiten, in dem viele Menschen sehr stolz darauf sind, ein Teil des Ganzen zu sein. DIWler*in zu sein ist mehr als ein Job für viele hier.“
Social Media-Manager Bastian Tittor denkt ebenfalls an die Menschen am DIW Berlin, wenn er das Jubiläumsjahr zurückdenkt. Das Jubiläumsjahr habe auf den unterschiedlichsten Kanälen die vielen Menschen in den Vordergrund gestellt, die zur erfolgreichen Geschichte der Institution DIW Berlin beigetragen haben. „Als sehr bereichernd empfand ich dabei, dass die Geschichten hinter DIW-Klassikern wie der Input-Output-Rechnung, der Bauvolumenrechnung oder dem Wärmemonitor „aus erster Hand“ von Protagonist*innen erzählt wurden, die deren Entstehung geprägt haben“, so Tittor.
Reiner Stäglin erklärt „seine“ Input-Output-Tabelle als Wandtafel.
© DIW Berlin
Tittor weist auch auf ein anderes wichtiges Thema hin, dass Teil des Jubiläumsjahr ist: Die kritische Aufarbeitung der Rolle des Instituts in der Zeit des Nationalsozialismus. „Mit dem historischen Institut der Universität Stuttgart konnte hierfür ein hervorragender Partner gewonnen werden“, sagt Tittor.
Lena Högemann hat in der Kommunikationsabteilung die Kampagne zu den 100 Geschichten geleitet. Sie ist beeindruckt von der Vielfalt der Themen am DIW Berlin. „Nie zuvor habe ich in einem Jahr so viel gelernt, wie in diesem Jahr am DIW Berlin“, erzählt sie. „Und dabei hatten alle Geschichten etwas mit Wirtschaftswissenschaften zu tun.“ Ausgezeichnet hätten die vielen Geschichten die Tiefe der Expertise, die dahinter liegt und eine große Bedeutung für die Herausforderungen der Zukunft. „Ob es die Klimaschutzverträge sind, die dazu beitragen können, dass bei der Stahl-, Zement- oder Plastikproduktion weniger Emissionen ausgestoßen werden, ob es die Auswirkungen von Sparauflagen in der Krise sind, die die Rechten erstarken lassen oder, dass auch Wirtschaftswissenschaften vor Macht und Missbrauch nicht verschont bleiben, diese Interviews mit absoluten Expert*innen am DIW Berlin und viele mehr, haben mich sehr geprägt, sagt Högemann.
„Ein Highlight des Jahres 2025 war die endlich erfolgte Umbenennung der Straße, in der das DIW seit 2007 sitzt“, sagt Franziska Holz, stellvertretende Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt. Der bisherige Name Mohrenstraße hatte einige Jahrhunderte bestanden, aber er war schon lange nicht mehr zeitgemäß. „Wir am DIW haben ihn als rassistisch empfunden und als unwürdig für eine weltoffene Stadt wie Berlin, die wir auch in unserem Institutsnamen tragen“, erinnert sich Holz. Die Mitarbeitenden des DIW Berlin seien damit sicher nicht die einzigen gewesen, immer wieder wurden den Straßenschildern und der gleichnamigen U-Bahn-Station Ö-Punkte aufgesetzt, um den Namen wenigstens etwas abzumildern. „Dass letztendlich mit Anton Wilhelm Amo, dem ersten afrikanisch-stämmigen Hochschullehrer in Deutschland, ein Akademiker als Namenspate gewählt wurde, passt für uns als Wissenschaftler*innen in dieser Straße besonders gut“, findet Holz. Als gebürtige Hallenserin freut sich Holz besonders, dass Amo an der Universität ihrer Heimatstadt Halle/Saale tätig war. „Die bunten Aufkleber mit dem neuen Straßennamen klebe ich sehr gerne auf meine Visitenkarte“, so Holz.
