Akademiker spenden mehr Geld, aber nicht mehr Blut

Pressemitteilung vom 21. Juli 2011

DIW-Studie untersucht Geld- und Blutspender nach ökonomischen und sozialen Merkmalen – Glückliche Menschen spenden mehr

Frauen spenden mehr als Männer, Alte mehr als Junge, Menschen in Westdeutschland mehr als in Ostdeutschland, Akademiker am meisten. Das alles, so zeigt eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) auf Basis der Erhebung Sozio-oekonomisches Panel (SOEP), gilt aber nur für Geldspenden. Bei Blutspenden sind soziale und finanzielle Unterschiede viel weniger von Belang. Hier spenden nahezu alle Schichten und Klassen gleich – allerdings auch viel seltener. Während fast 40 Prozent aller Erwachsenen in Deutschland im Jahr 2009 Geld spendeten, gaben nur sieben Prozent von ihrem Blut ab. Ein Faktor ist jedoch sowohl für Blut- wie auch für Geldspenden höher: „Menschen, die sich als glücklich bezeichnen, spenden generell öfter. Man kann also sagen, dass Spender die glücklicheren Menschen sind“, erläutert SOEP-Leiter Jürgen Schupp. Ob das höhere Glücksgefühl auf das Spenden zurückzuführen ist oder ob glücklichere Menschen eher bereit sind zu spenden, ist allerdings offen.

Informationen zu Art und Höhe der in Deutschland geleisteten Spenden gibt es viele. Durch die neuen Daten der vom DIW Berlin zusammen mit TNS Infratest Sozialforschung durchgeführten Langzeitstudie SOEP ist es jedoch erstmals möglich, der Frage nachzugehen, wer diese Menschen sind, die ihr Einkommen mit den Hilfsbedürftigen teilen. Mit den neuen Daten kann die Spendenbereitschaft nun nach Alter, Einkommen, Bildungsgrad, Beschäftigungsstatus und Lebenszufriedenheit analysiert werden.

Besonders im Bereich der Geldspenden stießen die Forscher dabei auf interessante Unterschiede. So spenden in Westdeutschland nicht nur anteilig mehr Menschen Geld (gut 40 Prozent aller Menschen im Westen, fast ein Drittel im Osten), sondern auch deutlich höhere Summen (durchschnittlich etwa 210 Euro pro Jahr im Westen, rund 140 Euro im Osten). Geht es jedoch nicht um Geld sondern um Blut, dreht sich das Verhältnis um: Hier spenden im Osten acht Prozent aller Menschen, im Westen nur sechs Prozent. „Eine mögliche Erklärung könnte die Praxis in der DDR gewesen sein. Dort gehörte das Blutspenden fest zum betrieblichen Gesundheitswesen. Es war normaler als in Westdeutschland“, sagt Eckhard Priller vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), der die Studie zusammen mit Jürgen Schupp verfasste.

Unterschiede in der Spendenfreudigkeit zeigen sich – wenn es ums Geld geht – auch zwischen den Geschlechtern, Altersklassen und Bildungsgruppen. Spendabler als die Männer sind die Frauen. Über 40 Prozent der Frauen spenden eigenen Angaben zufolge Geld, bei den Männern sind es nur 38 Prozent. Nach Alter sortiert sind die Ältesten die Spendabelsten: Bezeichnet sich im Alter zwischen 18 und 34 Jahren nur jeder Vierte als Spender, so wächst der Anteil in der Gruppe der Senioren über 65 Jahren auf mehr als 50 Prozent an. Einen ähnlich positiven Effekt hat die Bildung: „Je höher die Bildung ist, umso häufiger wird Geld gespendet“, sagt Schupp. „Am spendabelsten sind Personen mit einem Fachhochschul- oder Hochschulabschluss. Sie weisen eine Spenderquote von nahezu 60 Prozent auf.“ Bei Personen mit keinem oder einem niedrigeren Bildungsabschluss liegt der Anteil lediglich bei einem Drittel.

Insgesamt wurden in Deutschland 2009 rund 5,3 Milliarden Euro gespendet. „Das war mitten in der Wirtschafts- und Finanzkrise. Auch in dieser wirtschaftlich schweren Zeit, in der sich viele Menschen Sorgen um das eigene Geld machten, gab es keinen signifikanten Rückgang der Spendentätigkeit“, erläutert Schupp. Anteilig den größten Teil der Gesamtsumme spendeten die wohlhabendsten Menschen im Land: Das oberste Zehntel der Einkommensbezieher brachte 2009 insgesamt ein Drittel des Spendenvolumens auf. Sie spendeten nicht nur in absoluten, sondern auch in relativen Zahlen am meisten: Während das unterste Zehntel etwas mehr als ein Promille seines Jahreseinkommens spendete, war der Anteil im obersten Zehntel mit gut einem halben Prozent fast fünfmal so groß.
Bei den Blutspenden fanden die Wissenschaftler solche Zusammenhänge nicht. „Hier spielen Geld, Bildung und Geschlecht kaum eine Rolle. Einzig das Lebensalter hat Auswirkungen. Je älter die Menschen werden, desto seltener spenden sie Blut. Das hat höchstwahrscheinlich vor allem gesundheitliche Gründe“, so Schupp.

Einfluss sowohl auf Blut- als auch auf Geldspenden hat offenbar die Zufriedenheit der Menschen. „Diejenigen, die berichten, dass sie in den letzten Wochen glücklich waren, haben eine höhere Spendenbereitschaft, als diejenigen, die nicht so glücklich waren“, erklärt Schupp. „Wir wissen zwar im Moment nicht, ob Spenden glücklich macht oder ob glücklich sein zum Spenden verleitet. Aber der Zusammenhang zwischen den beiden Faktoren ist signifikant.“

 

Stichwort SOEP

Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist die größte und am längsten laufende multidisziplinäre Langzeitstudie in Deutschland und erhebt seit 1984 für Westdeutschland und seit 1990 für Ostdeutschland Daten zur sozialen und wirtschaftlichen Situation privater Haushalte. Das SOEP ist Teil der Forschungsinfrastruktur in Deutschland und wird unter dem Dach der Leibniz-Gemeinschaft (WGL) von Bund und Ländern gefördert. Angesiedelt ist das SOEP am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Für das SOEP befragen jedes Jahr etwa 600 Interviewerinnen und Interviewer vom Umfrageinstitut TNS Infratest Sozialforschung mehr als 20 000 Menschen in rund 11 000 Haushalten. Die so erhobenen Daten geben unter anderem Auskunft über Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung und Gesundheit. Forscherinnen und Forscher im In- und Ausland nutzen die SOEP-Daten für ihre Studien. Bis heute sind mehr als 6 000 Veröffentlichungen auf Basis der SOEP-Daten erschienen.

Im Erhebungsjahr 2010 wurde im Anschluss an umfangreiche Vorstudien ein Themenschwerpunkt zum Konsum- und Sparverhalten integriert. Dieses Modul enthält erstmals im SOEP auch Fragen zu Geldspenden und zum Blutspenden.

Links

  • Wer spendet was – und wieviel? Wochenbericht 29/2011 (PDF, 399.94 KB)
  • O-Ton von Jürgen Schupp
    Die Spendenbereitschaft bleibt auch in der Krise hoch - Sieben Fragen an Jürgen Schupp
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