In der Nähe von Mama und Papa ist es am schönsten

Pressemitteilung vom 5. April 2011

Die meisten jungen Erwachsenen ziehen nicht weiter weg als 10 Kilometer

Die Jugend weiß, wo es am schönsten ist: Ganz in der Nähe von Mutter und Vater. In die Ferne zieht es nur die wenigsten jungen Männer und Frauen, wenn sie das Elternhaus verlassen. Im Durchschnitt liegt ihre neue Bleibe gerade einmal 9,5 Kilometer entfernt vom Heim der Eltern. Jeder zehnte wagt sich sogar nur weniger als einen halben Kilometer weg. Das ist das Ergebnis einer jetzt vom  DIW Berlin veröffentlichten Studie einer Forschergruppe um Thomas Leopold von der Universität Bamberg. „Besonders, wenn Mutter und Vater noch in dem Ort leben, in dem die Jugendlichen aufgewachsen sind, bleiben sie in deren Nähe“, sagt der Sozialwissenschaftler.

Stichwort SOEP

Die Untersuchung basiert auf den Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), der größten und am längsten laufenden interdisziplinäre Längsschnittuntersuchung in Deutschland. Das SOEP ist am DIW Berlin angesiedelt und gibt Auskunft über Faktoren wie Persönlichkeitsmerkmale, Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung, Gesundheit und Lebenszufriedenheit. Im Auftrag des DIW Berlin werden jährlich mehr als 20 000 Personen in rund 10 000 Haushalten von TNS Infratest Sozialforschung befragt. Weil jedes Jahr dieselben Personen befragt werden, können nicht nur langfristige gesellschaftliche Trends sondern auch die gruppenspezifische Entwicklung von Lebensläufen besonders gut analysiert werden.
Leopold und seine Kollegen hatten Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP)  ausgewertet. Besonders anhänglich sind demnach vor allem wenig gebildete Jugendliche aus bildungsfernen und ärmeren Familien. Drei Viertel  von ihnen gründen ihren ersten eigenen Haushalt weniger als 20 Kilometer entfernt von den Eltern. „Selbst wenn es in der Region an Arbeitsplätzen mangelt, ist das für sie offenbar kein Grund, weiter weg zu ziehen“, sagt Thomas Leopold.

Vor allem junge Männer in Ostdeutschland sind stark im Ort ihrer Kindheit verwurzelt. Wesentlich mobiler sind dort die Frauen, die in der Regel besser ausgebildet sind als die jungen Männer. „Sie finden in ihren Heimatorten oft weder einen geeigneten Studien- oder Arbeitsplatz noch den passenden Partner“, so Leopold.

„Für gebildete Frauen kommt es in der Regel nicht in Frage „nach unten“ zu heiraten, also einen Mann zu wählen, der weniger verdient und einen schlechteren Schulabschluss hat“, erläutert der Bamberger Soziologieprofessor Hans-Peter Blossfeld, der über mehrere Jahre das Heiratsverhalten der Deutschen untersucht hat.

Eine Ausnahme bilden Töchter, die bei alleinerziehenden Müttern aufgewachsen sind. Sie halten dem Wohnort ihrer Mütter eher die Treue als Söhne. 

Die Ergebnisse der Sozialwissenschaftler stellen eine gängige Auffassung in Frage. „Wir gehen davon aus, dass die erste eigene Wohnung  eine geringere Rolle beim Erwachsenwerden spielt als bisher angenommen“, sagt Thomas Leopold. „Die meisten jungen Menschen bleiben in der Nähe der Eltern wohnen und verlassen ihr vertrautes Umfeld nicht. Warum sollten sie anschließend wesentlich selbständiger sein als zuvor?“

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