Die Rede Christian Drostens zum Festakt zum 100-jährigen Bestehen des DIW Berlin trug den Titel „Wissenschaft ist Freiheit und Pflicht“. Frederik Schulz-Greve erinnert sich: „Die Rede betonte, dass Wissenschaft eben nicht nur Freiheit, sondern auch Pflicht zur öffentlichen Positionierung bedeutet.“ In Zeiten von Meinungsmacht und postfaktischen Strömungen sei es deshalb umso entscheidender, dass Forschende ihre Ergebnisse klar, präzise und zielgruppenorientiert vermitteln könnten. „Denn wissenschaftliche Erkenntnisse entfalten ihren gesellschaftlichen Wert erst, wenn sie verständlich und glaubwürdig kommuniziert werden“, so Schulz-Greve, der in der Kommunikationsabteilung arbeitet.
© DIW Berlin/Photothek
Als Wissenschaftskommunikator, der am DIW-Trainingsprogramme mitgestalte, wie zum Beispiel das Interviewtraining, habe er sich durch die Rede bestätigt gefühlt, dass er und seine Kolleg*innen am DIW Berlin alles dafür tun müssten, die Wissenschaftler*innen am Haus beim Wissenstransfer so gut wie möglich zu unterstützen. „Damit wird nicht nur die demokratische Debatte gestützt, sondern auch die Innovationskraft und Akzeptanz wissenschaftlicher Lösungen erhöht“, sagt Schulz-Greve.
Drostens Keynote beeindruckte auch die Rhetoriker der Universität Tübingen. Das Seminar für Allgemeine Rhetorik zeichnete sie als „Rede des Jahres 2025“ aus und würdigte damit „das klare und eindringliche Plädoyer für eine engagierte Wissenschaft“Universität Tübingen (2025): Christian Drosten erhält Auszeichnung „Rede des Jahres 2025“ der Universität Tübingen, abrufbar unter: https://uni-tuebingen.de/universitaet/aktuelles-und-publikationen/pressemitteilungen/newsfullview-pressemitteilungen/article/christian-drosten-erhaelt-auszeichnung-rede-des-jahres-2025-der-universitaet-tuebingen/ und seinen „Aufruf, Freiheit und Demokratie nicht als selbstverständlich erachten“Universität Tübingen (2025): Christian Drosten erhält Auszeichnung „Rede des Jahres 2025“ der Universität Tübingen, abrufbar unter: https://uni-tuebingen.de/universitaet/aktuelles-und-publikationen/pressemitteilungen/newsfullview-pressemitteilungen/article/christian-drosten-erhaelt-auszeichnung-rede-des-jahres-2025-der-universitaet-tuebingen/. In der Pressemitteilung zur Verleihung der Auszeichnung hieß es weiter: „Er argumentiere in der ausgezeichneten Rede sachlich und stringent, klar und verständlich, so die Begründung der Jury. Er spare dabei unbequeme Wahrheiten nicht aus. Glaubwürdig werde der nüchtern-sachliche Stil des Redners durch seine persönliche Integrität. Der Redner selbst, sein Anliegen sowie sein Stil stellen den Rahmen einer bedeutsamen Rede dar.“Universität Tübingen (2025): Christian Drosten erhält Auszeichnung „Rede des Jahres 2025“ der Universität Tübingen, abrufbar unter: https://uni-tuebingen.de/universitaet/aktuelles-und-publikationen/pressemitteilungen/newsfullview-pressemitteilungen/article/christian-drosten-erhaelt-auszeichnung-rede-des-jahres-2025-der-universitaet-tuebingen/
Auch Karsten Neuhoff, Leiter der Abteilung Klimapolitik, zeigte sich beeindruckt von der Rede Drostens. „Dass das Ganze aber dann noch mal Monate später in der Tagesschau auftaucht, weil diese Rede als Rede des Jahres ausgezeichnet wird, war dann natürlich noch besonders beeindruckend“, so Neuhoff.