Inflationsunterschiede im Euroraum: Revision des EZB-Stabilitätsziels nicht erforderlich

Pressemitteilung vom 19. September 2001

Die hohen Inflationsunterschiede zwischen den Ländern des Euroraums sind nicht die zwangsläufige Folge eines Aufholprozesses wirtschaftlich schwächerer Länder, sondern Ergebnis einer stabilitätswidrigen Lohnpolitik in einzelnen Ländern. Das DIW Berlin spricht sich in seinem aktuellen Wochenbericht 38/2001 deshalb gegen eine in diesem Zusammenhang geforderte Erhöhung des Stabilitätsziels der EZB von 2 % auf 2,5 % aus. Vielmehr müsse sich die Lohnpolitik der Euroraum-Länder stärker an der gesamtwirtschaftlichen Produktivität orientieren, um die Preisstabilität nicht zu gefährden.
Das Berliner Institut zieht in seiner Untersuchung Spanien heran, das mit Abstand größte der aufholenden Länder. Mit 3,6 % weist Spanien eine deutlich höhere Inflationsrate als die restlichen Euro-Länder auf (EWU-Durchschnitt 2,7 %). Es wird häufig angeführt, dass diese Inflationsunterschiede die Folge einer nachholenden Entwicklung (sog. Balassa-Samuelson-Effekt) und daher hinzunehmen seien. Relativ hohe Inflationsraten würden zwangsläufig auftreten, da kräftige Lohnzuwächse in produktiven Sektoren auf unproduktivere Bereiche übergreifen. Um deflationäre Tendenzen bei EWU-Ländern mit niedrigeren Inflationsraten zu vermeiden, wird in diesem Zusammenhang auch ein großzügigeres Stabilitätsziel der EZB gefordert.
Das DIW Berlin zeigt jedoch, dass das Inflationsdifferential von Spanien mit der EWU in der zweiten Hälfte der 90er Jahre mit dem Balassa-Samuelson-Effekt nicht erklärt werden kann. Es ist somit nicht die unvermeidbare Begleiterscheinung eines langfristigen Aufholprozesses, die von der Politik einfach hinzunehmen ist. Der Ruf nach einer großzügigeren Geldpolitik ist verfehlt. Vielmehr ist eine Lohnpolitik in Spanien nötig, die sich an der gesamtwirtschaftlichen Produktivität orientiert. Denn für die hohe Inflationsrate ist der spanische Lohnbildungsmechanismus mit Indexierungsklauseln verantwortlich. Dieser birgt die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale, welche die Wettbewerbsfähigkeit Spaniens dauerhaft beeinträchtigen kann. Das Berliner Institut weist auf die besondere Rolle der Lohnpolitik in der EWU hin. Seit Beginn der Währungsunion kann eine nicht stabilitätskonforme Lohnpolitik in einzelnen Ländern nicht mehr durch eine restriktive Geldpolitik ausgeglichen werden, sondern führt zu einem unmittelbaren Verlust an Wettbewerbsfähigkeit.